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gunnlaugsAlles ist so anders. Die Distanz zwischen Brooklyn und Reykjavik beträgt nicht bloß 4200 Kilometer und gut sechs Stunden Flugzeit, sondern einen mentalen Dimensionssprung. Dort die hektische anonyme Großstadt, hier und jetzt die ruhigen weiten Landschaften, angeblich Heimstätte für Elfen, Trolle und Eisriesen. Jeder kennt jeden. Entschleunigung als Lebensprinzip.

 Von Reinhard KöchlgunnlaugsSunna Gunnlaugs © Ralf Dombrowski

„Wir sind diesen Schritt ganz bewusst gegangen“, sagt die Pianistin Sunna Gunnlaugs, und meint damit auch ihren Mann, den amerikanischen Drummer Scott McLemore, sowie die beiden gemeinsamen Söhne. Einfach wieder atmen. Und so Klavier spielen, wie sie gerne möchte.

Ein Geräusch wie der Ausbruch eines kleinen Geysirs: Sunna (gesprochen: Schun-naa) steht in der Küche ihres freistehenden Wohnhauses von Kópavogur (was so viel bedeutet wie „Kleine Bucht der Seehundjungen“), einer Gemeinde im Umland Reykjaviks, mahlt Kaffeebohnen und lächelt. Genau das habe sie vermisst, bekennt die 45-Jährige. Diese Gelassenheit, die jeder Tag mit sich bringt und keineswegs nur auf das Ritual des Kaffeekochens beschränkt bleiben muss. „In Brooklyn war so etwas kaum mehr möglich. New York ist eine wunderbare Stadt, aber um sie genießen zu können, braucht man Geld. Als ich 1993 rüberging, war ich noch jung, unbedarft und allein. Ich dachte nur an Musik. Wenn man jedoch eine Familie gründet, dann beginnen die Probleme. Keine Krankenversicherung, hohe Kriminalitätsrate. Scott und ich wollten irgendwann einfach nur noch weg! Und es war richtig, definitiv!“

Natürlich hat sie der Big Apple geprägt, menschlich wie musikalisch. Sunna sog ihre Helden Bill Evans und Oscar Peterson über jede Pore ihres Körpers auf, studierte am William Paterson College und spielte mit Tony Malaby, Ohad Talmor, Loren Stillman, Drew Gress und anderen Szenegrößen. Natürlich sei es auch schwierig gewesen, wieder in Island Fuß zu fassen nach immerhin zwölf Jahren. Denn die Heimat von Sunna Gunnlaugsdóttir, die sich in jungen Jahren auf der Halbinsel Seltjarnarnes fast von der Außenwelt abgeschnitten fühlte, hat sich grundlegend verändert. Vom verschlafenen Klecks auf der Landkarte zu einem pulsierenden Land, wirtschaftlich, touristisch wie kulturell. Vielleicht ist es ja diese Mischung, die das Besondere an dieser Pianistin ausmacht: Weltoffenheit und Neugier, gepaart mit Bodenhaftung und Natürlichkeit. Best of both worlds. Nordische Eleganz trifft auf brodelnden New Yorker Groove. Manche stutzen angesichts der daraus resultierenden eingängigen Melodien, der spielerischen Leichtigkeit, wie auf ihrem aktuellen Trioalbum Cielito Lindo mit einer mexikanischen Folknummer als Titelstück und vielen hellen, typisch amerikanisch swingenden Momenten, einem aufregend atmosphärischen „Summertime“, aber auch dem pfiffigen „Icelandic Blues“. Bis sie schließlich die Tiefe in Gunnlaugs Vortrag entdecken, die vielen kleinen Nuancen und Farben. Mit ihrem unverwechselbaren Stil springt die Tastentänzerin scheinbar mühelos über die tiefe Kluft zwischen den Extremen.

Der Impuls dazu kam aus einer Richtung, die sie kaum erwartet hätte. Als Sunna sich um die Jahrtausendwende anschickte, eine „richtige“ Jazzpianistin zu werden, ermahnte sie ausgerechnet ihr Professor, die Bebop-Gitarren-Ikone Kenny Burrell, nicht ihre Wurzeln zu vergessen und diese irgendwann in ihre Musik einfließen zu lassen. „Ich dachte mir nur: Was zur Hölle meint er überhaupt? Ich kam nach Amerika, um so zu werden wie sie, und er forderte mich auf, wieder eine Rolle rückwärts zu machen. Doch schon bald merkte ich, dass viele Musiker diese ganz persönliche Handschrift beim Komponieren und Spielen eher suchten, als sie zu verbergen. Es lässt sich ja auch schwer leugnen, woher man kommt.“ Spätestens mit den nach ihrer Rückkehr veröffentlichten CDs The Dream (2010), Long Pair Bond (2011) und Distilled (2013), bei denen sich Gatte Scott McLemore und zuletzt Bassist Þorgrímur Jónsson mit ihr als Kern-Trio herausbildeten, wurde die Veränderung hörbar. „Ich lasse mehr Räume und spiele nicht mehr alle Noten. Und früher dachte ich, ich müsse kompliziert und intellektuell klingen. Nun suche ich nach einfachen Harmonien.“

Natürlich ist sie ein Star in Island, eine Künstlerin von internationalem Format. Am Tag des Interviews berichtet eine große Tageszeitung mit einem Titelfoto auf Seite eins über Sunna Gunnlaugs. Ihre Konzerte gelten als gesellschaftliche Ereignisse, zu denen alle kommen, egal ob groß oder klein, Björk-Fans oder Klassik-Anhänger. Über Wasser halten kann man sich damit aber kaum. „Keiner kann das hier, obwohl wir eine sehr lebendige Jazzszene haben. Sie wären absolut überrascht über die Bandbreite unserer Bands. Da gibt es zum Beispiel ADHD, die sind absolute Weltklasse, und natürlich Mezzoforte, die berühmte Fusion-Formation. Ohne Europa und die Staaten wären sie völlig unbekannt.“

Auch Sunna kehrt nach wie vor gerne nach New York zurück, wo sie dem Status eines Geheimtipps längst entwachsen ist. Zu Hause muss sie in den Zwischenzeiten als Musiklehrerin an einer Schule in Reykjavik arbeiten, denn jeder Traum braucht nun mal eine solide Grundlage. Jazzmusiker kennen das und beklagen sich nicht. „Ich würde es wieder so machen. Denn nirgendwo fühle ich mich freier und kreativer als in Island!“

Aktuelle CD:
Sunna Gunnlaugs: Cielito Lindo (Sunny Sky / sunnagunnlaugs.bandcamp.com)