Diese Website verwendet Cookies, um ihre Dienste bereitzustellen. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass sie Cookies verwendet.

J03 greenIn jeder Ausgabe der JAZZTHETIK werden die aktuellen CD und DVD Neuerscheinungen aus Jazz, Weltmusik, Elektronik, Blues, u.v.m. vorgestellt. Neben den Einzelvorstellungen gibt es auch Kolumnen zu speziellen Themen. Hier finden Sie 3 ausgewählte Rezensionen zum Probelesen!

goodmanGoodman-Bordenave Quintet
Inverted Forest
Double Moon / In-Akustik
****(*)
Im Fußball gelten Torwart und Linksaußen als die Verrückten und Genialen in der Mannschaft, in Jazzbands sind es die Gitarristen. Laien wundern sich regelmäßig, warum sich die Wahnsinnigen am Griffbrett nicht schon längst die Finger gebrochen haben, Fachleute freuen sich wie ein Schnitzel, dass sie wieder mal ein paar unmögliche Griffe gesehen und gehört haben, die sie bislang nicht kannten. Insofern verspricht ein Auftritt oder eine CD mit Geoff Goodman regelmäßig zu einem Fest für Anhänger dieses Instrumentes zu werden. Der 59-jährige Amerikaner, der seit den 80er Jahren in München lebt und dort sein Unwesen treibt, verblüfft sie immer wieder. Wenn Journalisten auf der Suche nach einem Synonym für Gitarristen häufig den Terminus „Saitenhexer“ verwenden – auf Goodman trifft dieser tatsächlich zu. Das Quartett mit dem französischen Ternorsaxofonisten Matthieu Bordenave (Le Café Bleu) erinnert an Goodmans berühmt-berüchtigte frühere Combo mit Rudi Mahall und Felix Wahnschaffe. Mit dem feinen Unterschied, dass Posaunist Gerhard Gschlößl, Bassist Andreas Kurz und Drummer Bastian Jütte trotz aller Differenziertheit der Arrangements wesentlich offener und unverkrampfter agieren. Die Fünf präsentieren keine Kopfgeburten, sondern ausgesprochen hörbare Bauchstücke voller Humor, Tiefe, Melodienreichtum und raffinierter Arrangements. So verwachsen zehn grundverschiedene Bäume zu einem knallbunten, irrlichternden Wald, der nur in der Fantasie solch abenteuerlustiger Individualisten wie Goodman, Bordenave, Gschlößl, Kurz und Jütte entstehen kann. Ein absolut befriedigendes Hörvergnügen!
Reinhard Köchl

thoneline orchestraThoneline Orchestra
Black & White Swan
Enja / Soulfood
****(*)
Es grenzt an Wahnsinn, in einem Land, in dem vier öffentlich-rechtliche Big Bands existieren, noch ein weiteres dieser Großensembles ins Leben zu rufen. Die Kölner Saxofonistin Caroline Thon hat es trotzdem gewagt. Schon auf dem Debüt-Album Panta Rhei hat das enthusiastische Reaktionen hervorgerufen, und das wird mit dem zweiten Werk nicht anders sein. Die alte Big-Band-Herrlichkeit mit schmetterndem Blech ist nicht das Ding von Caroline Thon – obwohl sie das auch könnte, wie einem zwischendurch immer mal wieder klar wird –, vielmehr ist sie daran interessiert, was man mit so einem Biest von Band noch alles anstellen kann. Spacerockige Erfindungen, lyrische Passagen von farbenfroher Pracht, erschütternder Krach und Songs von romantischer Dringlichkeit sind darunter. Die Crème de la Crème der Kölner Szene ist an diesem Unternehmen beteiligt – darunter Trompeter Menzel Mutzke, Posaunist Ben Degen, Saxofonist Malte Dürrschnabel, Pianistin Laia Genc und Schlagzeuger Jens Düppe –, und doch sind es zwei Musiker, die man unbedingt hervorheben muss. Die Sängerin Filippa Gojo ist immer noch eine echte Entdeckung, sie kann nicht nur singen, ob mit Text oder ohne, sie kann ihre Stimme mit Bläsern oder anderen Instrumenten so verschmelzen lassen, dass man manchmal weder ein noch aus weiß. Und Gitarrist Andreas Wahl schleicht sich an und explodiert auf so raffinierte Weise, dass man glaubt, es gibt nichts, was er auf seinem Instrument nicht machen kann.
Rolf Thomas

chloecharlesChloe Charles
With Blindfolds On
Make My Day / Indigo
****
Sie verfügt immer noch über diese beeindruckende Stimme, die schon ihr Debüt-Album Break the Balance vor drei Jahren zu etwas ganz Besonderem machte. Tief und kräftig, dabei aber leicht rau und „angefasst“ klingend, als ob Chloe Charles schon in jungen Jahren ganz genau weiß, was das Drama des Lebens ausmacht. Vierzehn ausnahmslos selbst verfasste Lieder hat sie auf dem zweiten Werk nun versammelt und wiederum Heerscharen von Musikern beschäftigt, die jedem Song sein individuelles Gepräge verleihen. Da wird die schwermütige Dramatik in „Through Your Eyes“ mit Streichquartett und einer Marschtrommel unterstrichen, das abschließende „Tulip“ dagegen lebt fast ausschließlich von der Klavierbegleitung Robert Herrmanns, und natürlich sind auch etliche Songs wie das melancholische „Wool Sweater“ in ein Singer/Songwriter-Gewand gekleidet, bei dem die Kanadierin selbst zur akustischen Gitarre greift und von einer kleinen Band begleitet wird. Dass Chloe Charles zwischendurch auch so witzige Songs wie das leichte „Smiling“ einstreut, der wie ein Girl-Group-Song aus den sechziger Jahren arrangiert ist (inklusive einer Vintage-Vinyl-Einleitung), spricht für das erweiterte Selbstbewusstsein der Sängerin und Gitarristin. Chloe Charles hat eben nicht nur Lebensweisheiten wie „Sooner or later you‘ll see / It‘s you you‘re trying to beat“ (aus „Gold“) zu bieten, sie hat auch den Spaß daran entdeckt, sich zu präsentieren.
Rolf Thomas