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Jeden Monat werden in der JAZZTHETIK die aktuellen CD und DVD Neuerscheinungen aus Jazz, Weltmusik, Elektronik, Blues, u.v.m. vorgestellt. Neben den Einzelvorstellungen gibt es auch monatliche Kolumnen zu speziellen Themen. Hier einige Besprechungen zum Probelesen aus der aktuellen Ausgabe.

 

Brad Shepik Trio
Places You Go
Brad Shepik: g / Gary Versace: hammond B-3 / Tom Rainey: dr
Témoin / Air / Return / Crossing / Five And Dime / The South / As Was / Frozen / Batur / Tides
Aufnahme: Oktober 2005/Juli 2006, New York
Produzent: Brad Shepik
Spieldauer: 57:28
Songlines / Sunny Moon
***
Es sind eine Menge Orte, an die sich der Gitarrist Brad Shepik - bekannt geworden durch seine langjährige Zusammenarbeit mit dem Trompeter Dave Douglas - mit seinem neuen Trio begibt. Schräge Takte und der Ritt durch die Skalen machen in »Crossing« einen großen Teil des Reizes aus, der die drei Musiker befeuert. Und der Opener »Témoin« ist die saftige Funk-Schnitte, die man von einer solchen Besetzung erwartet. Durch das ganze Album hindurch sind es aber eher die ruhigen Stücke, die das ganze Potential von Shepiks Trio ausmachen.
In »Five And Dime« ist es ein sanftes Lodern von Gary Versaces Hammond B-3, das das gleitende Züngeln von Brad Shepiks Gitarre befeuert. Noch zurückhaltender keucht und ächzt Versaces Orgel in »Return« - hier glänzt Shepik mit einem besonders schönen Sound, der von Tom Raineys zurückhaltender, aber songdienlicher Begleitung beleuchtet wird. Kühl und elegant lässt der Leader seine Gitarre in »The South« glitzern, und es sind noch am ehesten Tom Raineys lässig stolpernde Beats, die etwas vom sumpfigen Feeling des amerikanischen Südens aufkommen lassen. Perlende Single Notes, ein Anklang von Kirchenorgel und ein Rubato-Feeling, das von Raineys Besen hier und da aufgebrochen wird, machen »As Was« zu einer schwelgerischen Ballade. Geschrieben hat der Gitarrist die zehn Stücke in Brooklyn, Dulles, Santa Barbara - und in der U-Bahn. »Wie sehr man ›da‹ sein kann, macht einen großen Teil des Spaßes und der Herausforderung beim Musikmachen und Reisen aus«, schreibt Brad Shepik in den sympathisch zurückhaltenden Liner Notes, und dem New Yorker Songlines-Label ist es gelungen, den delikaten und fragilen Klang dieses Trios adäquat einzufangen.
Rolf Thomas

David Friedman Tambour
Rodney’s Parallel Universe
David Friedman: vibes, marimba / Jean Louis Matinier: acc / Peter Weniger: sax / Pepe Berns: b
Ishtar / Forgotten Country – National Pride / Forgiving / Echoes of the 10th Dimension / Inside the Bubble / Omoa / Trolls / Silent Water – Before the Rain / Rodney’s Parallel Universe / Bubbles of Nothing / And He Loved His Brother To the End / Homeward Bound
Aufnahme: Dezember 2006
Produzent: David Friedman
Spieldauer: 58:35
Skip Records / Soulfood
****
Eine aparte Klangkombination hat sich der Vibraphonist David Friedman für seine neueste Produktion Rodney’s Parallel Universe ausgesucht. Zum »normalen« Trio mit Bassist Pepe Berns und Saxophonist Peter Weniger kommt noch der Akkordeon-Virtuose Jean Louis Matinier dazu. Die Kombination von Vibraphon (oder Marimbaphon mit seinem warmen Klang), Kontrabass, Akkordeon und dem manchmal in Zwischenstimmen versteckten Tenorsaxophonklang lässt die Musik flirren. Vertrackte Rhythmen, vom Marimbaphon vorgegeben, bilden zum Beispiel den Ausgangspunkt der hervorragenden Kollektivkomposition »Forgiving«. Der Kontrabass setzt einen rhythmischen Kontrapunkt dagegen, Saxophon und Akkordeon umschmeicheln sich gegenseitig, werfen sich die Bälle in Melodie und Begleitung zu. Drei Stücke sind auf diese Art und Weise entstanden, die anderen neun Stücke stammen aus der Feder von David Friedman oder (die einzige Fremdkomposition) von Bandoneonspieler Dino Saluzzi. Durchstrukturierte Passagen mit schönen melodischen Bögen wechseln sich gekonnt ab mit freieren Parts.
Schön an diesem Paralleluniversum ist auch, dass David Friedman seine Liebe zum Marimbaphon und seinem warmen Holzklang wieder entdeckt hat. Es ist lange her, dass diese Mallets einen so breiten Raum auf einer Produktion des Vibraphonisten einnahmen. Die Mitstreiter seiner Band Tambour sind echte Teamarbeiter, keiner der Musiker drängelt sich in den Vordergrund - dort steht immer das musikalische Ganze. Das starke rhythmische Element lässt auch zu keiner Sekunde die Abwesenheit von Drums oder Percussion feststellen. Das Trio Tambour ist durch den Gast Matinier zu einer neuen, anderen musikalischen Größe geworden, denn manchmal geht die Rechnung 3 + 1 nicht mit vier, sondern mit größer als vier auf.
Angela Ballhorn


Erika

Ein spätes Debüt ist ein relativer Gemeinplatz. Ein Begriff, der sich auf vieles und wenig beziehen kann. Auf das Lebensalter der spät debütierenden Person oder auf die ungewöhnlich große Anzahl ihrer aktiven Jahre, bis das erste Soloalbum da ist. Und auch das ist ein spätes Debüt – ein Soloalbum als erste musikalische Publikation einer Person unter eigenem Namen statt als Mitglied einer Gruppe. Im Jazz ist man dann ein »Leader«, im Gegensatz zum »Sideman«, während es solche ausgewiesenen Hierarchien in Rockbands eigentlich nicht gibt.
Ihr Band-Debüt gab Gudrun Gut (dr, voc) nach einer kurzen Zeit bei der Experimentalband DIN A Testbild und den ganz frühen Einstürzenden Neubauten bei Mania D., mit Bettina Köster (sax, voc) und Beate Bartel (b, voc). Als das Trio nach kurzer Zeit und einer EP (1980) zum Quintett Malaria! geworden war, hatte Gut ihre Wurzeln bereits aus der heimatlichen Lüneburger Heide gerissen (eigentlich müsste sie Erika heißen) und steckte tief in der Berliner Subkultur. Dies waren die Tage der Neuen Deutschen Welle, als jener Begriff noch Experiment, Idee, Inspiration und Abenteuer bedeutete. Das Ding aus der Subkultur, nicht der bürgerliche Schrei nach Spaß. Auf die bürgerlich anerkannte Art der Beherrschung der Instrumente als Kriterium wurde gern gepfiffen; für Neuerungen nach Art der so genannten »genialen Dilettanten« waren jene Kriterien ohnehin ein Hindernis. Malaria!, Palais Schaumburg, S.Y.P.H. u.a. näherten sich den Instrumenten mit viel Chuzpe auf neuen Wegen. Ihre Musik riss Wände in den Ohren ein, machte neue Hörgewohnheiten und Sichtweisen frei. »Kinderfunk« etwa heißt ein Stück auf der Mania-D.-EP, eine löcherig rumpelnde, Bassgitarren-zentrierte 2-Minuten-Nummer, deren Titel das Kinderprogramm im Radio meinen konnte - oder aber ein Stückchen Funk Music, dem die stil-immanente strikte Präzision ebenso fehlt wie den meisten kleinen Kindern: Kinder-Funk, so könnte der klingen. Derlei wurde dem Hörer nicht bloß vorgesetzt, es war die unausgesprochene Aufforderung, das Hören von Musik nicht als rein passives Konsumieren zu verstehen, sondern als Prozess.
Malaria! spielten eine gleichermaßen kühle wie wilde, tanzbare Musik, die Free Jazz ebenso viel zu verdanken hatte wie New Wave. Ihre Musik hatte Zulauf, obwohl in großen Lettern »AVANTGARDE!!« draufstand und statt Gitarre ein nervös hupendes Saxofon im Vordergrund war. Die Texte waren mitunter so ungemütlich wie der Bandname. »Duschen« z.B. hatte eben nicht bloß galligen Humor und Sozialkritik, sondern durch die manisch-lakonische Vortragsweise und den Hang zum Atonalen auch Konnotationen zur Ökonomie des NS-Staates: »Geh’ duschen, geh’ duschen / ab in die Fabrik.« »Kaltes klares Wasser« geriet zum alternativen Kulthit – das gleiche kalte klare Wasser, das 2002 in der Chicks-On-Speed-Version zum Club-Hit avancierte. As time goes by ...
1983, als die quietschige NDW-Schlagerfraktion gleichzeitig auf dem Höhepunkt und kurz vor dem Kollaps stand, hörten Malaria! auf – und Gudrun Gut fing gerade erst an. Von Belang sind dabei zunächst Matador, eine Trio-Version von Malaria! mit Manon P. Duursma und Beate Bartel, in der Gut mit dem Computer zu komponieren begann. Eine technologische Erweiterung, die das Multimedia-Projekt Miasma, das Gut 1991 mit der kanadischen Autorin und Künstlerin Myra Davies gründete, mit ermöglicht haben dürfte.
Gut betreibt zwei Plattenlabel: MOABIT (seit 1990), auf dem sie Malaria! u.a. veröffentlicht, an dem sie persönlich beteiligt ist. MONIKA ENTERPRISE (seit 1997) fördert junge Bands und Künstler wie Barbara Morgenstern, Contriva und Komeit, Musik im Spannungsfeld zwischen Indie-Pop und Elektronik, für den Gut den Begriff »Indietronics« fand. Ebenfalls vor 10 Jahren rief sie den OCEANCLUB ins Leben, einen mehr oder weniger losen Zusammenschluss gleichgesinnter Musik-Seelen wie Ex-Palais-Schaumburger Thomas Fehlmann, Künstler Wolfgang Betke u.a. Einst Insidertipp, ist der Club heute regelmäßig im Potsdamer Radio Eins auf Sendung und besetzt einmal monatlich den Berliner Szeneladen WMF. Wie die gute Frau bei alledem noch ihre internationalen DJ-Engagements bewältigt, ist dagegen nicht bekannt.
Man könnte von Workaholismus sprechen - wäre da nicht I Put a Record On, ein exzellentes und sehr persönliches Album, das so unangestrengt daherkommt wie ein Zug Atemluft: ein hochdichtes, gehaltvolles Element, das doch wie von selbst einströmt. Dem nicht in oberflächlichen Selbstzitaten und eitlen, durch offenkundige Bescheidenheit getarnten Verweisen auf die knapp dreißigjährige Karriere der Gut die Puste ausgeht, sondern als selbstreferentielles Moment unterschwellig, in flux bleibt. »Move Me« eröffnet mit einer Mischung aus Dark Wave, Tango und Spoken Word, »Rock Bottom Riser« ist die Beinah-Entstellung des Smog-Originals, »Pleasuretrain« hat den Dub-Blues; und der »Girlboogie 6« ist – ein Boogie, in vollkommen artfremdem Soundgewand. Guts etwas rauchige, leise Stimme dringt durch dicke, genau dosierte Synthieflächen dicht ans Ohr, die Beats und Sounds sind knapp, die Samples ebenso unauffällig wie die Entwicklungen, die jedes einzelne Stück der Platte durchläuft.
Sehr Gut.
Rolf Jäger

Gudrun Gut
I Put a Record On
Gudrun Gut: voc, instr / mit: Manon P. Duursma, Uta Heller, Matt Elliott, Dirk Markham
11 Tracks
Aufnahme: Good Studio, Berlin
Produzentin: Gudrun Gut
Spieldauer 47:00
Monika Enterprise / Indigo
*****



R.D. Burman
A Bollywood Legend
26 Tracks
Spieldauer: 63:41 (CD1) / 66:56 (CD2)
Saregama / Peacelounge Records
*****
Bollywood ist in – schon eine ganze Zeit lang. Denjenigen, die sich von der vor ein paar Jahren in Europa angelaufenen Welle bereits haben mitreißen lassen, muss man den Namen Rahul Dev Burman nicht mehr erklären. Die populäre Musik Indiens ist untrennbar mit dem Namen Asha Bhosles verbunden (von der man annimmt, dass sie über 12.000 Songs aufgenommen hat). Burman war ihr zweiter Ehemann und ab den späten 60er Jahren Hauptkomponist der indischen Traumfabrik.
Wer bislang noch keine Bollywood-Compilation in seiner Sammlung hat, für den ist diese CD mit ihrer Mischung aus Greatest Hits und Rarities der beste Startpunkt. Denn der Kompositionsstil Burmans (ein Schüler Ali Akbar Khans) war dermaßen eklektisch, dass es eine diebische Freude ist, darauf zu lauern, mit welchem stilistischen Holzhammer er als Nächstes zuschlagen wird. Ähnlich wie die jamaikanische Spielart der Popmusik mit ihrem schier endlosen Recyceln von Riddims in den letzten Jahren immer zum Paten des Remix gemacht wurde, so könnte man auch die Musik der Bollywood-Filme als Urahn des musikalischen Cut & Paste betrachten.
Auch in der indischen Traumfabrik musste neben Klasse vor allem Masse her – mittlerweile produziert man auf dem Subkontinent an die 1000 (!) Filme pro Jahr, die alle zwischen fünf und zehn längere so genannte »Song and Dance«-Szenen enthalten müssen. Angesichts solcher Zahlen wundert es kaum, wenn man auf dieser CD neben typisch Indischem wie Sitar oder Tablas auch Flamencogitarren oder italienisch anmutende Concertinas durchs Klangbild geistern hört. Höhepunkt dieses stilistischen Potpourris ist definitiv eine auf Hindi getrimmte Version von Chubby Checkers »Let’s Twist Again« (»Aao Twist Karein«). Am Ende der beiden CDs bleibt die Erkenntnis, dass Sampling in Indien schon ein uralter Hut war, als es hier als das neueste Ding seit Milch in Dosen verkauft wurde. Kein Wunder – schließlich hat Indien eine der ältesten Musiktraditionen der Welt. Da darf man nach jahrtausendelanger Beschäftigung mit der eigenen Musik auch ruhig mal in fremde Töpfe greifen. Wie viel Spaß Burman das gemacht haben muss, kann man beim Hören dieser CD direkt nachvollziehen.
Ralf Bei der Kellen