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DJ VadimDJ Vadim ist wieder solo! Oh, Verzeihung, das heißt nicht, dass seine Gattin Yarah Bravo wieder zu haben wäre, Telefonhörer bitte wieder auflegen. Das heißt, dass Vadim nach mehr als einem Jahr Konzerttätigkeit mit der gemeinsamen Band One Self auch wieder ein Album unter eigenem Namen eingespielt hat.



Von Eric MandelDJ Vadim

Wie er die Zeit dafür gefunden hat, ist schleierhaft. Eben erst erschien mit Organically Grown eine 6-Track-EP von One Self, die vorerst exklusiv auf Konzerten zu haben sein wird. Ein weiteres Album mit dem bewährten Gespann Yarah Bravo und Blue Rum 13 am Mikrofon ist in Arbeit. Aber irgendwann auf der ausgedehnten Nonstop-Tour hat Vadim Soundcatcher (Albumtitel) gespielt und Stimmen für seine Instrumentals eingesammelt. International bekannte, wie den dänischen Sänger/Songwriter Emo, die US-Rapper Zion (Zion I) und Abstract Rude (Project Blown) und Meisterbeatboxer Killa Kela, aber auch talentierte Newcomerinnen wie die Sängerinnen Kathrin deBoer und Sena. Alles also erst einmal wie immer - aber dann eben auch nicht.

Eric Mandel: Warum heißt dieses Album nicht wie deine anderen Arbeiten als DJ Vadim USSR?
DJ Vadim: Nun, für mich ist dieses Album Teil einer Evolution, die mit dem One-Self-Album Children of Possibility begann. Das war für mich der Beginn einer neuen Phase in meiner Musik. Für mich war es immer wichtig, mich vorwärtszubewegen. Und mit Soundcatcher, mit Organically Grown und der Studioarbeit, von der ich jetzt gerade komme, fühle ich mich sehr gut. Ich finde es anders, nicht sehr anders, aber definitiv eine Weiterentwicklung. Was Soundcatcher betrifft, empfinde ich es so, dass ich mich ein bisschen vom HipHop wegbewegen musste, weil mich der Zustand von HipHop zunehmend desillusioniert. Gleichzeitig fühle ich, wie ich mich näher in Richtung Reggae bewege, in Richtung Soul, und beides lasse ich mehr in meiner Musik zu als je zuvor. Das macht für mich den Unterschied zu den USSR-Alben aus.
Eric Mandel: Natürlich sind vor allem die Reggae-Anteile auf dem neuen Album größer, aber als zugrundeliegende Arbeits- und Produktionsweise, die Chemie, als musikalisches Verständnis empfinde ich immer noch HipHop.
DJ Vadim: Natürlich, HipHop war die erste Musik, der ich mich wirklich gewidmet habe, in den Achtzigern. Und vom HipHop kam das Interesse dafür, wo diese Musik herkommt, so entdeckte ich James Brown, Roy Ayers, Motown. Von da kommst du zu Blue Note, Miles Davis, Prestige, Impulse.
Eric Mandel: Dadurch, dass HipHop - bewusst und unbewusst - aus diesen Quellen schöpfte, war er schon von Beginn an eine Meta-Musik, die theoretisch alles integrieren konnte und kann.
DJ Vadim: Das war es, was ich immer an HipHop mochte, dass du verschiedene Elemente zusammenbringen konntest. Es ist wie ein großer Kreis: In der Mitte war HipHop, und drumherum all diese verschiedenen Musik-Stile. Und in HipHop konntest du einfach alles stecken. Und genau so fühle ich mich jetzt: In der Mitte eines solchen Kreises, und um mich herum ist Musik aus Indien, Japan, Kuba, Soul, Funk, Blues. Ich habe diese HipHop-Mentalität, wenn es darum geht, Musik zusammenzubringen. Ich habe keine klassische Musikausbildung.
Eric Mandel: Ich sprach gerade mit El-P (Rapper, Producer und Labelbetreiber von Def Jux Records), und wir hatten dieselbe Diskussion über die Leute, die sich mental aus dem HipHop zurückziehen, als Reaktion auf die Images, die dort produziert werden.
DJ Vadim: Was sagte er dazu?
Eric Mandel: Er meinte, er liebe HipHop wie sein Kind, und wenn ein Kind 15 ist, dann mag es unausstehlich werden, aber deswegen hörst du ja nicht auf, es zu lieben. Er würde nicht in Retrofunk Zuflucht suchen.
DJ Vadim: Ich habe mich immer für HipHop interessiert, ich bin damit aufgewachsen. Aber HipHop ist nicht mein Kind - und ich bin nicht seins. Wir alle treffen Entscheidungen. Ich sah neulich eine Sendung im Fernsehen, über Leute, die sich Häuser oder Land im Ausland kaufen, also irgendwo nach einem besseren Leben suchen. In Spanien zum Beispiel, wo es besseres Wetter gibt, besseres Essen und so weiter. Sie interviewten ein Paar, das sich ein Ferienhaus in England gekauft hatte, und fragten nach dem Grund: In Spanien sei es schöner, das englische Geld mehr wert und so weiter. Und die Frau antwortete, nun, sie wolle England nicht im Stich lassen, hier käme sie her und blablabla. Und ich dachte, okay, aber du hättest in Spanien ein besseres Leben! Es geht gar nicht darum, irgendwas im Stich zu lassen. Und so sehe ich das: Ich schulde HipHop nichts, und HipHop schuldet mir nichts - es ist nur eine Musik. Manche legen halt sehr viel rein. Klar, ich bin etwas traurig, weil es die erste Musik war, in die ich mich richtig verliebte. Das Problem ist die Mentalität der Leute, die heute die HipHop-Industrie kontrollieren. Speziell die Jüngeren unter ihnen haben wirklich keinen Schimmer. Und ich kann nicht mit solchen Leuten reden. Die Leute, die dort das Sagen haben, haben keine Ahnung von der Musik. Und mir geht es um Musik - und ich brauche keine Schachtel deswegen. El-P ist da auch in einer anderen Position, denn er ist Rapper, er wird wohl kaum plötzlich Blues-Sänger werden. Obwohl Everlast das auch gemacht hat. Aber ich will andere Styles erforschen, andere Dinge entwickeln - ich denke, das ist für meine Entwicklung wichtig.
Eric Mandel: Wie denkst du über HipHop als musikalische Kraft, die auf ihre Weise Leute verbindet, die in Sao Paolo, Tokyo, Dakar oder Berlin aufgewachsen sind?
DJ Vadim: Ja, das ist unglaublich. Dieses ganze Breakdancing, Beatboxing, Graffiti, diese Musik. Es brachte die Leute zusammen, es war wie eine Sprache, und das ist es heute noch. Wenn ich nach Japan komme, kann ich dort musikalisch mit Leuten auf eine Weise kommunizieren, die mir verbal völlig verbaut ist. Aber auch das ist eine Kraft von Musik an sich. Was mir heute an HipHop-Partys auffällt, ist, wie engstirnig das Publikum ist. Früher waren die HipHop-Leute für mich die Leute mit dem offensten Geist. Heute ist es andersrum. Es gibt ein paar Stücke, die du spielen musst, und das sind die MTV-Hits. Du kannst auch nicht ein anderes gutes Stück von der LP spielen, von Snoop oder Dre, selbst wenn’s ein Klassiker ist, damit fegst du den Floor leer.
Eric Mandel: Im Reggae gibt es dieses Problem vor allem auf der Clash-Ebene, wo du auch gezwungen bist, dich mit Specials auszustatten, um eine Chance zu haben.
DJ Vadim: Ja, wenn es ums Dub fi Dub geht, musst du dich an die Regeln halten. Aber wenn es einfach nur um eine Party geht, auf der ich auflege, dann finde ich es immer wieder erstaunlich, mit was für langsamen Nummern du den Laden am Laufen halten kannst. Einige haben 70 bpm und drunter, aber ihr Sound reicht aus, um die Leute zum Tanzen zu bringen. Wenn du eine HipHop-Nummer mit 70 bpm machst, schlafen dir die Leute im Club ein.
Eric Mandel: So wie »Fear Feats«, die Nummer, mit der du das Album beginnst. Sie ist langsamer als deine ohnehin schon relativ langsamen HipHop-Beats, aber sie schwingt halt. Und sie hat tolle Vocals. Ist Emo der Emo aus Dänemark?
DJ Vadim: Ja, ich hörte seine Platten [auf Stereo Deluxe], sie hauten mich um, ich rief ihn an. Cyrus ist ein Cousin von Demolition Man, der auch auf The Art of Listening und dem One-Self-Album dabei war. Demolition sollte auch auf dem Album sein, aber er hat die Tracks nicht rechtzeitig zurückgeschickt. Cyrus schon.
Eric Mandel: Von den Sängerinnen gefallen mir am besten Sena und die Dame, die mit dem Piratenboot aus Südostasien kam. Sehr glamouröse Geschichte auch.
DJ Vadim: Es ist ein sehr glamouröser Weg, zu sagen, dass sie aus Australien ist. Sie ist die Freundin von ner Freundin von nem Freund. Sie hat eine Gruppe namens Bella Rouge, sie haben ein paar 7-Inches draußen, und ein Album kommt demnächst. Ich hab’s gehört und find’s fantastisch, Es war unglaublich leicht, mit ihr im Studio zu arbeiten, weil sie extrem schnell ist mit Melodien. Ich spiel was … und sie denkt sich was aus. Sie singt so, wie Rapper freestylen, sie improvisiert. Sie kann auch scatten und alles, kommt halt vom Jazz. Sie machte einen Song in 30 Minuten, und ich war dabei! Sie ist elektrisch! Sena ist aus Ghana, ich traf sie in Budapest, bei einer DJ-Session. Wir hatten einen guten Vibe, also gingen wir ins Studio.
Eric Mandel: Am Ende muss ich doch noch fragen: Wie kam es zum Wechsel von Ninja Tune zu BBE?
DJ Vadim: Mein Vertrag mit Ninja lief aus, und BBE kamen mit einem besseren Angebot. Und ich halte BBE für eines der besten Independent-Labels. Sie haben einige der interessantesten Künstler auf der Szene, Leute wie Masters at Work, DJ Premier, Keb Darge, DJ Spinna, Roy Ayers. Sie machten Kings of Funk, Disco, Soul und gerade David Rodigans Reggae-Selection - das sind einfach ein paar fantastische Veröffentlichungen.
Eric Mandel: Und Soundcatcher.
DJ Vadim: (lacht) Und Soundcatcher.


Aktuelle CD:
DJ Vadim: The Soundcatcher (BBE / Rough Trade)

Auswahldiskografie:
Andre Gurov: Revelations of Wrath (Jazz Fudge 1997)
Andre Gurov: New Rap Language (Jazz Fudge 1997)
The Bug (mit Kevin Martin): Tapping the Conversation (Word Sound 1997)
The Isolationist (mit Anti-Pop Consortium): The Isolationist (Jazz Fudge 1999)
DJ Vadim: USSR Repertoire – The Theory of Verticality (Ninja Tune 1996)
DJ Vadim: USSR Reconstruction (Remixes von u.a. The Prunes, DJ Krush, Clatterbox, Kid Koala; Ninja Tune 1996)
DJ Vadim: USSR – Life from the Other Side (Ninja Tune 1999)
DJ Vadim: USSR – The Art of Listening (Ninja Tune 2002)
One Self (mit Yarah Bravo, Blue Rum 13): Children of Possibility (Ninja Tune 2005)