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Guru Guru – der Name schmeckt selbst 2015 noch nach Patschuli, Räucherstäbchen, dicken Joints und bunten Pillen, nach APO, 68er-Feeling und kollektivem „Macht kaputt, was euch kaputtmacht“. Ein bisschen gestrig halt. Doch die Band und den Mann dahinter, Mani Neumeier, gibt es noch immer.

 Von Reinhard Köchlneumeier2© Frank Schindelbeck

Guru Guru entstammt der Zeit, in der die heute 50- bis 60-Jährigen in weiten Wallewalle-Gewändern, Birkenstock-Latschen und mit einem verklärten Dauerlächeln durch die Lande schlurften. Die coolen WhatsApp-Kids finden so etwas wahlweise zum Brüllen oder abgrundtief peinlich. „Dabei würde es denen nicht schaden, wenn sie mal wieder ihren Arsch hochbekämen“, meint Mani Neumeier. „Wir hatten damals so etwas wie ein Lebensmodell für uns entworfen, das immer noch Gültigkeit hat. Und ich glaube, wir sind damit nach wie vor freier im Denken, als die es jemals sein werden.“

Es ist die charmante Dialektmischung aus Bayerisch und Schwyzerdütsch, welche die Wirkung der verbalen Watschen des gebürtigen Münchners und lange in der Schweiz lebenden Faktotums noch ein bisschen verschärft. Dass der Gründer der Kultband Guru Guru, Perkussions-Derwisch, Krautrock-Pionier und (verbürgt!) erste Schlagzeuger des Freejazz an Silvester 2015 tatsächlich 75 Jahre jung werden soll, nimmt ihm sowieso niemand ab. Wären da nicht die grauen, inzwischen adrett gestuften Haare, die längst die schwarze, strubbelig-fettige Rockermähne der frühen Siebziger abgelöst haben, Mani Neumeier würde glatt als Mittvierziger durchgehen. „Gute Gene, langer Schlaf und regelmäßige körperliche Betätigung bei Konzerten. Aber kein richtiger Sport. Das mag ich nicht so“, grinst der Mann, der seinen Kultstatus als eine Art Thomas Müller des Schlagzeugs seit Dekaden mit bewundernswerter Beharrlichkeit aufrechterhält. Der Mann ist witzig, schlagfertig, charmant, unberechenbar, ein bisschen durchgeknallt, immer für eine Überraschung gut, irgendwie unverzichtbar und einzigartig. Mani und sein persönliches Lebensmodell haben so ziemlich jedes zeitgeistige Wetterleuchten überdauert: RAF, Brandt, Kohl, Wackersdorf, Mauerfall, Bankenkrise, Disco, Punk, Synthie-Pop, Techno und selbstverständlich auch Jazz. Während das meiste davon längst die Geschichtsbücher füllt, gibt es Guru Guru nach 47 Jahren und 40 Alben immer noch, von der Originalbesetzung ist natürlich nur noch er dabei. „Mir macht das Spaß. Das ist mein Leben, meine Leidenschaft. Da geh ich voll drin auf. Da geht’s mir gut. Und das Feeling, das ich hier reinpumpe, das kommt auch meistens vom Publikum zurück.“

Mani lebt seit 1968 in einem kleinen Dorf im Odenwald. Für ihn passt das. „Ich sitze auf einem Berg und habe den perfekten Blick auf Mannheim.“ Mit dem Bassisten Uli Trepte, der ihm im Trio der Pianistin Iréne Schweizer über den Weg lief, gründete er Guru Guru und ließ sich damals dort nieder. Zuvor war Neumeier Jazzer gewesen, ein durchaus gefragter sogar. Neben Madame Schweizer spielte der gelernte Klempner mit John McLaughlin und Champion Jack Dupree, mit Wolfgang Dauner, Gunter Hampel, Peter Brötzmann, Manfred Schoof, Philly Joe Jones. „Und ich war Joachim-Ernst Berendts Lieblingskind!“ Bis ihn andere Klänge zu faszinieren begannen: Jimi Hendrix, Cream, Zappa, die Stones, Acid-Rock, Underground. „Guru Guru war dennoch etwas ganz Eigenes, so zwischen Coltrane und Stockhausen. Pure Improvisation halt. Aber seither haben mich die Jazz-Magazine gelöscht“, sagt er, und es klingt fast ein wenig entrüstet.

Schön, dass jetzt wenigstens JAZZTHETIK den verlorenen Sohn wieder dorthin zurückholt, wo alles seinen Anfang nahm. Er fühlt sich wohl in dieser Umgebung. „Bei all den gehirnerweichenden Klangerzeugnissen von heute ist das sowieso die bessere Alternative. Aber kein Speisejazz, wohlgemerkt. Jazz muss Krallen haben, sonst taugt er nichts!“ Den aktuellen Sound von Guru Guru umschreibt der Schlagzeuger mit dem Wort-Konstrukt Psychedelic World Beat. Natürlich gehört „Krallenjazz“ dazu – neben einer bunten, sich ständig verändernden Gemengelage aus Rock, asiatischen, sphärischen, tranceartigen Einflüssen, einer Prise Anarchie und vor allem literweise Spaß. „Anfangs wollten wir die Spießer erschrecken, inzwischen wollen wir nur noch die Leute happy machen.“ Und das gelingt ihnen erstaunlicherweise jedes Mal. Ein Auftritt der Gurus dauert selbst 2015 noch weit über zwei Stunden und findet nicht selten vor Tausenden von enthusiasmierten Menschen statt. Als seien die Zeiger der Uhr irgendwann 1973 stehengeblieben, fackelt Neumeier nach wie vor seine irrwitzige Show ohne Verfallsdatum ab, bläst mit dem Staubsauger überdimensionale Luftballons auf, hüpft mit seiner legendären grünen Maske um die Perkussionsinstrumente wie ein Kannibale um den Feuerkessel. Die Fans wissen dann, dass sich Mani wieder in den „Elektrolurch“ verwandelt. „Wir hatten nie einen echten Hit. Denn der ,Elektrolurch‘ klingt jedes Mal anders. Wir spielen einfach drauflos. Ich hab mich sowieso noch nie anpassen wollen!“neumeier3Mani Neumeier, Stef Bollack © Frank Schindelbeck

Daraus lernen wir: Nonkonformismus in der Musik hält jung. 2014 veröffentlichte der Lebenskünstler ein faszinierend leises Schlagzeug-Soloalbum mit Vogelstimmen, Bachgeflüster und quakenden Fröschen, das den Titel Talking Drums trägt. Jetzt, rechtzeitig zum Geburtstag, gibt es eine neue CD mit dem japanischen Gitarristen Keiichi Miyashita, aufgenommen in Neumeiers zweiter Homebase Tokio. Der Blick von Echoshock – Krautorock richtet sich eindeutig in die Zukunft. Wohin auch sonst? „Was macht ihr eigentlich, wenn ihr einmal älter seid?“, fragt der Titel eines Films, den Dieter Wöhrle Anfang des Jahres über Guru Guru und Mani Neumeier vorgestellt hat. „Einfach weiter“, sagt der Mani. So einfach ist das.

Aktuelle CD:
Mani Neumeier / Keiichi Miyashita: Echoshock – Krautorock (musiker.de)