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Ein magischer Filmbeginn, fast wie damals bei Manhattan. Über Rio de Janeiro geht die Sonne unter, dazu hören wir eine melancholische Melodie, gespielt von einer Klarinette und einigen Gitarren. Eine eigentümliche Mischung aus Jazz, Gershwin und Folklore. Während die Kamera sich ins städtische Getümmel stürzt, erfahren wir etwas über eine Musik, die um 1870 erstmals auftauchte.

Von Ulrich Kriest

Eine Entdeckung

Die Musiker, so wird uns erzählt, spielten um des Vergnügens willen und mischten die Melodik und Harmonik europäischer Polkas, Walzer und Mazurkas mit afro-brasilianischen Rhythmen. Die erste urbane brasilianische Musikform - der Choro - war lange vor Samba und Bossa Nova geboren. Der hybride Choro war zunächst ausgesprochen populär, der Komponist Hector Villa-Lobos bezeichnete ihn sogar als »die Essenz und die Seele der brasilianischen Musik«. Choro gilt als eine sehr offene Form der Musik, die vielerlei Einflüsse aus Folklore, Kunstmusik, Flamenco und Jazz in sich aufgenommen und in zumeist melancholischem Vortrag weiterentwickelt hat. Heute, so der finnische Filmemacher Mika Kaurismäki, sei Choro in Brasilien wieder ausgesprochen populär, aber außerhalb Brasiliens als authentische lateinamerikanische Musikform noch zu entdecken.

Mika Kaurismäki? Der Filmemacher (Helsinki Napoli - All Night Long, Zombie & the Ghosttrain, Los Angeles Without a Map) und Bruder des berühmteren Aki Kaurismäki, lebt seit vielen Jahren einen Teil des Jahres in Brasilien. 1988 ist Kaurismäki erstmals nach Brasilien gekommen, um seinen Film Helsinki Napoli zu promoten. Und wollte ungefähr eine Woche bleiben. »Aber es ist dann doch etwas länger geworden«, erzählt er lachend, »ich bin eigentlich nie mehr abgereist«. Ihm hat Brasilien, diese Mischung von Kulturen, die Musik und die Natur, alles »einfach gut gefallen«: »Brasilien ist einfach spannend. Es ist mehr als ein Land, eher schon ein faszinierender Kontinent. Ich hatte ja anfangs auch nur diese Klischees im Kopf: Samba, Karneval, Urwald, Fußball. Ich bin dann viel herumgereist. Die verschiedenen Landesteile haben alle ihre eigene Musik, über die man zum Teil sehr wenig weiß in Europa. Das fand ich immer schade.«

Choro passt immer

Bereits 2002 brachte er mit Moro no Brasil einen Dokumentarfilm in die Kinos, der sich intensiv mit der brasilianischen Musik und ihrer Geschichte auseinandersetzte. Damals stand der Samba im Zentrum des Films und ließ wenig Raum für die Vielfalt der anderen brasilianischen Musiken. Jetzt folgt mit Brasileirinho eine weitere Musikdokumentation, die sich ausschließlich dem Choro widmet.

Als roter Faden fungieren dabei die drei Musiker des Trio Madeira Brasil, mit deren Konzertauftritt der Film beginnt, um sie im Weiteren durch ihren (Musiker-)Alltag zu begleiten. Wir erleben die Musiker, die ihrerseits ein großes Choro-Konzert planen, beim Proben, beim Fußball, im Gespräch mit anderen Musikern und bekommen reichlich Gelegenheit, in die vielfältige Geschichte dieser Musik, die auf der technischen Virtuosität der Musiker basiert, einzutauchen. Wir besuchen auch Choro-Schulen, deren Schüler diese sehr komplexe Musik als »Schule der brasilianischen Musik« begreifen. In einem Interview hat Mika Kaurismäki die soziale Qualität des Choro betont: »Das Faszinierende am Choro ist seine Wandelbarkeit, seine Fähigkeit, sich je nach Ensemble und den einzelnen Musikern, die ihn spielen, zu verändern und entwickeln. Er passt zu jeder Gelegenheit; man kann ihn allein spielen oder in einer großen Band, in einem Konzert, in einer Jam-Session, man kann ihm zuhören oder zu ihm tanzen - es ist eine sehr soziale Musik.«

Im Film spielen mit größter Selbstverständlichkeit und voller Respekt Musiker jeden Alters und jeder Rasse und Klasse miteinander. In den sehr informativen Liner Notes zum Soundtrack von Brasileirinho schreibt Claus Schreiner über die Beziehung zwischen Jazz und Choro: »Where jazz makes spontaneous composition possible through variations in intonation and phrasing, improvisation and harmonics, choro achieves its beauty and deep sensual plains through the musicians’ craft of interpretation and sheer musical virtuosity. [...] The choros are the aristocrats of the Música Popular Brasileira.«

Gerade ist Mika Kaurismäki mit Brasileirinho in Spanien auf einem Filmfestival gewesen. In 30 Länder konnte der Film bisher verkauft werden. Zur Fußballweltmeisterschaft wird der Film in einige Spezialveranstaltungen laufen. Im Spätsommer soll der Film hierzulande, aber auch in Brasilien einen regulären Kinostart erhalten. Es wäre diesem gleichermaßen informativen, atmosphärischen und mitreißenden Film wirklich sehr zu wünschen, dass das auch gelingt.

Ein Anruf im winterlichen Rio de Janeiro

Ulrich Kriest: Wie bereits bei Moro no Brasil geht es ihnen auch in Brasileirinho zunächst einmal darum, die verbreiteten Klischees von brasilianischer Musik aufzubrechen, oder?
Mika Kaurismäki: Ich lebe seit 15 Jahren in Brasilien. Früher habe ich auch gedacht, es gäbe hier nur Samba und Karneval. Seit ich hier lebe, habe ich gelernt, wie viele unterschiedliche Formen von Musik es in Brasilien gibt, von denen man in Europa gar nichts weiß. Diese Vielfalt wollte ich zunächst einmal dokumentieren.
Ulrich Kriest: Was ist das Besondere am Choro?
Mika Kaurismäki: Choro ist extrem wichtig für die brasilianische Musik, besonders für die später entwickelten Samba und Bossa Nova. Niemand hat mir in all den Jahren genau erklären können, ob Choro eine bestimmte Musik oder eher eine bestimmte Art zu spielen ist. Die Musik ist hochgradig eklektizistisch. Jazz, klassische Musik, Flamenco. Vieles hängt davon ab, wer gerade spielt.
Ulrich Kriest: In ihrem Film betonen sie die soziale Dimension des Choro, zeigen Jung und Alt beim Musizieren.
Mika Kaurismäki: Aktuell erlebt Choro gerade ein starkes Revival. Ein Comeback. Die jungen Leute sind freier, die bedienen sich überall. Choro war lange Zeit fast vergessen. Es wurden immer dieselben Lieder gespielt. Heute ist die Szene wieder lebendig, da wird viel gemischt. Aber auch Bossa Nova erlebt gerade ein Comeback. Ich denke, musikalisch wird Brasilien gerade wieder sehr interessant. Man macht etwas Neues, respektiert dabei aber das Alte. In Europa will man sich immer von den Eltern distanzieren. In Brasilien vielleicht auch, aber dennoch geschieht alles mit großem Respekt vor der Tradition. Selbst bei den Lounge-Sachen oder der elektronischen Musik, irgendwann hört man immer Samba oder anderes. Das finde ich schön. Selbst beim Heavy Metal von Sepultura hört man irgendwann die alten Rhythmen.
Ulrich Kriest: Eine der vielen wunderbaren Szenen ihres Films ist die, wenn die Musiker die ältere Sängerin Zezé Conzaga besuchen, diese plötzlich anfängt zu singen und alle Musiker sofort schwungvoll darauf einsteigen können. Eine atemberaubende Virtuosität!
Mika Kaurismäki: Naja, das sind schon alles Profi-Musiker.
Ulrich Kriest: Aber die Virtuosität der Choros ist doch ganz erstaunlich.
Mika Kaurismäki: (lacht) Die Leute hier in Brasilien sind schon sehr musikalisch. Deshalb spiele ich hier nie, weil ich mich zu sehr schäme. Die Leute hier sind aktiv, die beteiligen sich schnell. wenn die eine Möglichkeit sehen, dann beginnen die sofort, sich zu bewegen, zu tanzen und zu singen. Im Film sieht man einmal Yamandú Costa ganz allein auf der Bühne spielen - und plötzlich singen alle Leute mit. Das war nicht inszeniert.

Eine Inszenierung

Ulrich Kriest: Wie hoch ist denn überhaupt der Grad der Inszenierung in Brasileirinho? Die Choro-Fähre, eine Schiffspassage mit einem Haufen Musiker, ist einer der Höhepunkte des Films.
Mika Kaurismäki: Ich habe für den Film viel inszeniert. Das hatte mit dem Ton zu tun. Ich hatte bei den Dreharbeiten ein richtiges Tonstudio dabei. Ich bin also nicht mit der Kamera und einem Mikrofon durch die Kneipen gezogen. Das war ziemlich viel Aufwand! Aber es wäre sehr schade gewesen, so tolle Musiker zu haben und dann keinen vernünftigen Ton hinzubekommen.
Ulrich Kriest: Mich hat der Film mit seiner Grundstruktur und den kleinen Szenenexpositionen, dem Abschweifen der Kamera ohnehin an ein Musical erinnert.
Mika Kaurismäki: Für mich ist es auch eher ein Musical als ein Dokumentarfilm. Brasileirinho ist anekdotisch und erzählt von den Leuten und was Musik ihnen bedeutet.
Ulrich Kriest: Wie kam es überhaupt zu diesem Film?
Mika Kaurismäki: Nun, schon Moro no Brasil war nicht meine Idee, sondern die Idee des Co-Produzenten des Buena Vista Social Club, also dem französischen ARTE. Die haben mich angerufen, ob ich einen Film über brasilianische Musik drehen könnte. Komisch. Weil ich doch Finne bin. Eigentlich sollte Choro schon in Moro no Brasil vorkommen, aber es hat nicht gepasst, weil es darin dann doch eher um Samba und die musikalische Tradition ging. Choro blieb sozusagen liegen. Die Möglichkeit, einen Film nur über Choro zu machen, ergab sich recht schnell. Nach der Premiere von Moro no Brasil in der Schweiz, hat mich Marco Forster angesprochen, der ein großer Choro-Fan ist, und mich danach gefragt. Ich habe ihm gesagt, dass ich einen ganzen Film über Choro machen möchte. Er hat geantwortet, er würde den gerne produzieren. Obwohl er noch nie zuvor einen Film produziert hatte. Dann ging alles ganz schnell und hat auch gut geklappt. Ich habe Brasileirinho also nicht groß geplant, der Film ist einfach so entstanden. Wie im Kino. (lacht)

Nach dem Film, vor dem Film

Ulrich Kriest: Wie gut ist denn ihr Kontakt zur brasilianischen Musik- und Musiker-Szene?
Mika Kaurismäki: Wie Sie ja vielleicht gehört haben, habe ich ein paar Jahre lang eine Musik-Bar in Rio gehabt. Ich habe also viel mehr Kontakt zu Musikern als etwa zu den Filmleuten. Sehr viele Musiker, die man in Brasileirinho sieht, haben vorher schon in meinem Club gespielt. Mit einigen von ihnen bin ich eng befreundet. Diese Beziehungen haben die Arbeit am Film sehr viel einfacher gemacht, weil da schon ein Vertrauensverhältnis da war. Ich hoffe, dass man das spürt, wenn man den Film sieht.
Ulrich Kriest: Gibt es weitere Pläne für einen neuen Film?
Mika Kaurismäki: Mein nächster Film ist auch schon fast fertig: Sonic Mirror mit dem Schlagzeuger und Perkussionisten Billy Cobham. Da geht es mir darum, was Rhythmus und Musik den Leuten bedeuten. Dafür habe ich ein paar Sequenzen in der Schweiz gedreht, wo Cobham lebt und wo er in einer psychiatrischen Einrichtung mit Autisten arbeitet. Eine andere Sequenz habe ich hier in Salvador gedreht, wo Cobham mit einer afrikanischen Rhythmusgruppe jammt. Das ist eine sehr arme Gegend, und da ging es mir darum zu zeigen, welche Rolle die Musik in solchen sozialen Verhältnissen spielt. Dann wieder spielt Cobham in Finnland mit einer Big Band. Es ist allerdings kein Film über Billy Cobham, sondern eine Forschungsreise (lacht) an der Seite Billy Cobhams.


Aktuelle CD:
O.S.T.: Brasileirinho (Tropical Music / Sony)