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TonspurenIn jeder Ausgabe der JAZZTHETIK werden die aktuellen CD und DVD Neuerscheinungen aus Jazz, Weltmusik, Elektronik, Blues, u.v.m. vorgestellt. Neben den Einzelvorstellungen gibt es auch Kolumnen zu speziellen Themen. Hier finden Sie 3 ausgewählte Rezensionen zum Probelesen!

Kenny Barron & Dave Hollandrezi1114 2
The Art of Conversation
Impulse! / Universal­
****(*)
Gibt es eigentlich einen besseren Gesprächspartner als Kenny Barron? In einer Zeit, in der Konversation – sowohl verbal wie instrumental – nur noch als bloße Aneinanderreihung von Statements verstanden wird, gehört der Pianist fast schon zur Old School. Dabei schrieb er mit seinen finalen Dialogen mit Stan Getz ein Stück Jazzgeschichte und bestach im Laufe seiner Karriere immer wieder durch kammermusikalische Duo-Preziosen an der Seite von Charlie Haden, Regina Carter, Tommy Flanagan, Mino Cinelu, Buster Williams, Red Mitchell, Joe Locke oder Claire Martin. Barron versteht sich in erster Linie als Zuhörer, der die Beiträge seines jeweiligen Gegenübers assimiliert. Das ist die eigentliche Kunst: Das Ego zugunsten eines neuen, gemeinsamen Sounds über Bord werfen. Es muss niemanden überraschen, dass dies mit Dave Holland ebenfalls vorzüglich klappt. Der amerikanische Klavierspieler und der Engländer am Bass haken sich unter und marschieren schnurstracks drauflos; swingend, trabend, aufgeladen mit unter der Oberfläche brodelnder Energie. Jeder nimmt Platz im Kopf des anderen, die Gedanken verbinden sich zu einem mächtigen Fluss. Und die Resultate, mögen sie auch noch so konservativ daherkommen, überraschen. Ob das betörende „Rain“, das monkische „The Only One“, die stolze Kenny-Wheeler-Hommage „Waltz For K. W.“ oder die erstaunlichen Bebop-Standards „Segment“ oder „In Walked Bud“: Es geht in alle Richtungen. Barron und Holland blicken einander inmitten glitzernder Harmonien voller komplexer Winkelzüge an und entdecken sich dabei selbst.
Reinhard Köchl


A Bu Triorezi1114 1
88 Tones of Black And White
Sennheiser Media / Harmonia Mundi
***
Die CD des chinesischen Pianisten A Bu landete schon alleine wegen seines Namens oben auf meinem CD-Stapel, zudem der Bassist des Trios noch den schönen Namen Ma Kai trägt und der Drummer Shao Ha Ha heißt. Dem grafischen Cover war allerdings nicht zu entnehmen, dass A Bu erst 14 Lenze zählt. Laut Presseinfo hat er als Vierjähriger im Musikladen seine Eltern gebeten, ihm das größte Instrument zu kaufen, den Flügel. Schon mit neun Jahren wird er am Musikkonservatorium in Peking angenommen, da hatte er schon seit fünf Jahren klassischen Klavierunterricht. Ebenfalls mit neun Jahren entdeckt A Bu seine Begeisterung für Jazz und wird auch hier gefördert. Zu seinem Unterricht in China hat er verschiedene Summercamps im Heimatland des Jazz, den USA, durchlaufen. Mittlerweile, mit 14, ist A Bu fast schon ein alter Hase. Er hat sich durch Festivalauftritte einen Namen machen können und die Firma Sennheiser auf sich aufmerksam gemacht, die ihren Toningenieur und Produzenten, Grammy-Gewinner Jakob Händel, nach China schickte, um A Bus Debüt-CD aufzunehmen. Für sein zartes Alter ist A Bus Technik unglaublich, er beherrscht das Klavier meisterlich, und auch im Genre Jazz kennt er sich bereits bestens aus. Für sein Debüt-Album hat er sich Klassiker der Jazzgeschichte herausgepickt („Night In Tunesia“, „Round Midnight“, „Giant Steps“ und „All the Things You Are“), „Miles Davis' Licks“ und „September 2nd“ von Michel Petrucciani und eine bearbeitete Invention von Johann Sebastian Bach. Insgesamt 75 Minuten in bester Sennheiser-Klangqualität. A Bus Trio ist gut eingespielt und es macht Spaß zuzuhören – und zuzusehen, denn der CD ist auch eine DVD mit drei Titeln des Trios beigelegt.
Angela Ballhorn

Ernst Reijsegertonspuren
Feature
Winter & Winter
***(*)
Der niederländische Cellist Ernst Reijseger, seit jeher Grenzgänger zwischen sämtlichen musikalischen Welten, wird am 13. November sechzig Jahre alt. Dazu unseren herzlichen Glückwunsch! Wer feiern möchte, sollte am besten zu der aus diesem Anlass erscheinenden neuen CD von Reijseger greifen, die Aufnahmen aus den letzten vier Jahren zusammenfasst.

Das eigentümliche „The Face of God“ – neun Minuten, die schillern wie ein Kaleidoskop und gleichzeitig seltsam ungreifbar wie ein entfernter Traum sind – zeigt vielleicht am exemplarischsten, worum es Reijseger in seiner Musik geht. Er möchte sein Instrument (oder auch das Mandolacello oder die Tenorgitarre) immer wieder in neue künstlerische Zusammenhänge stellen, sei es das liebliche Akkordeon des Italieners Luciano Biondini, die raue Stimme der türkischen Sängerin Ceylan Ertem („Elena“) oder die monumentale Kirchenorgel seines langjährigen Wegbegleiters, des niederländischen Pianisten Harmen Fraanje. Feature präsentiert außerdem neue Werke für Reijsegers Ensemble mit fünf Celli, Duette mit dem Perkussionisten Alan „Gunga“ Purves und die Neuproduktion des Schlüsselwerks „Tell Me Everything“. Was sich auf dem Papier wie ein Sammelsurium liest, wird durch die überragende Künstlerpersönlichkeit Ernst Reijsegers, einem Einzelgänger par excellence – der aber immer wieder auf Gleichgesinnte stößt, zu denen selbstverständlich auch Labelboss Stefan Winter zählt, der dem Künstler seit fast zwanzig Jahren die Treue hält –, zusammengehalten.
Rolf Thomas