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J03 greenIn jeder Ausgabe der JAZZTHETIK werden die aktuellen CD und DVD Neuerscheinungen aus Jazz, Weltmusik, Elektronik, Blues, u.v.m. vorgestellt. Neben den Einzelvorstellungen gibt es auch Kolumnen zu speziellen Themen. Hier finden Sie 3 ausgewählte Rezensionen zum Probelesen!

frithKatharina Weber, Fred Frith, Fredy StuderJ03 green
It Rolls
Intakt / Harmonia Mundi
4 Sterne
Ja, es „rollt“ unter den Händen dieser drei gestandenen Künstlerpersönlichkeiten. Eben in dem Sinne, dass ein aufgeweckter, gleichberechtigter „Trialog“ umso mehr rund läuft, je mehr Erfahrung und noch mehr Empfindung dahintersteckt. So und nicht anders kennen wir Fred Frith, Katharina Weber und Fredy Studer.
Der eine revolutioniert seit Jahrzehnten das Ausdrucksspektrum der elektrischen Gitarre, die andere lässt freie Improvisationskunst mit Neutöner-Idiomatik aus der modernen Klassik reagieren, und auch Fredy Studer am Schlagzeug fällt zu all dem ganz viel ein. Also werden hier Zustände verdichtet und gewagte Ideen ins Spiel gebracht. Die drei emanzipieren sich von allen Rollenfestlegungen, um das Geschehen unvorhersehbar aufzumischen.
Immense Strahlkraft weisen Katharina Webers Tonskalen auf, in denen der Geist eines György Kurtag klangsinnlich mitschwingt. Fred Frith kreiert Räume, zeichnet Linien und Mikrostrukturen, die sich symbiotisch mit Fredy Studers Perkussion verbinden. Man ist hellwach und immer bereit, im nächsten Moment in etwas ganz Neues hineinzuspringen – gerne auch, aus dem Abstrakten kommend, in sehr „musikalische“ Parts hinein. Etwa in ostinate Figuren auf Perkussion oder Gitarrensaiten, in rhythmische, von Fredy Studer hellhörig aufgegriffene Strukturen; oder es singen die elektrifizierten Saiten sphärisch wie ein Theremin. Es sind die vielen konzentrierten, beseelten Momente, die, bei oftmaligem Hören zunehmend entdeckt, den beglückenden Aha-Effekt erzeugen. Allein das Ende dieser elf unterschiedlich langen Stücke umfassenden CD mutet etwas abrupt und abgerissen an – ein echtes Finale hätte alles noch eine Spur „runder“ gemacht, hätte mehr Dramaturgie im Ganzen bewirkt.
Stefan Pieper

redmanJoshua Redman & The Bad Plus

The Bad Plus Joshua Redman
Nonesuch / Warner
4 Sterne
Es ist Licht. Joshua Redmans Musik ist klar, melodisch, hell. Seine Kompositionen haben eine starke Handschrift. Mit dem Bandprojekt James Farm stiegen Redman und sein Quartett 2011 auf in den Olymp der Unantastbaren. Jetzt versucht der begnadete Saxofonist was Neues: Das Klaviertrio The Bad Plus, schon seit 15 Jahren aufeinander eingespielt, ein amerikanisches Ensemble, das gerne Vorlagen aus Rock, Klassik und Jazz verwendet, kreiert zusammen mit Redman einen anderen Sound. Alle bringen sich gleichberechtigt ein (wie bei James Farm). Man hört Anspielungen auf Rockmusik, strahlenden Modern Jazz, leise Töne, Experimentelles. Das Trio mit Ethan Iverson am Klavier, Reid Anderson am Bass und David King am Schlagzeug ist robust und spielt perfekt zusammen. Sie sind zum Anfassen, ohne Krimskrams, kommen auf den Punkt. Die Stücke auf The Bad Plus Joshua Redman sind alle sehr inspiriert. Joshua Redman wird der Welt noch viele Farben zeigen – dieses Gefühl gibt er uns hier.
Katharina Lohmann

starfireJaga Jazzist
Starfire
Warp / Rough Trade
4,5 Sterne
Das norwegische Ensemble Jaga Jazzist ist nicht nur die etwas andere, sondern die komplett alternative Jazz Big Band, denn obgleich sie wie eine Big Band besetzt ist, klingt sie doch nach nichts weniger als nach einem großen Klangkörper. Überhaupt ist auf ihrem neuen Album fraglich, wie dieses Soundkonglomerat überhaupt zustande gekommen ist. Es könnte ebenso gut von einem DJ-Kollektiv oder einem raffinierten Computer-Tüftler generiert worden sein. Die Nähe zu Bands wie Tortoise, Battles oder Liturgy ist verblüffend. Die Botschaft ist eindeutig: Nicht auf die Quellen kommt es im digitalen Zeitalter an, denn die Welt ist ohnehin ein großer Schnäppchenmarkt, sondern darauf, was man aus ihnen macht. Und dafür ist jedes Mittel erlaubt. Die CD besteht aus fünf instrumentalen Bandwürmern, deren elektronischer Inspirationseinschlag von Tangerine Dream und Jean-Michel Jarre bis zu Flying Lotus reicht. Die durchaus vorhandenen Bläsersätze sind in diesen kraftvollen Elektro-Tsunami so eingebettet, dass sie als solche überhaupt nicht wahrnehmbar sind, sondern sich in einer durch und durch synthetischen Landschaft wie akustischer Dreck ausmachen. Auf Solos jeder Art wird komplett verzichtet. Diese CD müsste zur Pflichtanhörung an alle deutschen Radio-Jazz-Orchester verschickt werden, denn das ist die ganz hohe Schule des modernen Big-Band-Sounds.
Wolf Kampmann