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Jeden Monat werden in der JAZZTHETIK die aktuellen CD und DVD Neuerscheinungen aus Jazz, Weltmusik, Elektronik, Blues, u.v.m. vorgestellt. Neben den Einzelvorstellungen gibt es auch monatliche Kolumnen zu speziellen Themen. Hier einige Besprechungen zum Probelesen aus der aktuellen Ausgabe. Aldo Romano
Flower Power
Aldo Romano: dr / Rémi Vignolo: b / Baptiste Trotignon: p
11 Tracks
Spieldauer: 56:16
Naïve
****
Die guten, alten Jazz-Standards werden zwar nie aus der Mode kommen. Aber da man sich schon mal im Hier und Jetzt befindet, ist einem die junge und jüngste Vergangenheit bisweilen näher als so manche Cole-Porter-Kamelle. Und so hat der italienische Wahl-Franzose und Schlagzeuger Aldo Romano in seinem Gedächtnis nach all den Ohrwürmern aus Pop, Rock und dem Chanson-Bereich gefahndet, die ihm ans Herz gewachsen sind. Bob Dylans »Mr Tambourine Man« etwa. Oder Led Zeppelins »Black Dog«, »The End« von den Doors und sogar »Your Song« von Elton John. Herauskommen ist so eine Hit-Sammlung, die das Hippie-Kiffer-Feeling der 60er und 70er Jahre unbeschadet überlebt hat. Mit seinen französischen Begleitern Rémi Vignolo und Baptiste Trotignon hat Romano diesen bunten Blumenstrauß zwar in ein konventionelles Klavier-Trio-Format eingehängt. Doch statt mit den Melodien improvisierend Schindluder zu treiben, hat man den musikantischen Dynamo jetzt an den amerikanischen Trio-Kollegen The Bad Plus ausgerichtet. Mit dicken Bass-Tauen und schneidig gesetzten Klavierakkorden holt man da aus Robert Wyatts »Sea Song« Wahnsinnsturbulenzen heraus, gerät Serge Gainsbourgs »Je t’aime moi non plus« zu einer herrlich süffigen Sause. Unüberhörbar ist nicht nur da der Spaß, mit dem man sich ins High-Energy-Rockkraftwerk einloggen konnte. Nur im Eröffnungsstück, in »Love Me, Please Love Me« des inzwischen weißmähnigen Michel Polnareff, legt das Romano-Trio ein klassisches Modern-Jazz-Tempo vor. Aber auch das so exquisit, dass man es sicher einmal irgendwann in einer Neuedition der Standard-Bibel, im »Real Book« finden wird.
Guido Fischer


Cheryl Bentyne
The Book of Love
Cheryl Bentyne: voc / John Pizzarelli, Mark Kibble, Alvin Chea, Zoë Allen: voc / Corey Allen: p, keyb / Kevin Axt: b / Dave Tull: dr / Grant Geissman, Wayne Johnson: g / The City of Prague Symphony Orchestra Strings / u.a.
12 Tracks
Produzent: Corey Allen
Spieldauer: 49:18
Telarc / In-Akustik
****
Mark Murphy
Love Is What Stays
Mark Murphy: voc / Till Brönner: tp, flh / Frank Chastenier: p / Christian von Kaphengst: b / Sebastian Merk: dr / Deutsches Symphonie Orchester Berlin / u.a.
13 Tracks
Produzent: Till Brönner
Spieldauer: 64:13
Verve / Universal
****(*)
Das Great American Songbook ist so voll von Verlangen, Treueschwüren, erfüllter und unerfüllter Liebe, Trennungsschmerz und sehnsuchtsvoller Erinnerung, dass es ein Leichtes ist, für jeden Gefühlszustand den passenden Song zu finden. Genau das hat Cheryl Bentyne mit ihrem Book of Love versucht: Sie zeichnet anhand von elf Liedern in sieben Kapiteln den Ablauf einer Beziehung nach – vom Kennenlernen über die Erfüllung bis zum Abschied. Ein Vorhaben, das den Zuhörer durchaus zu rühren vermag, da hier wohl jeder, der schon einmal geliebt hat, Bekanntes finden wird. Musikalisch bewegt sich die Sängerin auf gefälligem Pflaster, wechselt zwischen Balladen mit geschmackvoller Streicher-Untermalung, leichtem Swing und einem Hauch Latin hin und her, hier wird ein Geigensolo eingestreut, dort eine delikate klassische Gitarre. Durch die thematische Klammer der CD befragt man auch oft gehörte Standards wie »Blue Moon«, »You Go To My Head« oder »Cry Me a River« aufs Neue nach ihrem Inhalt und ihrem Platz in der Abfolge der Songs. Überraschenderweise steht im Zentrum der Aufnahme mit dem Titelstück kein Standard, sondern eine Komposition von Stephen Merritt, die er 2004 für seine Großtat 69 Love Songs mit den Magnetic Fields schrieb. Im Arrangement und unter Beteiligung von Mark Kibble, der gleich noch seinen Take-6-Kollegen Alvin Chea mit ins Studio brachte, ist der Titel ein kleines A-cappella-Meisterwerk, das einen Eindruck davon gibt, wie Take 6 als gemischte Gesangsgruppe klängen: großartig. Am Ende der CD steht die Reprise des Stücks für den Glauben daran, dass auch nach dem Abschied die Hoffnung nicht stirbt. Mit The Book of Love bestätigt Cheryl Bentyne, dass sie neben ihrer Arbeit mit Manhattan Transfer auch als Solo-Künstlerin immer deutlicher an Profil gewinnt.

Auch Mark Murphy besteht auf seiner neuen Aufnahme darauf, dass es die Liebe ist, die übrig bleibt, wenn alles zu Ende ist. Love Is What Stays knüpft an Once to Every Heart von 2005 an, seine erste Zusammenarbeit mit Till Brönner. Mit 74, ein halbes Jahrhundert nach seiner ersten Platte, zeigt Murphy hier erneut, was ihn zum Ausnahmekünstler und einem der größten lebenden Jazzsänger macht: Er lässt den Zuhörer durch seine Stimme an seinem enormen Erfahrungsschatz teilhaben, versteckt sich nicht hinter Gesangstechnik und klingt ehrlich und direkt. In fast fahrig wirkenden Scat-Soli schert er sich nicht um Schönklang, egal, ob die Stimme in der Tiefe wegbröselt oder im Falsett kiekst. Diese Schonungslosigkeit steht im reizvollen Kontrast zur Schönheit der Piano-Tupfen von Frank Chastenier und der einschmeichelnden Orchester-Arrangements von Nan Schwartz, etwa in »My Foolish Heart«, das zusätzlich durch ein Saxofon-Solo von Lee Konitz veredelt wird. Es liegt eine Schwermut über der Aufnahme, nicht zuletzt, weil es in den Texten häufig um das Verstreichen der Zeit geht. Eine Frage wie »Did I Ever Really Live« geht eben in die Tiefe, und das nicht nur, wenn sie von einem 74-Jährigen gesungen wird. Mit der ungewöhnlichen Wahl eines Johnny-Cash-Titels (»So Doggone Lonely«) und einer Coldplay-Ballade (»What If«) hatte Till Brönner eine glückliche Hand. Beide zählen musikalisch zu den interessantesten Titeln der CD. Weniger glücklich war Brönners Einfall, »Stolen Moments« in drei ein- und ausgeblendete Häppchen zerstückelt über die CD zu verteilen, wovon er sich laut Murphy größeren Erfolg auf dem japanischen Markt erhofft. Doch diese Schnapsidee bleibt die Ausnahme. Ansonsten schneidert Brönner Mark Murphy ein Alterswerk zurecht, das Bestand haben wird.
Guido Diesing


Noël Akchoté
So Lucky
20 Tracks
Produzent: Stefan Winter
Spieldauer: 58:08
Winter & Winter / edel
****(*)
Dies ist eine Liebesgeschichte, wie sie nur der Pop schreiben kann. Ein Mann, seine Gitarre und eine gewaltige Projektionsfläche namens Kylie Minogue. Der französische Tausendsassa Noël Akchoté interpretiert 20 Songs aus dem Œuvre der klitzekleinen Australierin, deren Karriere einige der interessantesten Volten der jüngeren Pophistorie ausweist. Angefangen als aufgekratzte und pferdebeschwanzte Hupfdohle aus dem Maschinenpark der Herren Stock/Aitken/Waterman über die respektvolle Wahrnehmung in Indieland durch das Duett mit Nick Cave (solche »überraschenden« Koalitionen funktionierten damals noch; in Zeiten des Featuring-Crossover dürfte das nur noch selten Aufsehen erregen) bis hin zur recht erstaunlichen Seligsprechung zu Zeiten von »Can’t Get You Out of My Head«, als plötzlich alle Kylie-Fans waren.

Auch Akchoté hat nach eigenen Angaben »einige violette Wäschestücke aus der ›Love Kylie‹-Kollektion an die Wand gehängt«, bevor er sich an die Arbeit machte, die Essenz der Minogue-Songs ganz pur und reduziert zu ergründen. Er setzt die Töne, Akkorde und Basslinien derart subtil zusammen, dass man den Eindruck gewinnt, in der Schreibwerkstatt eines Tin-Pan-Alley-Sklaven zu sitzen. Wann ist etwas noch Blues? Wann ist etwas eine abstrakte Tonfolge? Wann entsteht die Magie eines Hits? Wann schlägt das Forschen um in eine mitreißende Melodie wie bei »The Loco-Motion«, wie bei »Especially For You«, wie bei »Tears on My Pillow«, wie bei »Can’t Get You Out of My Head«? In welche Richtung läuft hier die Power der Dekonstruktion? Sind Minogue-Songs doch geradezu von essentieller Klassizität? Oder wird dies nur durch Akchotés Vorgehensweise zeichenhaft und provokant suggeriert? Auf jeden Fall ist So Lucky eine unverblümte akustische Liebeserklärung, die in ihren schönsten Momenten (und davon gibt es hier jede Menge) tatsächlich im Augenblick des Wiedererkennens ein Lächeln in die Gesichter der Zuhörer zaubert. Und es ist gewiss kein höhnisches oder despektierliches Grinsen, wie es die »falsche« Auratisierung illegitimer Kunst auslöst. Chapeau, Noël Akchoté!
Ulrich Kriest