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TonspurenIn jeder Ausgabe der JAZZTHETIK werden die aktuellen CD und DVD Neuerscheinungen aus Jazz, Weltmusik, Elektronik, Blues, u.v.m. vorgestellt. Neben den Einzelvorstellungen gibt es auch Kolumnen zu speziellen Themen. Hier finden Sie 3 ausgewählte Rezensionen zum Probelesen!

 

jack dejohnetteJack DeJohnetteJ03 green
Made in Chicago
ECM / Universal
*****
Das Durchschnittsalter dieses Allstar-Quintetts dürfte so bei siebzig Jahren liegen. Schließlich geht allein schon Muhal Richard Abrams stramm auf das 85. Lebensjahr zu. Und Jack DeJohnette, dieser unermüdlich sich in allen Jazzecken tummelnde Schlagzeuger, ist auch nicht mehr der Jüngste. Aber im Grunde verhält es sich bei dieser Formation so wie etwa bei der von Peter Brötzmann angeführten Fraktion bundesdeutscher Jazzfreigeister: Visionen und radikale Statements sind keine Frage des Alters, sondern der Phantasie und der Erfahrung. Und wenn man diesen fünf Musikern jetzt bei ihren Gedankengängen und all den Dialogen samt rücksichtslos formulierter Ein- und Widersprüche zuhört, muss man dem Jazz die Qualitäten eines Jungbrunnens attestieren.
An jenem Konzertabend, der auf Initiative von DeJohnette im August 2013 in Chicago stattfand, hätte man in gemeinsamen Erinnerungen schwelgen können. Immerhin kennen sich DeJohnette, Pianist Muhal Richard Abrams sowie die beiden Saxofonisten Roscoe Mitchell und Henry Threadgill schon eine halbe Ewigkeit. Anfang der 1960er Jahren hatten die vier Musiker in Chicago auch unter dem Projekt-Label „Advancement of Creative Musicians“ (AACM) ein Forum für wagemutige und auch leicht verrückte Jazzmusiker gegründet. Seitdem hat jeder dieser Viererbande natürlich seinen ganz eigenen Weg gemacht. Doch beim Wiedersehen, für das man den exzellenten Bassisten Larry Gray gewinnen konnte, war man sofort Feuer und Flamme. Statt sich auf ein gemütliches, gar nostalgisches Jazz-Pläuschchen zu verständigen, reizte und lockte jeder die anderen mit einer Eigenkomposition bis zum herrlich Äußersten und Wilden. Und ob es nun auf blueshafte Expressivität und Spiritualität hinauslief, auf fiebrige Glissandi und glühendheiße Toncluster, auf gespenstische Lyrismen und verstörende Folklorismen – von dieser Altherrenband sollten sich alle nachfolgenden Generationen mehr als eine Scheibe abschneiden.
Guido Fischer

chris gallChris Gall
Piano Solo
GLM / Soulfood
****
Er kommt aus Oberbayern, hat aber mit seinem Studium in Berklee schon die große weite Welt gesehen. Überhaupt ist Chris Gall ein Tänzer zwischen den Welten. Seit 2001 wechselt er zwischen Weltmusik und Pop und leitet seit sechzehn Jahren sein eigenes Trio. Mit Piano Solo begibt Gall sich allein auf sich gestellt auf eine aufregende Klangreise in die europäische Moderne. Mit dem federnden Rhythmusgefühl und dem Improvisationsverständnis des Jazzers schlägt er die Brücke zur Spätromantik und dem Impressionismus. Der klassisch ausgebildete Gall schöpft voll aus beiden Welten. Mit ganz weichem Ton eröffnet er die CD mit „My Waltz“, wo er mit melancholischem Unterton auf ähnlichen Wegen wandert wie etwa der Bretone Didier Squiban. Mit der schönen Pop-Piano-Nummer „Yorke's Guitar“ wird das Tempo dann etwas nach oben geschraubt. Wer Gall bis hierhin in die Schublade „verträumtes Piano“ stellen wollte, wird mit dem nächsten Stück überrascht. So baut er in „ Augmented“ über einen treibenden Bass-Lauf in der Linken spannende dissonant-scharfe Voicings in der Rechten auf. Ebenso viel Drive hat „Empty Pale Blue Paper“, dessen Ostinati an den Minimalismus eines Philip Glass erinnern. Sehr gefühlvoll und dynamisch geht Gall die 15 Stücke an. Mit „Little Shepherd“ , eigentlich eine Komposition Claude Debussys, scheint er zunächst voll in dessen impressionistischen Klangwelten aufzugehen, um dann auf magische Art und Weise wieder zum Jazz zurückzukehren. Leise lässt Gall die CD indes wieder ausklingen mit Yann Tiersens „La Valse d' Amelie“. So ist Piano Solo eine musikalische Grenzüberschreitung für offene entdeckungsfreudige Ohren.
Andreas Schneider

cover juergen friedrich rebootJürgen Friedrich
Reboot
nWog / edelkultur
****
Reboot heißt das neue Trio um den Pianisten Jürgen Friedrich. Ihm zur Seite stehen der Bassist David Helm und der Schlagzeuger Fabian Arends. Von der ersten Note an agieren sie mit perfektem Einfühlungsvermögen und kommunizieren traumwandlerisch, sensibel und voller Leidenschaft auf eine ganz eigene Art. Zart und fein gewirkte Klangteppiche entstehen so. Jede Nuance ist enorm transparent und schwebend. Jeder einzelne Ton zählt und fordert die ganze Aufmerksamkeit. Dabei spielt es keinerlei Rolle, ob es sich um Eigenkompositionen von Friedrich und Arends handelt oder um Interpretationen von Witold Lutoslawski („Invention“), Arnold Schönberg („Klavierstück op.11/1“) oder Kenny Wheeler („Three For D’reen“). Bis hierhin trifft das sicherlich auf diverse Klaviertrios zu. Doch Reboot sind anders. Der Name bedeutet ja nichts anderes als das erneute Hochfahren eines Rechners, wenn dieser bereits eingeschaltet ist. Damit geht immer der Verlust von allen im Arbeitsspeicher befindlichen Daten einher. So verhält es sich auch mit der Herangehensweise an die Stücke, wenn das Trio um Jürgen Friedrich sich sie vornimmt. Die Musiker sind dabei stilistische Chamäleons. Sofort nach dem Verklingen des letzten Tons eines Stückes wird auch der Arbeitsspeicher der Interpretation gelöscht. Und sich neu und mit kindlicher Neugier dem nächsten genähert. Nie sind die Grenzen des traditionellen Jazz spannender verwischt worden als auf Reboot.
Franz X.A. Zipperer