Diese Website verwendet Cookies, um ihre Dienste bereitzustellen. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass sie Cookies verwendet.

JAZZTHETIK LiveWenn ein Konzert-Programm mit so viel Kenntnis und Herzblut zusammengestellt wird wie das des dritten Nürnberger Festivals NueJazz, bleibt fürs Publikum nichts mehr zu wünschen übrig. Nach vier Abenden mit allen Facetten des modernen Jazz und fantastischen Entdeckungen fiel die Bilanz überaus positiv aus.

 Von Birgit Nüchterlein (Nürnberger Nachrichten).nuernbergWanja Slavin, Lotus Eaters © Ludwig Olah
Dass zum Start ausgerechnet der berühmteste Festivalgast, Gypsy-Stargitarrist Biréli Lagrène, einen denkbar uninspirierten und holprigen Auftritt hinlegte, fällt am Ende nicht mehr ins Gewicht. Frank Wuppinger und Marco Kühnl vom Verein Nürnberger Jazzmusiker, die auch die dritte NueJazz-Ausgabe mit ihrem Team ehrenamtlich gestemmt haben, ist die Freude anzumerken. Ihr Festival ist in Nürnberg definitiv angekommen, an allen vier Abenden ist die zum Konzertsaal umfunktionierte Werkstatt 141 auf AEG vollbesetzt. In den Pausen versammelt sich das Publikum in der gemütlichen Festival-Lounge, wo sympathisch improvisierte Hauptstadt-Atmosphäre herrscht.

Alles andere als improvisiert sind die Konzertabende selbst: Die Bands wechseln im lockeren Stundenrhythmus. Auf diese Weise bekommt man als Zuschauer viel geboten und ist dennoch nicht übersättigt. Jede Formation ist anders und eine Überraschung für sich, denn Kühnl und Wuppinger sind keine kühl kalkulierenden Konzertmanager, sondern selbst Feuer und Flamme für ihre Gäste auf der Bühne. So kann sich das Publikum auf die Tieftöner Steffen Schorn & Lars Andreas Haug einlassen oder über ein lässiges und extrem spielfreudiges Trio freuen, das sich programmatisch Organ Explosion nennt. Die drei jungen Münchner setzen einem grauen Oktobertag ein Glanzlicht auf, indem sie ihrem 70er-Jahre-Instrumentarium samt Hammond-Orgel extra-frischen Sound entlocken.

Am äußersten Rand des Jazz bewegt sich dagegen Johanna „IZ:I“ Iser als einzige (!) Frau im Festival-Line-up. Mit Soul-Pop, deutschen Texten, flexibler, geschulter Stimme und Performance begibt sie sich auf die Spuren von Xavier Naidoo und der Mannheimer Schule. Danach legt sich das internationale Sextett Django Lassi um Geiger und Sänger Roland Satterwhite aus Seattle ins Zeug, als gäbe es kein Morgen. So verspielt der Bandname ist, so herzerfrischend und belebend ist das Gebräu, das da aus Gypsy-Swing, Balkansound, Klezmer, HipHop- und Flamenco-Anleihen angerührt wird. Das Publikum ist aus dem Häuschen, kann nicht genug kriegen von diesem energiegeladenen, vor Spontaneität strotzenden Powerplay.

Doch für Kreativität, Spielfreude, gleichberechtigte, mal konzentrierte, mal blinde Interaktion, für Energie und schieres Können stehen ohnehin sämtliche Formationen, die in der Werkstatt 141 auftreten. Das gilt für die drei Musiker von Hyperactive Kid, die sich unplugged und fast ein bisschen autistisch in ihre freien Sounderfindungen einspinnen, genauso wie für die inspirierten Lotus Eaters um den Klarinettisten Wanja Slavin.

Einen ungewöhnlich faszinierenden Musiker haben sich die Organisatoren fürs Festival-Ende aufgehoben. Der Israeli Daniel Zamir feiert mit dem Publikum erst ein (wohldosiertes) spirituelles Sing-Fest, bevor er mit seinem hochemotionalen, federleichten Sopransaxofonspiel einen unwiderstehlichen Sog entwickelt. Seine großartigen Mitmusiker sind dabei mehr als nur Begleiter, der Bandleader lässt ihnen gerne mal den Vortritt. Ein fantastisches Finale, das Vorfreude auf die vierte NueJazz-Ausgabe 2016 weckt.