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Nicht jeder, der hauptsächlich B-Movies vertont hat, wird wie Peter Thomas jetzt 82-jährig noch von Szenemusikern wie St. Etienne geremixt oder von Regisseuren wie Quentin Tarantino gehuldigt. Doch wie wurde bei ihm Kommerz zu Kunst? »Eine gute Filmszene kann man auch mit einem Triangel begleiten, aber schlechte Szenen verlangen nach einer musikalischen Idee«, erklärt Deutschlands erfolgreichster Filmkomponist einen der Gründe seines anhaltenden Erfolges.

Von Hans-Jürgen Lenhart

Er schaffte es, die Inkarnation von Krimimusik zu werden, indem er etwas Neues außerhalb der Verwendung von tosenden Bigband-Stücken in diesem Genre kreierte. Um derartig unverwechselbar zu werden, muss man vielleicht so überspannt sein wie der Meister himself, der fest behauptet, schon einmal als Klavierstimmer bei Caesar gelebt zu haben – auch wenn es damals noch keine Klaviere gab.

In den letzten 20 Jahren wurden ständig neue Werkschauen von Peter Thomas veröffentlicht, die meist die unverzichtbaren Werke aus Edgar-Wallace-Filmen, Raumpatrouille und Vergleichbarem beinhalteten. Doch hat dieser Mann so unbändig viel eingespielt dass es nicht schwerfällt, dem Sammlerherz in jeder Ausgabe neue Kleinode zu präsentieren. So ist das auch in der neuen Kompilation von Bear Family Records, Peter Thomas – Deutsche Filmkomponisten Folge 5, der Fall, die durch ihr aufwändig gemachtes, 90-seitiges Booklet mit einer auch die Nebenprojekte beleuchtenden Biografie mit vielen Anekdoten und einer Sammlung von Filmplakaten und –fotos hervorsticht. Zu solchen Kleinoden gehört hier ein pompös klingender Blues mit einer murmelnden Eartha Kitt oder dieser unschlagbar laszive Song »Nightclub 61« mit Nina Westen, die mit ihrem »Da daabidu wau« den Rauch zwielichtiger Spelunken durchschneidet. Da bekommen gestandene Männer Schweißausbrüche, und es wäre vielleicht an der Zeit, eine CD nur mit solchem Bardamen-Gehauche herauszubringen. Wieder mal ist es Peter Thomas, der das Sündige auf den Punkt bringt.

Peter Thomas bleibt unvergessen für seine überdramatische Edgar-Wallace-Musik und den Countdown per Vocoder für das Raumschiff Orion. Er schwebte immer zwischen perfekt gemachtem Handwerk und kreativem Irrsinn. Nur so bringt man es fertig, etwa 100 Spielfilme und 600 Fernsehfilme, dazu Werbespots, Industriefilme etc. eingespielt zu haben und gleichzeitig einen Sound zu kreieren, der mit seinen extravaganten Ideen so manche Chorsänger zum Nervenzusammenbruch brachte. Seine Krimi-Musik baut zwar auf Jazz auf, entwickelt aber ständig neue Arrangement-Ideen, die oft ihrer Zeit voraus waren. Meist sind es verhallte Bläser mit vier plärrenden Unisono-Posaunen, zu denen synchron sphärische Chorstimmen gesetzt werden, die immer wieder für Adrenalinstöße sorgen. Man höre sich das mal laut an und schon hat man das Gefühl, jeden Moment würde die eigene Wohnung von Scotland Yard gestürmt.

Seine hektischen Rhythmen charakterisieren aber genauso seinen Sound. Der nervöse Titelsong zu Der Zinker erinnert dabei sogar an den treibenden »Säbeltanz« von Khatchaturian. Der Höhepunkt seiner Edgar-Wallace-Film-Kompositionen ist sicherlich die Titelmelodie von Der Hexer mit Schreien, Lachen, Schüssen, Flüstern und verdammt viel Hall. Das Stück wirkt wie ein Hörspiel-Trailer zum Film und ist auch ohne Bilder erschreckend und amüsant zugleich. Früher als seine Kollegen setzte Thomas auch Elektronik ein - wie das von ihm mit erfundene Thowiphon, ein Zwölf-Generatoren-Synthesizer, der in den Jerry-Cotton-Verfilmungen zu hören ist. Auffallend ist bei Thomas auch der Kontrast zwischen lieblichen Melodien und schrillen Orgelsounds, die meist sehr perkussiv gespielt werden. Thomas bezieht Modetänze in seine Musik mit ein, und eine bizarre Mixtur aus Jazz, Pop, Marschmusik, Schlager, Klassik, 12-Ton-Musik und Elektronik macht seinen Sound meist unverwechselbar. Diesen Sound beschreibt er im Booklet dergestalt: »Eine eigenartige Melodieführung, eine besondere Klangzusammensetzung – und sehr präsent, … kompromisslos, nicht käuflich, etwas spinnert, etwas überspannt, sehr experimentierfreudig. So wie ich.« So entwickelte er bei einem Fernsehauftritt in einer Familienmusiksendung in den 90ern aus den Geburtsdaten einiger Zuschauer spontan ein Bezugsmuster zur Notenskala und schuf damit sofort persönliche Geburtstagsmelodien. Am besten funktioniert seine Filmmusik, wenn sie dramatisiert, wie lautmalerische Worte in Comics funktioniert: Dumpf gezupfte Bässe mit verhallten Ratschen und dann ein schriller Orgelsound. Das erinnert eben an schleichende Schritte in der Nacht und den in den Weg springenden Mordbuben. Keiner hat so etwas im Prinzip je besser vertont als Peter Thomas. Der typische Thomas-Sound ist aber nicht immer zu hören. Seine jüngeren Titel wirken flacher, belangloser. Der effekthaschende Sound der Wallace-Filme passte einst zu den selbstironischen Elementen dieser Filme. Das war später nicht mehr gefragt, und so verschwand mit der Selbstironie der Krimis auch dieser Sound.

Lag es vielleicht an den beiden Großvätern, dass Thomas’ Musik so oft das Dramatische sucht? Der eine Großvater komponierte Militärmärsche, der andere zog als Militärkapellmeister täglich durchs Brandenburger Tor. Letzterer brachte den fünfjährigen Thomas zum Klavierunterricht. Bald schon klimperte dieser zu den Schlagern, die im Radio kamen. Aber er spielte nichts nach, sondern suchte seine Varianten. Und seine Variante von Marschmusik hören wir später im »Jerry-Cotton-Marsch«. Danach inspirierten ihn ein klassisches Musikstudium und die amerikanischen Unterhaltungsmusikorchester auf AFN der 50er Jahre zu seinem Sound. Über Rundfunk und Fernsehen kommt er zur Filmmusik und erhält 1961 für seine Partitur zum Will-Tremper-Film Flucht nach Berlin seinen ersten Bundesfilmpreis. Er schreibt Schlager wie »Schatz, geh nach Haus« mit seiner Frau Cordy als Texterin für Esther & Abi Ofarim und eckt schon gleich damit bei den Sendern an, weil das Lied angeblich »Anstiftung zum Gattenmord« sei. Wer weiß, vielleicht war gerade das die Empfehlung, die Edgar-Wallace-Soundtracks ab 1961 zu übernehmen.

Pro Film braucht der preußische Workoholic nur 2-3 Tage, doch hat er auch die richtigen Musiker dafür. Jan Hammer oder Klaus Doldinger lernten bei ihm ihr Handwerk, auch spätere Amon-Düül-II-Kollaborateure wie Olaf Kübler. Die in den letzten Jahren veröffentlichten Archivschätze zeigen, dass psychedelische Rocksounds Peter Thomas daher nicht fremd waren. Bald handelt sich Thomas den Ruf ein, dass bei seinen Vertonungen die Filme immer anders als gewöhnlich klingen, und so ruft man ihn zu Karl-May-Filmen genauso wie zu Kunstfilmen. Doch versucht sich Thomas auch mit eigenen Produktionen. Er verpoppt Klassik und macht Pop-Klassiker zu Jazz. Das Fernsehen holt ihn zu Francis-Durbridge-Krimis und schließlich zur Raumpatrouille, wo er es schafft, Großorchestrales und futuristische Klangexperimente zu einem bis heute ungebrochen legendären Soundtrack zu vereinen und so nebenbei noch mit »Shub-a-dooe« den albernsten Modetanz der Zukunft zu vertonen. Weniger bekannt ist, dass Thomas auch in den 70ern den Sound der beliebtesten ZDF-Krimiserien wie Der Kommissar bestimmte und große Fernsehshows bediente. Sein Arbeitsgebiet wird schließlich grenzenlos, seien es Musik für die Kinderverkehrserziehung, afrikanische Musicals oder Hymnen für Perry Rhodan. In den 90ern entdeckt ihn die Lounge-Schickeria, remixt seine Archiv-Schätze oder holt ihn zu Orion-Partys auf die Bühne.

Gerade in Zeiten, wo Filmmusik insbesondere im Fernsehen heute oft im Heimstudio von einem einzigen Musiker mit vorgefertigten Sample-Sounds erschaffen wird, wird das Werk von Peter Thomas wieder aufgewertet. Die Tatsache, dass er mit Werken wie »Raumpatrouille« zeitlose Klassiker geschaffen hat, scheint für den deutschen Film nicht so schnell mehr wiederholbar. Allein vom Titelsong zur Raumpatrouille gibt es bis heute mehr als 50 Cover-Versionen. Zum 40. Geburtstag der Kultserie präsentierte die Europäische Filmphilharmonie 2006 eine musikalische Live-Synchronisation in voller Länge zur Spielfilm-Fassung. Der umtriebige Meister lebt heute stilgemäß in angesagten 60er-Jahre-Locations wie Lugano, Kitzbühel und St. Tropez und arbeitet gerade an einer Oper und einem Musical.

Aktuelle CD:
Peter Thomas: Deutsche Filmkomponisten, Folge 5. Aufnahmen 1960-1999 (Bear Family Records)