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Robert NippoldtMusik zeichnet sich ein. In Körpern und in Papier. Mit seinem Projekt »Jazz« geht der Graphiker Robert Nippoldt den Spuren des Jazz mittels seiner ihm eigenen Kunstfertigkeit nach! »Entweder regnet’s in Münster, oder es läuten die Glocken«, so heißt es in der ortsüblichen Wetterkunde. Und es ist an einem jener Tage, an dem es so dolle regnet, dass das Glockengeläut im Geprassel der Regentropfen nicht zu hören ist, an dem also alles zusammenkommt, was zusammengehört, und sich ein junger, schlaksig wirkender Mann durch das Unwetter kämpft. Mit dem Fahrrad, in Münster durchaus üblich.

Der Fahrer und seine Leeze, wie dortzulande das Rad in der Sprache der von der Hochkultur Benachteiligten genannt wird, schwanken gewaltig im Regenschauer. Denn Robert Nippoldt, so sein Name, hat schwer zu tragen. Noch nicht an seinem Schicksal, dafür ist der 1977 Geborene zu jung. Dafür aber schleppte er sich schwer mit seiner riesigen Künstlermappe herum. Im Laufe der Jahre (wetten, dass) wird sie ihm leichter und das Schicksal ihm schwer werden?Robert Nippoldt

Kriminelle Energie ist es dabei nicht, die ihn umtreibt. Obwohl Nippoldt regen Umgang mit Gangstern und Mafiosi hatte. Mit Al Capone war er per Du – sofern seine Buchveröffentlichung über Gangster – Die Bosse von Chicago (Kurt Gerstenberg Verlag, 2005) ihm die Gangster der Prohibitionszeit nahebrachte. Nein, kriminell ist Nippoldt eher nicht, er ist ein sympathischer, lieber junger Mann, der gleichwohl fürchterliche Untiefen nicht verbirgt und zugibt, dass er mit seinen Buchprojekten seine jeweiligen Verlegern das Fürchten lehrt. »Und mich auch!«, lacht er.

Und so bereitet er gleich sein neuestes Projekt auf: »Jazz«, sagt er, und blättert in zahlreichen großformatigen Zeichnungen herum, fächert die eben noch durch den Regen gefahrene Mappe gekonnt auf. »Jazz der zwanziger, dreißiger Jahre.« Porträts und Skizzen von Louis Armstrong, Bessie Smith oder Cab Calloway, Nachzeichnungen von Label–Marken, Blatt für Blatt ein Panorama des Jazz–Age. »Das bot sich als Thema einfach an, nachdem ich mit den Gangstern fertig war!« Verstehe.

Tatsächlich fielen die Zeit der Gangster und die Blütezeit des Jazz zusammen. Al Capones Lieblingsmusik war halt der Jazz – was nicht ausschloss, dass einige Jazz-Musiker in den Kugelhagel seiner Kumpanen gerieten. Mit etwas Akrobatik kann ein Bassist halt auch einen Bauchschuss kaschieren.

Akrobatik hat Nippoldt durch den Regenschauer getragen. Und weiter. Denn was damals in Einzelblättern vorlag, hat sich im Laufe der Zeit zu einem Buch ausgewachsen. Und es hat sich gezeigt, dass die Arbeit mit Stahlfeder und Tusche in Schwarz und Weiß, mit Strich und Schraffur und nachträglicher bräunlicher Kolorierung im Computer ein ästhetisches Äquivalent zu einer musikalischen Ära darstellt, in der Stifte sich in Wachsmatrizen eingruben und in der die so eingespielte Musik sich wiederum in Körper einschrieb, die nach ihr abtanzten und den Ruhm des Jazz zu begründen halfen.

Nippoldts Arbeiten sind Einschreibungen aufs Papier, und sie folgen den Einschreibungen des Jazz auf die Körper und auf die Erinnerungen der Menschen. Es versteht sich, dass den Zeichnungen extensive Recherchearbeiten vorausgingen. Nippoldt besorgte sich Fotovorlagen, er befragte Experten für die Arbeit en détail, ließ sich von Musikern Jazz-Stile vorspielen und erläutern. Ja, hm, er befragte sogar Afroamerikaner, mit welcher Darstellung sie sich am ehesten identifizieren könnten: bräunlich unterlegt, schwarz-weiß schraffiert – oder wie? Ihre Antworten gingen ins Bildmaterial ein.

Dass Nippoldt dabei sein Handwerk versteht, bitte schön! Schließlich hat er ein Graphik-Design-Studium hinter sich. Was nichts heißen muss. Zusatzfrage also: »Bist du durch die Arbeit an Jazz zum Experten geworden?« Er lacht: »Am Anfang fand ich die Musik interessant. So irgendwie. Mittlerweile finde ich einige Sachen richtig gut!«

Glücklicherweise stand ihm bei der Arbeit an der Jazz-Historie ein bewährter Jazzpublizist zur Seite: Hans-Jürgen Schaal. Seine Texte stellen den Bildern eine kurzweilige Lektüre zur Seite. In bedachtsamer Diktion erzählen sie aus dem Leben der Porträtierten. Anekdotisches steht, im besten, lapidar gehaltenen Plauderton, im Vordergrund. Gleichwohl werden in wenigen Worten die Charakteristika der jeweiligen Musiker transzendiert. Der Laie wird’s mit Genuss lesen, einfach so. Und der Fachmann wird den Faden der Erzählungen aufnehmen und ihn mit zahlreichen weiteren Anekdoten weiterspinnen können, um damit dem Mysteriosum des Jazz näherzukommen. Eine gute Mischung, dieses Buch, bei dem das Geheimnis des Jazz-Faszinosums unangetastet, aber auslotbar bleibt.

Unabänderliche Beigabe: eine CD, dank Bear Family Records, mit Aufnahmen von u.a. Jelly Roll Morton, Bessie Smith, Fats Waller, Cab Calloway. The real stuff, 20 Titel auf einer CD mit Vinyl-Optik.

Wo sich Bild und Text also kongenial ergänzen, da schreiben sie die Geschichte des Jazz fort. Denn nicht zuletzt ist Jazz eine der bedeutsamen kulturellen Einschreibungen des 20. Jahrhunderts. Er lebt von den Erinnerungen und von ihren Verwirklichungen in Gegenwart und Zukunft - und glücklicherweise nicht von deren Bewältigungen durch oberflächliche Berührungen mittels Moden.

Insofern kümmert auch Regen Robert Nippoldt wenig. Für die Kunst fährt er kilometerweit. Und selbstverständlich präsentiert er seine Arbeiten auch Sammlern, die sie ihm hochwertig abkaufen. Und wenn es so weitergeht wie bisher, wird er sich demnächst nicht mehr mit dem Fahrrad durchs Münsterland quälen müssen. Schließlich steht ihm die ganze Welt des Jazz offen! Und zu Sammlern seiner Werke wird er sowieso eingeladen, jenseits aller krimineller Energien.

Aktuelles Buch:
Robert Nippoldt: Jazz im New York der wilden Zwanziger. Mit Texten von Hans-Jürgen Schaal, Hildesheim 2007, Kurt Gerstenberg Verlag, 142 Seiten (plus CD).

Websites:
www.nippoldt.de
www.hjs-jazz.de
www.gerstenberg-verlag.de