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Michael MöhringDie Skrupel, einen ehemaligen und von Zeit zu Zeit immer noch hier schreibenden JT-Autor auf diesen Seiten hochleben zu lassen, sind mit dem Erscheinen der zehnten Brown Sugar-Compilation endlich ad acta gelegt worden. Zusammengestellt hat diesen Sampler und etliche andere nämlich Michael Möhring, Funk- und Soul-Brother aus Göttingen - immer auf der Suche nach dem guten Groove.

Von Rolf Thomasbrownsugar2.jpg

Wenn der Compiler groovt

Rolf Thomas: Wie bist du zum Compiler geworden?
Michael Möhring: Das ergab sich, als ich als Journalist noch für verschiedene Verlage arbeitete. Eines Tages fragte die Sony an, ob ich Lust hätte, ein Stevie Wonder Jazz Tribute zusammenzustellen und die Liner Notes zu schreiben. Ein Jahr später folgte dann das Marvin Gaye Jazz Tribute und alles nahm seinen Lauf für zahlreiche weitere Projekte.
Rolf Thomas: Wie bist du überhaupt zum Jazz gekommen - gibt es da eine Platte, ein Konzert, welche(s) dich als Jugendlicher umgehauen hat?
Michael Möhring: So einige. Angefangen hatte alles noch zu Oberstufenzeiten als gelegentlicher DJ. Ich hatte das Glück, in meiner Heimatstadt Göttingen in einem angesagten Laden zu arbeiten. Wir spielten damals viel Jazz, Funk, Soul. Sachen also, die heute unter Rare Groove firmieren. Außerdem hatten wir dort auch öfter mal großartige Konzerte mit Leuten wie Elvin Jones, Joe Henderson, Archie Shepp (Solo!!) Hannibal Marvin Peterson und so weiter. Klar, dass das ein nicht unerheblicher Part meiner musikalischen Sozialisation war. Zum Jazz kam ich über den konventionellen Weg: Rock und Pop, dann Hancock’s Headhunters und Weather Report. Von Wayne Shorter dann zurück zu Coltrane - Giant Steps inklusive seiner Impulse-Aufnahmen. Ich erinnere auch Mingus’ wahnsinnige Carnegie-Hall-LP mit einem galaktischen Rahsaan Roland Kirk oder McCoy Tyner’s Blue Note Album Asante. Alles Schlüsselerlebnisse! Von da ab wollte ich möglichst viel über Jazz wissen und besorgte mir fortan Platten bis zurück zu Bix Beiderbecke und Jelly Roll Morton. Etwas später kam dann noch die Avantgarde (Strata East, AACM, natürlich Ayler, aber auch Zorn etc.) dazu - also in die entgegengesetzte Richtung. Von Brazil, Latin, Soul und Funk wollen wir mal lieber erst gar nicht anfangen ... Mich faszinierte das rhythmische Element, also der Groove, immer am meisten. Und bekanntermaßen spielt der Funk in diesem Zusammenhang eine nicht unwesentliche Rolle. Ich liebe ihn! Am besten in seiner rohen, ungeschliffenen Art, vorzugsweise aus den 70ern, gespielt von mehr oder weniger obskuren Könnern.
Rolf Thomas: Was sollte man beim Zusammenstellen von Compilations wie zum Beispiel deiner Manifesto of Groove-Reihe auf dem Brown-Sugar-Label beachten?
Michael Möhring: Zunächst einmal sind Compilations per se nicht als uninteressant zu betrachten, was ja bei einigen Jazzpolizisten vorkommen soll. Davon ausgenommen natürlich jene langweiligen Katalogsampler, die allenfalls als Marketingtool für ein Label ihre Aufgabe erfüllen. Zurück zu deiner Frage: Zur Planung einer profunden Veröffentlichung sollte man zuallererst mal ein tragfähiges Konzept haben, welches, wie im Fall Manifesto of Groove, auch serientauglich ist. Wichtig war mir auch immer, dass so eine Compilation Tracks labelübergreifend zusammenstellt. Da waren meine Vorgaben bei Brown Sugar von vornherein klar umrissen. Auch um sich von der zahllosen Budgetware in diesem Bereich abzuheben, wollten wir gleich mit einem Qualitätsprodukt, auch von der Ausstattung her, an den Start gehen. Im Klartext: ansprechendes Artwork, ausführliche Liner Notes mit detaillierten Personalangaben und der Abbildung des jeweiligen Originalcovers - eigentlich alles, was den anspruchsvollen Digger anspricht. Zudem leisten wir uns bei der Manifesto of Groove-Reihe den Luxus, parallel zur CD auf Doppelvinyl im Gatefoldformat zu veröffentlichen. In der Regel mit Bonusmaterial ausgestattet, erhöht diese Politik die Credibility innerhalb der DJ-Szene. Last but not least ist auch die bedingungslose Unterstützung vom Label wichtig. In Uwe Hager von ZYX habe ich den richtigen Partner dafür gefunden. Als umtriebiger Labelmanager, aber auch exzellenter Musiker übrigens, besitzt er das nötige Einfühlungsvermögen, meine Konzepte umzusetzen, sowohl was den Vertrieb, die Promotion als auch das Marketing betrifft.

Der Compiler erzählt

Rolf Thomas: Welche Geschichte fällt dir ein im Zusammenhang mit der Beschaffung eines raren Tracks für die Brown-Sugar-Veröffentlichungen?
Michael Möhring: Da gäbe es schon so einige. Im Zusammenhang mit der aktuellen Brown Sugar, Can You Dig It?, fällt mir spontan der Track »Right On« des Gitarristen Boogaloo Joe Jones ein. Ein super rarer Killer-Groove, den ich in meinem Archiv nicht als Album hatte. Da wir damals schon in der Vorproduktion waren, musste unbedingt noch schnell das Originalvinyl her, auch wegen der Abbildung des Covers im Booklet. Ein Fall für eBay also. Nach einiger Recherche war weltweit nur ein Anbieter ausfindig zu machen - in Kalifornien! Nachts um vier Uhr konnte ich letztendlich das gute Originalstück (original Prestige-Pressung / blau) für 80 Dollar bei der Auktion ersteigern. Hör es dir an, ich denke, der Aufwand hat sich gelohnt!
Rolf Thomas: Wie ist die Idee zu Run the Voodoo Down, deinem aktuellen Projekt im Rahmen der noch jungen Listen Here-Reihe entstanden?
Michael Möhring: Neben dem Rare-Groove-Ding interessiere ich mich, wie schon erwähnt, musikalisch auch für komplett andere Sachen. Das Miles-Projekt spukte mir jedenfalls schon längere Zeit im Kopf herum. Um es jedoch zu veröffentlichen, musste zunächst ein Label her. In diesem Fall war das auch ein ganz neues Serienkonzept, was wir mit Listen Here in 2006 dann auf dem BHM-Label starteten. Weitere Projekte sind in Planung ...
Rolf Thomas: Was ist für dich das Besondere an Miles’ »elektrischer« Phase?
Michael Möhring: Miles ist ein großes Risiko eingegangen und hatte damit Erfolg. Fasziniert daran hat mich der Affront gegen das (Jazz-)Establishment und zugleich die ästhetische Revolte, mit überkommenen Konventionen zu brechen. Ein Phänomen, was auf der Ebene der bekannten Musiker heute ausgestorben zu sein scheint. Man geht lieber auf Nummer sicher. Es war eine Zeit, in der musikalisch viel Kreatives passierte, auch in der Rock- und Popmusik, im Soul, im Funk ... alles schien zu explodieren. Würde Bitches Brew heute veröffentlicht, gäb’s null Chance, damit bei einem Major unterzukommen. Damals avancierte das Doppelalbum jedoch zum Topseller. Auch der Einfluss auf Musiker war enorm. Gruppen wie zum Beispiel seinerzeit Soft Machine oder heutige Kollegen wie Nils Petter Molvaer, Erik Truffaz und Russell Gunn wären ohne Bitches Brew nicht denkbar. Es war daher einfach mal überfällig, dieses Phänomen im Rahmen einer Compilation zu thematisieren.
Rolf Thomas: Wie würdest du Dark Magus im Miles-Davis-Katalog einordnen - besser oder schlechter als On the Corner?
Michael Möhring: Oh, jetzt kommen die Fangfragen, oder? Ich denke, dass Begriffe wie »besser« oder »schlechter« da weniger angebracht sind. Dark Magus oder auch Agharta gehören zu Miles’ abgedrehtesten, eher psychedelischen Exkursionen. On the Corner hingegen betont mehr den Funk-Aspekt, wo zahlreiche Einflüsse der hippen Black Community - Sly Stone & Co. lassen grüßen - einfließen. Schau dir das Cover an und du weißt, wovon ich rede. Alles, was Miles zwischen 1969 bis 1975 einspielte, reflektiert eine fortschreitende Radikalität, zusammengefasst in einem Zyklus, welcher nach seinem Rückzug dann abrupt endete. Der »elektrische Miles« der 80er war ja bekanntlich dann ein anderer.
Rolf Thomas: Sind Erik Truffaz und Wallace Roney denn tatsächlich mehr als bloße Epigonen?
Michael Möhring: Gute Frage. Sie als Epigonen zu bezeichnen würde nach meinem Empfinden zu weit gehen. Vor allem Truffaz hat ein eigenes Profil. Bei Roney ist es etwas komplizierter. Er teilt ein ähnliches Schicksal wie der übrigens auch auf Run the Voodoo Down vertretene Eddie Henderson. Beide sind großartige Trompeter, gelegentlich aber doch zu nah an ihrem Mentor Miles. Henderson hingegen hat meiner Meinung nach während seiner Karriere künstlerisch mehr daraus machen können. Seine 70er-Alben und seine Koop mit Hancock zeigen das deutlich.
Rolf Thomas: Hast du zu Eddie Henderson vielleicht eine schöne Anekdote auf Lager - er ist ja auch ausgebildeter Psychiater?
Michael Möhring: Ich hatte die Gelegenheit, Dr. Eddie Henderson unlängst in Amsterdam bei einem Konzert des Al Foster Quintet zu treffen. Im Laufe unseres anschließenden Interviews kamen wir zwangsläufig auch auf Miles und seinen Einfluss zu sprechen. Hendersons von DJs gesuchte 70er-Alben auf Blue Note und Capitol weisen zwar den Miles-Konnex auf, waren aber weit mehr grooveorientiert. Komplett anders produziert zudem. Laut Henderson stand er zu dieser Zeit so an die 16 Stunden im Studio, sechs Tage die Woche. Perfektion und totales Engineering waren im Gegensatz zu Miles ein wichtiger Punkt. Der satte Sound bläst einen jedenfalls noch heute um. Eine Zeit auch, als die besagten Produktionen ein Budget von immerhin je 100.000 Dollar aufwiesen, und Henderson einen Advance von 35.000 Dollar einstrich, bevor er das Studio betrat. - Those were the days ...

Selbst ist der Musiker

Rolf Thomas: Du machst auch selbst Musik und hast mit Jazz Cussion jahrelang eine recht erfolgreiche Band geleitet - bis hin zu einer Kooperation mit Marion Brown. Gibt’s die Band noch?
Michael Möhring: Ja und nein - zwar bin ich auch nach wie vor aktiver Musiker, jedoch nicht professionell. Zwei Veröffentlichungen mit dem amerikanischen Altsaxofonisten Marion Brown auf ITM und Double Moon/Challenge plus eine Deutschland-Tournee inklusive Leverkusener Jazztage-Auftritt bleiben natürlich unvergessen. Das ist aber nun auch schon ein paar Tage her. Jetzt spielen wir nur noch gelegentlich, beispielsweise diesen November auf dem Göttinger Jazz Festival - allerdings ohne Mr. Brown.
Rolf Thomas: Was macht Marion Brown?
Michael Möhring: Der Kontakt war zuletzt eher spärlich, bis ich unlängst Bennie Maupin traf, der ja schon in den 60ern und 70ern mit Marion zusammenspielte - es gibt Alben auf ESP und ECM. Über ihn erfuhr ich einige Neuigkeiten. Zum Beispiel, dass Marion Brown nun in Hollywood/Florida lebt, gesundheitlich mittlerweile aber gehandikapt ist. Sein Sohn Dinji Brown, ein arrivierter HipHopper in den Staaten, kümmert sich um ihn, so gut es geht. Marion hat immer in seiner eigenen Liga gespielt - ein Aspekt, weshalb wir gerne mit ihm zusammengearbeitet haben.


Aktuelle CDs:
Various Artists: Can You Dig It? (Brown Sugar / ZYX)
Various Artists: Run the Voodoo Down (BHM / ZYX)