Diese Website verwendet Cookies, um ihre Dienste bereitzustellen. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass sie Cookies verwendet.

Halbe Sachen liegen Eric Schaefer nicht, deshalb ist der Name seines neuen Bandprojekts Programm. The Shredz zerlegen und sezieren Musik in ihre Kleinteile, um das Geschredderte wieder neu zusammenzusetzen. Bliss erzählt von der Glückseligkeit eines ganz besonderen Arbeitsprozesses.

Von Angela Ballhorn schaefer2 by grosse geldermannEric Schaefer © by Grosse Geldermann

Die Musik, die der schwer umtriebige Schlagzeuger zusammen mit Volker Meitz (keyb), John Eckhardt (b) und John-Dennis Renken (tp) zelebriert, orientiert sich an Dub, Reggae, 60er-Funk, Miles Davis‘ Bitches Brew, Nils Petter Molvær, Jon Hassell und Ambient Music. „Diese Reminiszenzen wollen wir auch gar nicht leugnen, vor allem, wenn Trompete mit Effekten mit dabei ist, fällt es schwer, nicht an Referenzen wie Nils Petter Molvær oder Jon Hassell zu denken. Das gehört alles zu unseren Einflüssen und Inspirationen.“ Trance, Repetitionen, druckvolle Drumpatterns, elegische Trompetenmelodien, quäkende Orgelsounds und druckvolle Bässe verdichten sich zu einem mitreißenden Klangkonstrukt.

Der Startpunkt des Projekts, das bis auf den Trompeter auch schon Schaefers Who‘s Afraid of Richard W. einspielte, war einer dieser schicksalhaften Zufälle. Eric Schaefer hatte vor vielen Jahren mit Keyboarder Volker Meitz in einer Opener Band für Free Sessions gespielt. Nach Jahren, in denen sie sich aus den Augen verloren hatten, trafen sie sich in einer Bank wieder. „Wir haben uns verabredet, und es funkte gleich musikalisch, das war toll.“

Die Aufnahme ging schnell, in zwei Tagen war mehr als genug Material eingespielt. Eric Schaefer hatte Kompositionen in Volkers Meitz‘ Studio mitgenommen, vieles aber gleich wieder verworfen. Nach den zwei Aufnahmetagen ging es an die weit umfassendere Nachbearbeitung. Viele der Stücke waren als Jams viel zu lang, mussten editiert oder soundmäßig noch erweitert werden, halbstündige Improvisationen auf neun Minuten eingedampft. Insgesamt gingen neun Monate ins Land, in denen Eric Schaefer die Stücke immer und immer wieder anhörte und bearbeitete „Aber es gab tatsächlich einen Zeitpunkt, an dem ich guten Gewissens sagen konnte: ,Jetzt ist es fertig, jetzt ist nichts mehr zu verbessern.‘“

Für den Zuhörer ist es spannend, die Entwicklung innerhalb der Stücke zu verfolgen, den Aufbau einer Dramaturgie, die Verdichtung von Sounds, Grooves und Intensität. Wenn eine Band quasi blank zu spielen beginnt, kann alles passieren. „Klar kann das auch mal nach hinten losgehen und sich erst mal nicht so gut anfühlen“, räumt Schaefer ein. „Aber ohne Vorlagen starten ist viel freier, es gibt keine Akkord- oder Formkonstrukte, die Orientierung bieten. Auf der anderen Seite kann die Freiheit, die inspiriert, auch mal wehtun oder darf Angst machen, weil die Fallhöhe eine ganz andere ist, als wenn man Kompositionen mit festen Formen spielt.“ Das macht Konzerte für Musiker wie auch das Publikum gleich spannend. Trotz Soundnachbearbeitungen auf dem Album funktioniert die Band live bestens. „Wir haben viele Live-Effekte, die wir direkt bei den Aufnahmen benutzt haben. Volker hat sein Delay, seine Orgelsounds, ich habe alle Dub-Sounds schon live gespielt. Wir sind ja quasi eine extended electronic-akustische Band.“

Doch Eric Schaefer ist keiner, der nur mit ein oder zwei Projekten jongliert. Der vielfach ausgezeichnete Komponist und Schlagzeuger spielt seit Jahren mit Pianist Michael Wollny, in verschiedenen Bands um Kalle Kalima, Arne Jansen, Eva Kruse oder Joachim Kühn. Mit Kühns New Trio hat Schaefer das Album Beauty & Truth eingespielt. „Das war ganz andere Arbeit als bei den Shredz. Joachim hatte 35 Stücke mit ins Studio gebracht, und viele wurden First Takes. Joachim ist ein unfassbarer Typ.“ Alleine bis März hat der Schlagzeuger vier Alben aufgenommen: eins als Produzent (und Drummer) mit der Pianistin Julia Kadel, eins mit der Band Das Kondensat mit Gebhard Ullmann und Oliver Potratz. „Das ist eine elektro-akustische Platte, ziemlich freakig-frei und instabil. Bei den Shredz bleibt die Musik trotz des Jammens rhythmisch ziemlich stabil, beim Kondensat ist alles gebrochener.“ Auch mit dem Gitarristen Arne Jansen war Schaefer im Studio, mit Eva Kruse (b) hat er ihr neues Album On the Mo‘ aufgenommen. Der Blick geht nach vorn. Ende November wird der Schlagzeuger ein Album mit Japan-Bezug einspielen, davor gibt es zahlreiche Konzertdaten mit Michael Wollny, Joachim Kühn und auch den Shredz. Die musikalischen Jonglierbälle haben zwar schwer zu berechnende Flugbahnen, doch Eric Schaefer schafft es spielend, alle in der Luft zu behalten.

Bliss nimmt trotz allem einen ganz besonderen Platz in seinem Schaffen ein, da es um die Glückseligkeit geht, die man erreicht, wenn man sich in eine Sache komplett versenkt. „Erst, wenn man sich bis ins Mark ausgelaugt hat, erreicht man dieses Gefühl. Bei diesem Album war es extrem. Bis ich da war, war ich dreimal nahe dran aufzugeben; ich habe aber weitergeforscht, ganz ohne Kompromisse. Dann stellt sich irgendwann diese Glückseligkeit ein.“


Aktuelle CD:
Eric Schaefer + The Shredz: Bliss (ACT / Edel:Kultur)