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Paolo FresuIn schräger Sitzhaltung quer zur Lehne des Stuhls verfolgt Paolo Fresu die Aktionen seiner Mitspieler bei Mare Nostrum, Jan Lundgren und Richard Galliano. In der ausverkauften Konzertscheune von Salzau, wo der 46-jährige Sarde an diesem Nachmittag sein JazzBaltica-Debüt gibt, könnte man eine Stecknadel fallen hören. So konzentriert verfolgen die Besucher die traumversunkene, gefühlvoll bis ins feinste Pianissimo ausgelotete Klangästhetik des Trios, in der sich dennoch verschiedenste kulturelle Anklänge herausschälen.
Von Joachym EttelPaolo Fresu

Auf der Nord-Süd–Schiene

Als Fresu dann ansetzt, wahlweise mit Trompete oder Flügelhorn, kommt Würze ins Spiel. Die entspannt dahinfließenden Sounds zwischen warmer Melancholie, sanft swingender Musette und irisierenden, nordischen Sphären erhalten Kontur. Markant kraftvoll, dabei erstaunlich transparent und erfüllt mit einer an Chet Baker erinnernden Poesie kommt sein Ton daher. Fresus Faible für gesangliche Melodik macht ihn zu einem idealen Bläser in diesem Triumvirat.

Spätestens mit seinen mittlerweile sechs Alben für Blue Note hat sich Fresu aus dem langjährigen Status eines vielseitig und umtriebig agierenden Geheimtipps der europäischen Szene herausgearbeitet. Sein Quintett mit Roberto Cipelli (p), Tino Tracana (sax), Attilo Zanchi (b) und Ettore Fioravanti (dr) gilt als eines der beständigsten in Europa. Bereits 1985 erschien mit Ostinato das Debüt dieser Formation, und schon Inner Voices (1986) brachte den Durchbruch. Seither pflastern zahlreiche Auszeichnungen seinen Weg. Angefangen 1990 als bester Einzelmusiker, beste Gruppe und bestes Album (Live In Montpellier) in Italien über den Preis der Pariser Academie du Jazz für das Album Night on the City (1995, Owl Rec) bis zum prestigeträchtigen Django d’Or. Damit ist Fresu wohl endgültig aus dem Schatten seines Landsmanns und Nestors des italienischen Jazz, Enrico Rava, herausgetreten. Aus der Zusammenarbeit zwischen Lehrer und Ex-Schüler resultierte übrigens 1999 die Jazzplatte des Jahres jenseits der Alpen (Shades of Chet, Label Bleu).

Nordeuropäischen Kollegen wie dem kühl-elektronisch getuneten Nils-Petter Molvaer, dem jungen, sehnsuchtsvollen Arve Henriksen oder den Pop-affinen deutschen Trompetern wie Till Brönner und Nils Wülker setzt Fresu zeitlose Statements voll elegant ausgestalteter Poesie entgegen. Sein großes Plus ist die Vielseitigkeit und Neugier. Rasant verschlungene Bebop-Läufe liegen ihm ebenso wie balladenhafte Lyrizismen. Seit seiner Kollaboration mit dem Komponisten Michael Nyman 1987 zieht sich das Interesse an Musik für Film und Theater wie ein roter Faden durch sein Oeuvre. Mit Sonos’E Memoria (ACT) schuf Fresu den Soundtrack zu dokumentarischen Stummfilmszenen aus Sardinien der 30er bis 50er Jahre, die Regisseur Gianfranco Cabiddu wiederentdeckt hatte. Und das zuletzt vorgelegte Projekt Scores! (2006, CamJazz) featured Duos mit Dhafer Yousseff und ein Large Ensemble. Neben den Auftritten mit dem Mare Nostrum Trio wird Paolo Fresu in diesem Herbst zudem mit Carla Bleys Quartett The Lost Chords in Deutschland zu erleben sein.

Lehr- und Herrenjahre

Joachym Ettel: Sie stammen aus Sardinien, eine Mittelmeerinsel, auf der die süditalienische Banda-Tradition noch sehr lebendig ist.
Paolo Fresu: Ja, Banda ist die traditionelle Musik Süditaliens. Ich bin in einer kleinen Stadt mit 3000 Einwohnern geboren, wo ich heute noch ein Jazzfestival organisiere. Wir begannen damit vor etwa 20 Jahren. Ich lernte die Musik und das Spielen in einer March Band, ganz im Sinne der Tradition. Ich war sehr jung, erst 11 Jahre alt, und die March Band war meine erste Schule. Danach spielte ich einige Jahre lang auf den Plätzen der Nachbardörfer Pop- und Tanzmusik. Dem Jazz begegnete ich Ende der 70er in Sassari, einer Stadt, etwa 70 Kilometer von meinem Heimatort entfernt. Dort gab es ein Konservatorium, in dem ich ab 1979 begann, mich intensiv mit dem Jazz auseinanderzusetzen. Es folgten zwei Jazz-Seminare in Siena 1980 und 1982. Bereits 1985 wurde ich Professor an demselben Institut. Also eine recht schnelle Karriere.
Joachym Ettel: Miles Davis, mit dem Sie oft verglichen werden, wurde schnell eines Ihrer Vorbilder.
Paolo Fresu: Meine erste Jazzplatte war Chet Baker With Gerry Mulligan. Aber meine erste wirklich wichtige Platte mit großem Einfluss auf meine Entwicklung war Miles In Antibes 1961. Darauf war eine unglaubliche Version von »Autumn Leaves« zu hören. Ich dachte nur: »Wow, what is this?« Denn ich kannte das Thema von »Autumn Leaves« aus dem Effeff, da ich diesen Song oft in der Popband gespielt hatte. Unser Pianist hatte mir die Kassette mit dem Album gegeben und gesagt, ich könne diesen Song zu Hause bearbeiten. Doch in meinem Dorf Berchidda angekommen, konnte ich das Stück auf der Kassette nicht finden. Nach einer Woche traf ich ihn wieder und sagte: »Tut mir leid, aber der Song ist nicht darauf. Ich kenne den Song, die Melodie usw.« »Sicher«, entgegnete er, »the song is there, but completely out«. In diesem Moment verstand ich, dass der Jazz eine unglaublich faszinierende Musik sein kann, weil es möglich ist, mit ganz einfachem Material sehr weit zu gehen, frei und zwanglos. Dies war mein erstes Erlebnis mit Miles, dem noch viele folgen sollten. Letztendlich wurde er dann mein Meister. Das erste Konzert mit ihm erlebte ich 1988 in Turin. Es trat mit der neuen Gruppe an (u.a. mit John Scofield), die er nach schwerer Krankheit zusammengestellt hatte.
Joachym Ettel: Wie genau wirkte sich sein Einfluss auf Ihre Spielweise aus? Auf den Stil oder den Ton?
Paolo Fresu: Nun, zuallererst auf den Sound und auf die Philosophie von dem, was wir Sound nennen. Diese Art des Sounds, der ganz klar rüberkommt ohne Vibrato und insbesondere die Harmonien. Ich verwandte sehr viel Zeit darauf, möglichst nah an diesen Sound heranzukommen. Miles’ Version von »Round Midnight« 1959 hatte es mir besonders angetan. Ich besorgte mir Kopfhörer, Soundsystem und Mikrofon, um alles möglichst perfekt hinzubekommen. Es ist eigentlich nicht möglich, die Trompete in dieser stimmlichen Art zu spielen. Doch bei ihm war sie die Stimme. Ihr Sound stand sehr weit vorn, ungewöhnlich klar, sehr warm und vor allem poetisch. Das war mein erstes Erlebnis mit Miles. Beeindruckend auch das Projekt an sich und seine Umsetzung in der musikalischen Organisation: Da war viel Raum in dieser Musik - ebenso wie innerhalb der Band. Wenn ich heute mit meinen verschiedenen Gruppen auf die Bühne gehe, halten wir es in 90 Prozent der Fälle wie Miles, starten mit nichts ... und tauchen dann nach und nach in die Musik ein. Grundsätzlich ist jeder Auftritt verschieden. Wenn du die Bühne betrittst, weißt du nicht, welches Publikum und welche Kulisse dich erwartet. Man kann nie im vornherein abschätzen, wie das Gefühl sein wird, zuerst mit uns innerhalb der Band und dann mit dem Publikum. Es gibt viele Faktoren, die da mitspielen: Ob der Sound gut ist oder nicht, ja, selbst das Licht spielt eine wichtige Rolle.
Joachym Ettel: Das schließt an eine andere Frage an. Mitte der 80er Jahre gab es in Europa einige Trompeter, die einen ausgesprochen poetischen und melodischen Ausdruck pflegten. Also jene Stilrichtung eroberten, für die Sie heute bekannt sind: zum Beispiel Kenny Wheeler, Enrico Rava, Tomasz Stanko und Manfred Schoof. Wie wichtig war diese europäische Szene für Ihre Orientierung?
Paolo Fresu: Für mich war sie sehr wichtig, weil ich ein melodischer Musiker bin. Melodien sind in meinen Augen die wichtigsten Elemente in der Musik. Es ist wahr, Enrico Rava war in Italien lange Zeit der melodische Trompeter par excellence. Ich würde Enrico zwar nicht als meinen Meister bezeichnen, doch in Siena war er 1981 für fünf Tage mein Professor, die Beziehung war sehr gut. Sehen Sie, in Italien haben sie als Musiker nicht viele Vorbilder. Neben Chet und Miles ist er sicher eines. Ab 1983 wurde es zunehmend einfacher für mich, meine Position in der Szene zu finden und zu behaupten. Jeder suchte gute Trompeter, und diese Stellung teilte ich mir mit einem anderen Musiker aus Turin namens Flavio Boltro. Ich wurde für Konzerte in Rom engagiert und fragte mich: Warum rufen die mich in Sardinien an, wenn es doch etliche gute Musiker in Rom und Mailand gibt? Das stimmte jedoch nicht. Am Anfang spielte ich mit einigen sehr guten Bassisten wie Giovanni Tomaso, Bruno Tomaso und Paolo Damiani und kam dadurch leicht in die national wichtige Jazz-Familie.
Joachym Ettel: Kommen wir zu Mare Nostrum. Wie lief der Kontakt zur Gründung dieses Projektes, das drei sehr starke und individuelle Charaktere vereint? Jan Lundgren und Richard Galliano trafen sich erstmals vor vier Jahren …
Paolo Fresu: Die Idee stammt von René Hess, dem Produzenten. Er fragte mich nach meiner Verbindung zu Richard Galliano, weil ich schon einige Male mit ihm gespielt hatte. Ich selbst hörte von dem Projekt über Jan Lundgren, dessen Musik ich übrigens sehr mag. Letztendlich sagte ich zu: Yes, why not, it should be a nice mix. Vor drei Jahren spielten wir dann erstmals zusammen, in Schweden. Es war eine kleine Tour, danach ins Studio, in Italien. Dahinter steckt die Idee einer Trilogie, drei Alben in drei Jahren. Das zweite wird in Frankreich und das dritte in Schweden aufgenommen. Für die erste CD brachte jeder von uns Originalmaterial mit ins Studio. Zuvor hatten wir lediglich zwei Jahre miteinander gespielt, das macht etwa 12 bis 15 Konzerte.
Joachym Ettel: Was macht in Ihren Augen die Qualität dieses Trios aus?
Paolo Fresu: Drei Musiker aus drei verschiedenen Teilen Europas mit einer ausgesprochen Affinität zur Melodie als verbindendes Element. Auf diese Art und Weise ist es sehr einfach, zusammenzukommen. Obgleich die Musette sehr weit entfernt von meiner Tradition ist. Aber nehmen wir zum Beispiel das skandinavische Traditional »Varvindar Friska«, das ähnelt beinahe schon einem sardischen Lied. Natürlich haben wir versucht, uns anzunähern.

Aktuelle CD:
Paolo Fresu: Mare Nostrum (ACT / Edel Contraire)

Websites:
www.paolofresu.it (Fresu-Website, Italienisch-Kenntnisse erforderlich)
www.timeinjazz.it (Festival internazionale TIME IN JAZZ, Berchidda, Sardinia)