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Jeden Monat werden in der JAZZTHETIK die aktuellen CD und DVD Neuerscheinungen aus Jazz, Weltmusik, Elektronik, Blues, u.v.m. vorgestellt. Neben den Einzelvorstellungen gibt es auch monatliche Kolumnen zu speziellen Themen. Hier einige Besprechungen zum Probelesen aus der aktuellen Ausgabe.

Enrico Rava Quintet
The Words And the Days
Enrico Rava: tp / Gianluca Petrella: tb / Andrea Pozza: p / Rosario Bonaccorso: b / Roberto Gatto: dr 12 Tracks Aufnahme: Dezember 2005, Udine Produzent: Manfred Eicher ECM / Universal
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Stefano Bollani hat den Klavierschemel in Enrico Ravas Quintett verlassen, an seine Stelle tritt Andrea Pozza. Das ändert wenig an der magischen Kommunikation der Musiker untereinander, schon Easy Living war ja vor zwei, drei Jahren - noch mit Bollani - eine reife Leistung. Auf der neuen Platte scheint die Geschmeidigkeit, mit der sich Rava und sein Posaunist Gianluca Petrella umspielen, noch ein Fünkchen eloquenter. Man höre nur einmal, wie sie sich gegen Schluss von »Secrets« aneinanderklammern, bevor sie in dem anschließenden Standard »The Wind« von Russ Freeman einander umzingeln - Petrella setzt die Tonlinien, die Rava anfängt, fort, verstärkt und untermalt sie an anderen Stellen oder setzt sich flugs obenauf. In der Mehrzahl sind Ravas neue Stücke - acht von zwölf Songs stammen aus seiner Feder - traum- und rauschhafte Elegien, aber manchmal sitzt ihm auch durchaus der Schalk im Nacken. »Echoes of Duke« ist so eine Nummer, in der Gianluca Petrella auch mal zirzensisch glänzen kann und Rosario Bonaccorso mit einem strikten Walking Bass zusammen mit dem Rava-Veteranen Roberto Gatto einen munteren Rhythmus hinlegt. Das Stück soll an Duke Ellingtons frühe Jahre im Cotton Club erinnern, und tatsächlich scheint eine Art Nachtclubatmosphäre durch die Boxen zu wehen, die aber von Andrea Pozza selbstverständlich mit allerlei Modernismen angereichert wird. Das perlt.

Mit The Words And the Days ist es Enrico Rava gelungen - fast ist man versucht zu sagen, mal wieder -, ein Album mit fröhlicher Melancholie zu füllen, und das mit einer Band, die in der Lage ist, rhythmische Flexibilität und das Dehnen der Takte auf einzigartige Weise zu exerzieren.
Rolf Thomas

Matthias Schriefl
Shreefpunk plus Strings
Matthias Schriefl: tp, flh / Johannes Behr: g / Robert Landfermann: b / Jens Düppe: dr / Gerdur Gunnarsdóttir & Christine Rox: viol / Stephan Blaumer: viola / Daniel Raabe: vc Köln Kuddelmuddel / Michael's Flat / Hanna's Haar / Ozonloch, I hob no koans gseng! / Danke / Aua! Vertrauen / Liebe / Das was hinten rauskommt Aufnahme: 7.-10.11.2006, Hansahaus-Studios, Bonn Produktion: Matthias Schriefl, Sigi Loch Spieldauer: 55:48 ACT
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Matthias Schriefl ist ein Phänomen. Weniger, weil er mit gerade mal 25 Jahren schon den WDR-Jazzpreis in die Scheuer fahren konnte, weniger, weil er ganz vorzüglich Trompete spielen kann. Sondern vielmehr, weil er schon und trotz dieser Fähigkeiten einem spezifischen Klang, einer eigenen musikalischen Welt Ausdruck verleihen kann. Die erinnert gewisslich auch ein wenig an den Berlin-Großstadt-Mitte-Sound, ist aber doch um einiges sinnlicher gestimmt. Was wiederum vielleicht auch daran liegt, dass Schriefl aus dem Allgäu kommt, gern mal in Lederhosen auftritt, den Naturburschen gibt, den's braucht, um seinem Instrument diesen bestimmten Ton zu entlocken. Nach zwei Jahren am Münchner Richard- Strauss-Konservatorium kam er an die Kölner Musikhochschule, verbrachte mit einem Socrates-Stipendium 2003 ein Jahr in, nein, nicht New York, sondern Amsterdam. Mit Peter Herbolzheimers Rhythm Combination & Brass war er auf Tour, die Bigbands von WDR, HR und NDR hat er von innen gesehen, Allan Botschinksy vertrat er 2006 auf der Europatournee des European Jazz Ensemble.

Shreefpunk plus Strings ist eben nicht einfach nur ein Plattendebüt mit Jazzquartett, sondern zusätzlich mit Streichquartett. Auf der CD bürstet Schriefl Jazz-Avantgarde und Neue Musik mit strubbeliger Punkattitüde und klassischem Vierer augenzwinkernd gegen den Strich, eine perfekte Vorlage für die wirklich phänomenalen solistischen Fähigkeiten des Trompeters. Daneben fallen seine Jazz-Mitmusiker etwas ab. Und dass die klangliche Vielfalt des Streichquartetts nicht zur Gänze ausgeschöpft, sondern eher Bigband-artig en bloc eingesetzt wird, lässt glücklicherweise noch ein wenig Entwicklungsweg nach oben offen. Sonst müsste einem wirklich angst und bange werden.
Henry Altmann


Nine Horses
Money For All
David Sylvian: voc, g, harm, Fender Rhodes / Steve Jansen: dr, perc, progr, keyb, spl / Burnt Friedman: electr, treatments, progr, dub effects / Atom: progr / Daniel Schroeter, Keith Lowe: b / Thomas Elbern, Tim Motzer, Joseph Suchy: g / Alexander Meyen: viol / Claudio Bohorquez: cello / Hayden Chisholm: cl / Norbert Kraemer: pauke / Morton Gronvad: vib / Stina Nordenstam, Derek Green, Tommi Blaize, Berverlei Brown, Andrea Grant: voc 8 Tracks Spieldauer: 44:41 Samadhisound / Galileo
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Ein kleines Neues aus dem Hause Sylvian & Co., 8 Tracks auf einer Dreiviertelstunde - auf Vinyl wäre es eine LP. Und was für eine. Plattentitel des Jahres schon jetzt, Favoritenposition als Anwärter für das musikalische Traumpaar des Jahres geht an David Sylvian und Burnt Friedman, der Remixe von drei Tracks des regulären Nine-Horses-Albums Snow Borne Sorrow und einen von »Get the Hell Out«, einem der drei neuen Stücke hier, gefertigt hat – meisterlich, nichts weniger. Ohne Aussage und Stratosphäre (if you catch my drift ...) der Originale auch nur anzutasten, greift er dennoch tief und grundlegend in die Tracks ein, betrachtet sie aus anderem Blickwinkel, in anderem Licht. Allein, wie Gastsängerin Stina Nordenstams Stimme in »Wonderful World« freigestellt inszeniert ist, gibt dem Stück eine grundlegend andere Gewichtung. Beim nachfolgenden »Birds Sing For Their Lives« hält sich Sylvian als Sänger gleich ganz raus und überlässt es der Norwegerin.

Das Titelstück, mit dem das Album beginnt, weist textlich erneut unmissverständlich Politisches auf, ist im Grunde ein poetischer Beitrag zum Mindestlohngedanken über das rein Monetäre hinaus. »Wipe your nation's shame from you / it's not where you're born, it's the things that you do«, setzt Sylvian sich auseinander und fordert: »Let revolution fill the air / let's show that monkey how much you care.«

Deutliche Worte eines distinguierten Menschen, dessen spiritueller Unterbau ganz offensichtlich nicht in beschaulicher Rückzüglichkeit endet, musikalisch angemessen unterlegt von einer kraftvollen Kontrabasslinie, elektronischen Bassdrum-Impulsen und Katzenfuttergitarre. Setzt der Wechselgesang mit den Background- Frauen ein, lässt sich das Ganze auch als postmoderne Variante eines »Field Holler« mit umgekehrten Vorzeichen rezipieren, jener Arbeitsgesänge der amerikanischen Sklaven vor dem Blues - nicht entwürdigende Schufterei entrechteter Massen also, sondern emanzipierte Forderungen von (potenziell) arbeitslosen Individuen. Karl Marx sollte das gefallen.
Rolf Jäger