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Zeiten, in denen Mitgefühl zum raren Gut wird und die Grundlagen eines zivilisierten Zusammenlebens in einem Maße infrage gestellt werden, das noch vor Kurzem undenkbar schien, fordern dazu auf, Stellung zu beziehen. Einer, der nicht nur redet, sondern anpackt, ist der Waliser Jazzsänger Ian Shaw.

 
Von Guido Diesing
shaw2Ian Shaw © Arteh Odjidja
Im vergangenen Sommer war es, als Ian Shaw im Fernsehen einen Bericht über die Lage im Flüchtlingscamp von Calais sah, das mittlerweile unter dem Namen „The Jungle“ zu zweifelhaftem Ruhm gelangt ist und in dem Tausende von Flüchtlingen auf eine Weiterreise nach England hoffen. Das zuvor abstrakte Thema rückte plötzlich ganz nah an Shaw heran. „Mein Haus steht an der englischen Südostküste, bei Dover. Ich dachte: Moment mal, 20 Meilen von meiner Haustür entfernt leben 7000 Menschen unter solchen Bedingungen?“ Er knüpfte Kontakte zu Hilfsorganisationen vor Ort und fuhr hinüber nach Frankreich, um sich selbst ein Bild zu machen. Rückblickend sagt er, an die Bedingungen, unter denen die Menschen dort leben, habe er sich schnell gewöhnt. „Worauf ich nicht vorbereitet war, waren die Geschichten, die sie mir erzählt haben.“ Geschichten über Verfolgung und Leid, verlassene Heimat, Gedanken der Trauer über verlorene Angehörige und die Sorge um zurückgelassene Familien.

Für den Sänger war sofort klar, dass er helfen wollte. Zurück in England, begann er, Geld für Hilfsgüter zu sammeln, sprach Musikerkollegen an und organisierte Benefizkonzerte. Vom Erlös kaufte er, was im Jungle gerade am dringendsten gebraucht wurde. Baumaterial, Schlafsäcke, Medikamente, Gasflaschen, Benzin für die Generatoren brachte er persönlich ins Lager. Hilfe, ganz konkret, zielgerichtet und unmittelbar. Das Thema lässt ihn nicht mehr los, bis heute. Jede Woche fährt er über den Kanal, um zu helfen. „Wenn du erst einmal in die Arbeit dort verstrickt bist, kannst du nicht mehr aufhören, weil aus den Menschen, die du dort triffst, Freunde werden.“ Mit über 100 Flüchtlingen ist er ständig in Kontakt und so über die Lage im Camp informiert, auch wenn er gerade in seinem anderen Leben als Jazzsänger unterwegs ist.

Mit großer Sorge sieht er, dass sich im Département Pas-de-Calais inzwischen mehrere Gruppen von Rechtsextremen zusammengetan haben, die die Bewohner des Jungle gezielt angreifen und verletzen. „Da sind Menschen, die aus Kundus, Rakka oder Darfur geflohen sind. Jetzt befinden sie sich in einem europäischen Staat und sind immer noch in Gefahr. Das ist doch lächerlich“, sagt er bitter. „Wir leben in dunklen Zeiten.“ Für die Haltung der englischen Regierung, nicht einmal unbegleitete Minderjährige und Menschen mit Angehörigen in Großbritannien ins Land zu lassen, hat er nur Verachtung übrig. „Es ist kompletter Unsinn, wenn David Cameron behauptet, wir würden den Jungle nach Kent importieren, wenn wir die Flüchtlinge aufnehmen würden. Jeder von ihnen hat Adressen und Nummern von Angehörigen oder Freiwilligen, bei denen er unterkommen könnte. Wir haben in England so viel Platz und so viel Geld.“

Was ihn begeistert, ist die Hilfsbereitschaft gerade unter Musikern: „Die englische Jazzszene verhält sich fantastisch. Georgia Mancio, Polly Gibbons, Alice Zawadzki und viele andere – sie tun, was sie können.“ Auch wenn die Aufgaben in Calais nur selten mit Musik zu tun haben. Die Prioritäten dort sind einfach andere, das ist Ian Shaw nur zu bewusst: „Ich nehme manchmal ein tragbares Keyboard mit dorthin, und wenn es in die Stimmung passt, spiele ich etwas, aber meist gibt es anderes zu tun. Viel wichtiger an meiner Rolle als Musiker ist, dass ich eine öffentliche Plattform habe, um Themen anzusprechen. Ich war schon immer politisch engagiert, das ist für mich nichts Neues. Kunst muss politisch sein, und Musik war es immer.“ Durch seine Bühnenerfahrung und seine kommunikative, gewinnende Art ist er ungewollt zu einer Art Sprecher der Helfer geworden. „Ich habe mir das nicht ausgesucht. Und wenn ich bei CNN Hongkong oder im chinesischen Fernsehen politische Statements abgeben soll, denke ich schon manchmal: So etwas sollten lieber große US-Stars machen und nicht ich. Aber wenn es hilft, weil Journalisten es kurios finden, dass ein Jazzmusiker über Flüchtlinge spricht, dann mache ich das.“

Ian Shaw findet in seiner Arbeit in Calais bei aller Anstrengung auch Erfüllung. Es wirkt fast wie Ironie des Schicksals: Im Song „My Brother“, einem der Höhepunkte seiner zu Recht vielgelobten aktuellen CD The Theory of Joy, [siehe JT 03/04-2016] besingt er seinen Bruder, den er nie kennengelernt hat, weil er schon vor Ians Geburt gestorben war. Im Jungle von Calais hat Ian Shaw nun Dutzende neuer Brüder gefunden. „Sie sprechen mich auch so an: ,My Brother‘. Und sie wissen, wovon ich singe. Viele von ihnen haben Geschwister oder andere Familienangehörige verloren. Jetzt haben einige von ihnen meinen Song als Klingelton auf ihren Telefonen. Es macht mich stolz, dass er ihnen etwas bedeutet“, sagt er und lächelt.

Aktuelle CD:
Ian Shaw: The Theory of Joy (Jazz Village / Harmonia Mundi)

Websites:
ianshaw.biz
care4calais.org
sidebysiderefugees.org