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hoerbucht 1117 1„Einszweidrei im Sauseschritt … läuft die Zeit – wir laufen mit.“ Auch mit Wilhelm Busch ließe sich gut eilen und verweilen, war er doch seiner Zeit weit voraus. Timing ist alles, bei der Suche nach einem bisschen Ruhm und Anerkennung, der Liebe oder beim Geschichtenerzählen. Große Worte müssen gelassen ausgesprochen werden, die Pointen sitzen. Zur rechten Zeit am falschen Ort? Begeben wir uns auf eine Zeitreise voller biografischer Finessen, voller Rhythmus und Stil, dass es eine Art hat. In der Hörbucht… Björn Simon

Harry Rowohlthoerbucht 1117 2
erzählt sein Leben von der Wiege bis zur Biege
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Abschweifungen in Frankfurt und Kassel, live
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Beide: Edition Tiamat
Auf den Tonbandkassetten, die Harry Rowohlt einst seinem Kumpel Ralf Sotscheck, Irland-Korrespondent der taz, vollquatschte, woraus dieser dann die Biografie In Schlucken-zwei-Spechte kompilierte (der Titel wiederum eine Anspielung auf Rowohlts Lieblingsbuch In Schwimmen-zwei-Vögel von Flann O’Brien), basiert nun die Vier-CD-Box Harry Rowohlt erzählt sein Leben, und natürlich schätzt man sich froh und glücklich, dass man dem mäandernden Erzählstrom des großen Literaten, Übersetzers, Schauspielers, Vortrags- und Lebenskünstlers, der leider, leider vor zwei Jahren von uns gegangen ist, für vier Stunden und ein paar Minuten lauschen darf. Seine Sym- und Antipathien vereint der große Brummbär – seine Stimme sei übrigens keineswegs ein Bass, sondern ein „lyrisch timbrierter Klavierbariton“, wie Rowohlt selbst behauptete – großzügig in sämtliche Richtungen, und eine geordnete Nacherzählung seiner krummen Lebensbahn dürfte eh niemand von ihm erwarten. Und so erfahren wir vornehmlich über Anekdoten Wissenswertes über seinen Vater Ernst Rowohlt, seinen Bruder Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, diverse Künstler und Schriftsteller von David Sedaris („so ungebildet, dass er nicht einmal bei Jauchs Wer wird Millionär? 750.000 Euro gewinnen würde“) bis Eckhard Henscheid, seine Zeit als Werbetexter, bei der er an der „Ich trinke Jägermeister, weil…“-Kampagne mitwirkte, seine Vorliebe für amerikanische Kultur von Bob Wills & His Texas Playboys bis Robert Crumb, seine Schauspielkarriere als Penner Harry in der Lindenstraße und die Umstände seiner zahlreichen Preise und Ehrungen. Dabei schreckt er vor drastischen Schilderungen nicht zurück, und so sind wir live dabei, wie der Schriftsteller Robert Gernhardt in einer Kneipe sich selbst einen Zahn zieht.

Wer dann immer noch nicht genug von Rowohlts Plaudereien hat, dem sei die Doppel-CD Abschweifungen in Frankfurt und Kassel wärmstens empfohlen, denn auch auf diesen beiden Lesungen aus den Jahren 2000 und 2004 liest er weniger vor – das tut er auch, und zwar aus Frank McCourts Roman Die Asche meiner Mutter –, als dass er Anekdoten über die Kunst des Übersetzens oder seine Erlebnisse mit dem österreichischen Großdarsteller Hermes Phettberg referiert. Für Harry Rowohlt gilt immer noch das Diktum, das die Karikaturisten Hauck & Bauer einst über ihn verfügt haben: Man muss Bücher in der Übersetzung von Harry Rowohlt lesen – „im Original geht da viel verloren“.
Rolf Thomas