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TonspurenIn jeder Ausgabe der JAZZTHETIK werden die aktuellen CD und DVD Neuerscheinungen aus Jazz, Weltmusik, Elektronik, Blues, u.v.m. vorgestellt. Neben den Einzelvorstellungen gibt es auch Kolumnen zu speziellen Themen. Hier finden Sie 3 ausgewählte Rezensionen zum Probelesen!

 

james farmJames Farm Tonspuren
City Folk
Nonesuch / Warner
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Wirklich geile Musik ist voller Melodie. James Farm liefert genau das. 2009 gründete Saxofonist Joshua Redman das Quartett mit Aaron Parks am Klavier, Matt Penman am Bass und Eric Harland am Schlagzeug. 2010 ging die Band ins Studio und ihr Debütalbum James Farm wurde ein kompositorisches Highlight. Nach dreimaligem Anhören konnte man etliche Themen mitsingen. Die Arrangements waren klasse. Die Improvisationen erzählten etwas. Die starke Persönlichkeit der Aufnahme wirkte anziehend. James Farm, das selbst betitelte, war ein kleines Gesamtkunstwerk mit hohem Wiedererkennungswert. City Folk, das Nachfolgealbum, ist kaum anders. Die Persönlichkeit ist da, die Faszination von vier Musikern, die in dieser Formation über sich selbst hinauswachsen, ist unverändert. Thematisch gibt’s ein Minus: Nur die ersten beiden Stücke stechen wirklich heraus. City Folk ist James Farm aber fast ebenbürtig – ein ganz ausgezeichnetes Jazzalbum vierer gleichberechtigter Musiker, die einen verbindlichen, zeitgemäßen Stil entwickelt haben.
Katharina Lohmann

heliocentric counterblastHeliocentric Counterblast
Planetary Tunes
Enja / Yellowbird / Soulfood
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Bereits zum zweiten Mal widmet sich das Oktett um die Berliner Altsaxofonistin Kathrin Lemke, die auch als hochgeschätzte Kolumnistin in der JAZZTHETIK ihre pointierte Sicht der aktuellen Szene offenbart, dem Klanguniversum von Sun Ra, der im vergangenen Jahr 100 geworden wäre. Daher wird man auch nicht behaupten wollen, die Formation wäre mit dieser Veröffentlichung lediglich auf ein Stück der Geburtstagstorte aus. Im Gegenteil: Wie tiefgreifend die Beschäftigung mit dem Werk des extraterrestrischen Exzentrikers – der seiner eigenen Schöpfungslegende zufolge ja vom Saturn stammte – in der Zwischenzeit geworden ist, zeigt sich auf Planetary Tunes. Nicht nur halten sich darauf Interpretationen von Ra-Originalen mit Eigenkompositionen der Bandleaderin die Waage, mehr noch: Stücke wie „Mother Earth“, „Mars“, „Pluto“, „Uranus“ und „NepTune“ verbinden sich mit Klassikern wie „Saturn“ und „Rocket #9“ zu einem vervollständigten Porträt des Sonnensystems und ergeben ein rundum stimmiges, aller Disparitäten, die der Arkestra-Musik innewohnen, zum Trotz äußerst konsistentes Album. Nachdem Heliocentric Counterblast mittlerweile ohne die Förderung des Berliner Senats und der Initiative Musik auskommen müssen, ein umso höher einzuschätzendes Ergebnis. Erstaunlich leicht klingt das, wenn man den Kraftakt bedenkt, den der Unterhalt einer derart glänzend besetzten Klein-Big-Band darstellt – nicht nur in finanzieller, sondern auch in künstlerischer Hinsicht. Die exzellente Kommunikation des für drei Stücke noch um den Synthesizer-Experten Johannes Schleiermacher verstärkten Ensembles wird vom beweglichen Spiel Lemkes wie durch ein Gravitationszentrum geordnet.
Harry Schmidt

in the orbit of raSun Ra & His Arkestra
In the Orbit of Ra
Strut / K7 / Al!ve
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Just in time zum Jubiläum von Sun Ra, der im vergangenen Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, hat Marshall Allen, am Altsaxofon, der Flöte sowie weiteren Holzblas- und Schlaginstrumenten einer der präsentesten Musiker des Arkestra und bis zum heutigen Tag dessen Bandleader, als Nachlassverwalter für Strut eine Compilation zusammengestellt, die dank seiner Kompetenz endlich eine gültige Eintrittskarte in das Universum dieser lange Zeit merkwürdigsten Formation der Jazzgeschichte anbietet und das Bahnbrechende seiner Musik greifbar macht. Auf zwei CDs (bzw. zwei LPs) wird nicht nur die unberechenbare Vielfalt des Œuvres beleuchtet, sondern schlagartig sichtbar, wie singulär die Figur Ras gewesen ist – angesichts der Unübersichtlichkeit der rund 100 Alben umfassenden Diskografie des ursprünglich von Fletcher Henderson herkommenden Bandleaders ein Unterfangen, dessen Wert gar nicht überschätzt werden kann. Ras historisches Verdienst ist die Verschmelzung von Science-Fiction mit altägyptischen Mythen. Als Erfinder des Afrofuturismus und direkter Vorläufer von Space-Funk-Bands wie Funkadelic bleibt sein Einfluss bis heute spürbar: Das Arkestra ist die Mutter aller Motherships. Hochmodern daran war, dass – obwohl das Ensemble begnadete Instrumentalisten und eigentümliche Solisten beheimatete – Virtuosentum nicht mehr im Vordergrund stand. Eher geht es darum, diese rätselhafte Maschine am Laufen zu halten, die Ra aus seiner Big Band gemacht hat. „The Lady With the Golden Stockings“ demonstriert, wie suggestiv dieser Ensembleklang wirkt: Pulsierend gleitet man wie in Trance durchs Schilf, die matten Klangfarben der Bläser zeichnen einen Sound drückender Hitze. Dazu kommt die Kühnheit, mit der der Pianist Ra die Konventionen der Funktionsharmonik hinter sich gelassen hat: Man höre die Kollektivimprovisation auf „Astro Black“, die Ra auch als Pionier elektronischer Klangerzeugung zeigt, die in ihrer Radikalität dem Sounddesign heutiger Techno-Produzenten in nichts nachsteht. Wie sehr der Blues mit dieser Erfahrung verbunden ist, erfährt man mit dem bislang unveröffentlichten Live-Solo-Song „Trying To Put the Blame on Me“, auf dem Ra mit unglaublich altersloser Stimme zu hören ist: „This world is strange, strange world to me.“
Harry Schmidt