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Bobby HutchersonBobby Hutcherson hat mit seinen 66 Jahren (die meisten davon auf der Bühne) ein Alter erreicht, in dem es keine Schande ist, sentimental zu sein. For Sentimental Reasons heißt das neue Album, das der Vibraphonist nach einer achtjährigen Pause als Bandleader eingespielt hat. Natürlich waren die acht Jahre keine Schaffenspause. Dazu war der an der Westküste der USA wohnhafte Hutcherson viel zu beschäftigt mit Projekten wie dem San Francisco Jazz Collective oder seinem eigenen Quartett.


Von Sarah SeidelBobby Hutcherson

Nun kehrte der Meister der vier Schlägel für seine neue CD ins Studio zurück, um mit der Pianistin Renee Rosnes, dem Bassisten Dwayne Burno und dem Schlagzeuger Al Foster elf durch und durch klassische Jazz-Titel aufzunehmen – darunter der »Jitterburg Waltz«, »Embracebable You« oder eben »(I Love You) For Sentimental Reasons«.

Hutcherson verbeugt sich vor der Tradition. Und ihm ist ein rundes Album geglückt – in Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Verve-Produzenten Richard Seidel. Es verströmt durchgehend ein Gefühl von Wärme. Die Auswahl der Titel gibt die Stimmung vor. Es ist nicht die Stimmung, die Hutcherson in den 60er Jahren mit Eric Dolphy auf Out To Lunch oder mit Andrew Hill und Sam Rivers auf Dialogues für das Label Blue Note eingefangen hat. Damit rückte er ja in die Nähe der damaligen New Yorker Jazz-Avantgarde. Die alten Schlachten sind geschlagen, hier triumphiert vielmehr ganz leise, eine besinnliche, geläuterte Atmosphäre. Der Sound des Vibraphonisten breitet sich aus wie das Aroma eines kostbaren Weins auf der Zunge.

Bobby Hutcherson besinnt sich mit seinem Album auf die Vorväter im Jazz, vor allem auf seinen Instrumentalkollegen Milt Jackson. Mit der Pianistin Renee Rosnes, ebenfalls Mitglied im SF Jazz Collective, hat Hutcherson eine Begleiterin gefunden, die ihm geschmackvoll und dezent den Weg über das Spielfeld bereitet. Nie kommen sich die beiden Harmoniker ins Gehege, federnd tänzeln sie umeinander herum, sie spielen sich einfühlsam die Bälle zu. »Man möchte in der Sphäre der Liebe sein. Man möchte in der Sphäre der Musik sein. Davon geschüttelt sein, sich innerhalb dieser schützenden Hülle wissen. Dann spielt es keine Rolle, ob man das Richtige oder Falsche tut«, meint Hutcherson. Er hält nichts von landläufigen Statements über Musik. Im Interview findet er mehr weitschweifende Analogien als einfache Antworten. Mit viel Weisheit und Gelassenheit nimmt er demjenigen die Regieführung aus der Hand, der eben noch versuchte, ein einfaches Frage-Antwort-Spiel zu entwickeln. »Hutch« ist in einer transzendentalen Welt zu Hause, die über so manche irdische Unwegsamkeit erhaben zu sein scheint.

Bobby Hutcherson war Anfang Juli für drei Tage »Artist in Residence« beim leider völlig verregneten JazzBaltica Festival in Salzau. Dort ist er nicht nur mit seinem Quartett aufgetreten, sondern in mehreren exklusiv für das Festival zusammengestellten Gruppierungen – unter anderem mit dem Vibraphon-Kollegen Joe Locke. Renee Rosnes war beim Quartett-Auftritt von Hutcherson in Salzau nicht dabei. Sie spielte an diesem Tag anderenorts mit dem SF Jazz Collective, in dem Stefon Harris mittlerweile Hutcherson am Vibraphon ersetzt. Der Pianist Joe Gilman war für Renee Rosnes im Hutcherson-Quartett eingesprungen. Auch sein feinsinniges Zusammenspiel mit Hutcherson in Titeln wie »Ode To Angela« oder »What Are You Doing the Rest of Your Life«, zwei Titel, die auch auf der neuen CD zu finden sind, faszinierten das Publikum.

Andere Musiker bei der JazzBaltica – etwa Dave Douglas, Geoff Keezer und Joe Locke – haben das Konzert von Bobby Hutcherson backstage verfolgt. Sie waren wie gebannt dabei und kommentierten immer wieder fasziniert die dezenten melodischen Hakenschläge des Vibraphonisten. Nach dem Konzert ließen sie ihn wissen, was an seiner Performance sie so sehr berührt hatte. Dass Modernisten wie Douglas und Locke den Elder Statesman Hutcherson so sehr schätzen, sollte denjenigen zu denken geben, die den »neuen« Hutcherson wegen seiner sentimentalen Glätte schmähen. Der Meister selbst bleibt trotz des Lobs der Kollegen immer ganz bei sich: »Es gibt kein richtig oder falsch in der Musik, es kommt nicht darauf an, ob jemand deine Musik gerade nicht mag oder ob er dich bejubelt. Die beste Musik geht dahin, ohne dass jemand sie bemerkt. Es geht nicht um das Urteil. Es geht um die Musik.«

Aktuelle CD:
Bobby Hutcherson: For Sentimental Reasons (Kind of Blue / Rough Trade)