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Hermanos PatchekosDas Gutfeeling spielt sich in den Guts ab, also den Eingeweiden. Aber da Eingeweidegefühl eher an Blähungen denken lässt, ist das angloamerikanische Gutfeeling mit »Bauchgefühl« angemessener. Und ist das Bauchgefühl gut, haben wir es mit dem bajuwarischen Gutfeeling zu tun. Der Münchner Plattenladen widmet sch seit mehr als zehn Jahren und mittlerweile 15 Releases auf dem hauseigenen Label der Pflege dieses Gefühls. Seine Hausband G.Rag y los Hermanos Patchekos hat in Berlin angedockt.

Von Erik MandelHermanos Patchekos

Im frühabendlichen Kaffee Burger hat sich eine ganze singende, klingende Kleinstadt versammelt. Es gibt einen Doktor, der hinter einem Haufen Percussionzeug sitzt und gerade versucht, seine eigenen Rauchringe zu fotografieren. Es gibt einen Soundmann, der eben dabei ist, dem zweiten Trompeter, der tatsächlich Hoss heißt, noch etwas Hallraum auf den Ton zu legen. Es gibt, so wird mit versichert, einen Chef und einen Boss, und ich werde nach dem Soundcheck mit beiden reden können. Derweil quietschproben sich die Hermanos weiter durch den Soundcheck: mit drei Trompetern, die alle Rollen vom Mariachi-Trio bis zur effektiven Ländler-Gruppe draufhaben, zwei Gitarristen, darunter »der Boss«: G.Rag alias Andreas Staebler selbst. Ferner ein lustiges Sammelsurium an Percussions im karibischen DIY-Stil: Das Drumset besteht aus einer Postkiste (»Kick«) und einem großen Aschenbecher (»Snare«), einem Spülbeckenlochblech und einer Abdeckung für irgendein Industriegerät. Die Steeldrum wurde, wie der Doctore stolz erzählt, von einem Freund günstig auf einem Markt in Trinidad geschossen und von einem bayrischen Experten neu gestimmt. Das Gesangsmegaphon wird mehrfach herumgereicht, wer grad nicht das Hauptinstrument bedient, betätigt sich an Ratsch- und Klapper-Instrumenten.

Die Hermanos sind ein stetig gewachsenes Projekt, das G.Rag kurz vor der Jahrtausendwende aus Mitglieder befreundeter Bands zusammenstellte: Ein »Little Carribean Folk Trash Orchestra«, das buchstäblich alle Vorlieben aus diversen Plattensammlungen irgendwie intuitiv unter einen Deckel kriegt. Zum kurzen Interview erscheinen Doktor, Chef (DJ Ernesto) und Boss sowie der lange Flügelhornist und Blechblas-Spezialist, der im Booklet der aktuellen CD unter »Die Sau« läuft. Die Sau skizziert dann auch in trockenem Tonfall die generelle Arbeitsweise der Band: »Das Material schleppen meistens G.Rag und die Percussion-Gruppe plus Kontrabass an – irgendeine Melodie oder Harmoniefolge. Die proben wir dann z’ammen aufm Soundcheck bei irgendeinem Konzert, da kommen die Bläser drauf - und das wird dann zwischen bayrisch und südamerikanisch. Wenn wieder mehr gesungen werden soll, dann versuchen wir, eine Gesangsnummer draus zu machen, und wenn der Doktor was Spezielles machen will, dann machen wir des. Wir spielen ja irgendwie alles, was wir gern spielen - auf unsere Weise.« Natürlich gibt es auch Proben, meistens in kleineren Besetzungen, für den Feinschliff, aber: »Wir stecken nicht Wochen im Proberaum und probieren neue Stilrichtungen aus oder versuchen uns an intellektuellem Papierkram, wir sind eine Live-Band.«

Die Ursuppe, aus der dieses Orchester entstand, liegt in der Münchner Punk- und Hardcore-Szene. Country, Folk, Swing und karibische Sounds gehörten schon immer zum Geschmacksspektrum, und das sei, wie DJ Ernesto bemerkt, »im Alter mehr geworden«. Der Boss führt aus: »Wir haben alle unsere Plattenstapel und haben immer geforscht: bei den Anfängen angefangen und dann hochgeforscht. So wie bei Country - von vorne anfangen und, kurz bevor’s gruselig wird, aufhören. Wir mögen auch Jazz, aber eben eher Swing oder Biergartenjazz.« Die Band macht also im wahrsten Wortsinn Rootsmusik, nur dass diese Wurzeln nicht einzeln in der Erde herumwurzeln, sondern sich bereits mit geographisch und historisch eigentlich weit weg liegenden Styles unentwirrbar verschlungen haben. Cumbia, Swing, Polka und Texmex können da schon im selben Stück bestens koexistieren, was G.Rag dann, mit Megaphon auf dem Stuhl stehend, als Vehikel für einen Song nutzt; oder für einen Dialog mit dem zweiten Gitarristen José. Das klingt dann, als würde Marc Ribot mit Ernie Ranglin jammen.

Gemeinsam mit José bildet G.Rag auch das Duo »Dos Hermanos«. Gemeinsam haben sie eine EP mit Songs von u.a. Woody Guthrie und Hank Williams eingespielt, die im Verbund mit einem kleinen blauen Buch erscheint: »Der Himmel ist blau – ich auch« ist ein Tagebuch in Poemform des heute vergessenen Schwabinger Lebenskünstlers Walter Rufer. Die einzige Auflage aus den frühen Sechzigern wurde von José in einer Kiste gefunden und entwickelte sich zum Standard für spontane Simultanlesungen. Selbst wer (wie ich) noch aus Schulzeiten schwere Ringelnatz-Schäden mit sich herumträgt, wird sich dem Charme dieser Miniaturen kaum entziehen. Kostprobe: »Was sich liebt, das liebt sich / Trotz Paragraph hundertfünfundsiebzig« oder auch »Meine mir wild angetraute Marie / Hat einen Paps in der Stahlindustrie / Ich dichte und sie malt / Und der Stahlpapa bezahlt«.

Bei Gutfeeling standen die Zeichen auf Seelenverwandtschaft, und so wurde das Büchlein plus CD neu aufgelegt und als Nummer 15 des Katalogs veröffentlicht. Der Rest des Labelprogramms speist sich aus älteren Aufnahmen der Hermanos und G.Rags anderer Band Inpalumia, zwei Soundtracks (»München 7«) sowie CDs von DJ Ernestos »Stonerrock-Band« Mass und dem »Knüppelpunk« von Analstahl – ein absolut entdeckenswerter Mikrokosmos aus der bayrischen Hauptstadt, der auf dem aktuellen Album Lucky Goddamn wie in einer Nussschale zusammengefasst ist: Kubanisches Liedgut, Cumbia, Swing, ein bayrischer Begräbnismarsch, ein Ländler, ein Punkrocker und einer für die Ladies. Und obwohl Differenzen eigentlich nicht das Thema sind, erklärt Die (niederbayrische) Sau am Schluss (sekundiert von seinen Bandkollegen) noch einmal, was es eigentlich genau mit der Differenz zwischen Niederbayern und Oberbayern auf sich hat – und wie Havanna und New Mexico wie von selbst in die Gleichung hineinrutschen: »Niederbayern liegt tiefer am Meeresspiegel, aber trotzdem fährt man ’nauf nach München. Es ist nicht immer nur logisch, aber wenn man in der Mitte der Welt lebt, kann man sich die Richtungen halt aussuchen.«

Aktuelle CD:
G.Rag & Los Hermanos Patchekos: Lucky Goddman (Gutfeeling / Hausmusik / Broken Silence)

Website:
www.gutfeeling.de