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Diane ReevesAuf ihrer neuen Platte singt sie über die Liebe, schaut dabei auf ihr Leben zurück und wirkt sehr zufrieden. Zur US-Politik hat sie eine starke Meinung. Mit ihren europäischen Gesangs-Kolleginnen hingegen könnte sich Dianne Reeves etwas mehr beschäftigen.

Bild und Text von Christoph GieseDiane Reeves

Christoph Giese: When You Know ist deine erste CD seit fünf Jahren. Warum diese lange Pause?

Dianne Reeves:
Ich habe zwischendurch noch zwei andere Platten gemacht, eine für eine Dokumentation über Billy Strayhorn und die andere ist der Soundtrack zum Film Good Night, and Good Luck [2005].

Christoph Giese:
George Clooneys Film über die McCarthy-Ära in den USA.

Dianne Reeves:
Ich bin sogar in dem Film zu sehen - und nicht zu knapp! Ich trage Klamotten, die man damals in den 40er und 50er Jahren trug, das hat mir gefallen. George Clooney hat die Musik so ausgesucht, dass sie als erzählendes Element für den Film funktioniert. Man sieht mich also singen, und entsprechend passiert etwas. Die Love-Songs etwa bekommen so eine ganz andere Bedeutung im Film. Es war eine großartige Erfahrung.

Christoph Giese:
Deine neue CD ist ziemlich bunt gemischt. Wolltest du einfach deine Lieblingssongs aufnehmen?

Dianne Reeves:
Ja, schon. Aber eine weitere Verbindung ist, dass die Songs gitarrenbetont sind. Und ich wollte auch eine Platte machen, deren Songs die Entwicklung der Liebe in ihren verschiedenen Phasen nachstellen. Vor vielen Jahren habe ich ein Bild von Gustav Klimt im Belvedere-Museum in Wien gesehen. Ich hatte zuvor nie Bilder von Klimt gesehen ... und nun sah ich dieses unbetitelte, weil noch unfertige Bild von einer Frau, auf dem Klimt die Entwicklung ihres ganzen Lebens eingefangen hatte, vom jungen Mädchen bis hin zur reifen Frau. Und obwohl die Veränderungen bei dieser Frau sehr fein gemalt waren, konnte man sie erkennen und sehen. Als ich jetzt meine neue Platte zusammengestellt habe, musste ich an dieses Klimt-Bild denken und ich dachte an mein Leben, welche Songs ich gehört habe, als ich richtig jung war - »Just My Imagination« von den Temptations etwa oder »Lovin’ You« von Minnie Ripperton. Zu dem Zeitpunkt war ich verliebt in den Football-Star unserer Schule und ich dachte, ich würde für immer mit ihm zusammen leben. Wenn man älter wird, bekommt Liebe eine andere Bedeutung. Dann ist es nicht mehr nur die Liebe zwischen Mann und Frau, sondern auch die Liebe zu dir selbst und zu der Kraft, die Dinge verändern kann. Das ist es, wovon die Platte handelt.

Christoph Giese:
Du magst es, mit Musikern für eine lange Zeit zusammenzuarbeiten. Was ist für dich das Besondere daran?

Dianne Reeves:
Auf der neuen Platte ist eine Mischung. Einige habe ich schon länger um mich, wie den brasilianischen Gitarristen Romero Lubambo, den Bassisten Reginald Veal und den Drummer Greg Hutchinson. Mit Romero habe ich schon sechs Platten zusammen gemacht. Mit Russell Malone ist es die zweite Platte, mit dem Pianisten Geoff Keezer ist es das erste Mal. Das Schöne ist einfach, die Leute zu kennen, andererseits aber auch das Unerwartete, dass passieren kann. Man vertraut den Leuten und versteht ihre Fähigkeiten - und dann ändern wir einfach plötzlich was. Das mag ich.

Christoph Giese:
Und was magst du an deinem Cousin George Duke, der diese Platte produziert hat?

Dianne Reeves:
Erst einmal ist er ein fantastischer Musiker mit einer sehr weiten musikalischen Auffassung. Und es ist leicht, mit ihm zu arbeiten. Er würde als Produzent nie seine eigenen Ideen über deine stellen. Er entwickelt meine Einfälle und bringt sie auf den Punkt.

Christoph Giese:
Sollten nicht alle Produzenten so arbeiten?

Dianne Reeves:
Ja, aber oft gehen Leute auch zu einem bestimmten Produzenten, weil der eben einen bestimmten Sound vertritt. George hat auch einen Sound, aber er stülpt ihn dir nicht über. Ich liebe zum Beispiel Craig Street [u.a. Produzent der Cassandra-Wilson-Alben Blue Light ’Til Dawn und New Moon Daughter], aber wenn er jemanden produziert, ist es sein Sound.

Christoph Giese:
Der letzte Song auf der Platte ist deiner Mutter gewidmet. Ist sie ein Vorbild für dich?

Dianne Reeves:
Ja. Sie ist jetzt 83 Jahre alt und noch so fit! Sie fährt sogar noch Auto und lebt völlig unabhängig. Wenn ich nach Hause komme von einer Tour, dann fragt sie mich: »Hey, was kann ich für dich tun?« Sie hat so viel Energie. Sie ist so, wie ich mit 83 noch sein möchte. Sie mag den Song übrigens sehr, den ich für sie geschrieben habe. Sie hat mich einmal vom Flughafen abgeholt und ich sagte zu ihr: »Hör mal, Mom, diesen Song habe ich für dich geschrieben.« Sie war so entzückt, dass sie plötzlich auf der falschen Spur fuhr! Ich hab den CD-Player dann lieber wieder ausgemacht.

Christoph Giese:
Was weißt du über die aktuelle Vocal-Jazz-Szene hier in Europa? Lyambiko etwa, eine Sängerin mit Vater aus Tansania und Mutter aus Deutschland, ist hier sehr erfolgreich und sogar schon in den USA aufgetreten, was ich bemerkenswert finde.

Dianne Reeves:
Lyambiko kenne ich überhaupt nicht. Aber ich gebe viele Master Classes und arbeite mit aufstrebenden Jazzsängern, und sie sind sehr gut, schreiben gute Songs.

Christoph Giese:
Und wie findest du die skandinavische Szene, mit all den Sängerinnen, die weniger mit dem Great American Songbook als Quelle für ihre Lieder arbeiten, sondern mit der Folklore ihres eigenen Landes?

Dianne Reeves:
Oh, davon habe ich noch gar nichts gehört. Aber das klingt sehr interessant.
Christoph Giese: Ein großes Thema derzeit sind – auch hier - die Vorwahlen in den USA. Wie wichtig ist diese Präsidentschaftswahl?

Dianne Reeves:
Es ist sehr wichtig, wer der nächste Präsident der USA sein wird. Ich möchte Barack Obama als nächsten Präsidenten sehen. Ich war schon ein Anhänger von ihm, lange bevor er sich entschieden hat, zu kandidieren. Ich kenne ihn schon, seit er bei einer Versammlung der Demokraten seine erste Rede hielt, als Al Gore noch kandidierte. Er machte sehr kraftvolle Aussagen, und die Leute hörten ihm zu als einem Mann - nicht als einem schwarzen Mann! Was viele Leute nicht verstehen, ist, dass seine Kampagne von den Menschen unterstützt wird. So viele Leute spenden kleine Summen, dass er mehr Wahlkampf-Gelder hat als die anderen Kandidaten. Das sagt doch eine Menge aus. Er hat viele Amerikaner hinter sich, denn er kommt mit Versprechen, mit Hoffnung, mit dem Willen zur Veränderung. Und ganz wichtig: Er ist politisch sauber.


Aktuelle CD:
Dianne Reeves: When You Know (Blue Note / EMI)