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Ist es unhöflich zu erwähnen, wann Carla Bley geboren wurde? Oder wäre es unhöflich, ihr nicht zu einem runden Geburtstag gratuliert zu haben? Wirklich unhöflich wäre es, sie für eine ältere Dame zu halten.

 Von Hans-Jürgen Linkebley2© Caterina di Perri / ECM Records

Die Gattungsbezeichnung „Oper“ war ein privates Codewort, das zwischen dem Dichter Paul Haines in Indien und der Komponistin Carla Bley in New York entstand. Eigentlich hätten beide das Wort „Chronotransduktion“ zutreffender gefunden, aber wer mit großen Entfernungen zu tun hat, sucht nach Abkürzungen. Da bot sich eben „Oper“ an. Und so ist Escalator Over the Hill, Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre in einem verwickelten Produktions- und Einspielprozess entstanden – das immer noch einzige nennenswerte Exemplar der hybriden, im Grund nicht existenten Gattung „Jazzoper“. Carla Bley ist, nicht nur, weil sie eine Jazzoper geschrieben hat, eine Jazz-Komponistin, und „Jazz-Komponistin“ ist ebenfalls ein hybrides Wortgebilde. Carla Bley sieht das ziemlich klar: „Ich bin Komponistin, und ich arbeite mit Jazzmusikern, weil sie besser sind. Sie spielen besser, sie sind schlauer, und sie können dir in unangenehmen Situationen den Arsch retten. Ich brauche jede Hilfe, die ich kriegen kann.“

Carla Bley, geboren als Carla Borg am 11. Mai 1936 in Oakland, Kalifornien, gehört als Komponistin zu den widersprüchlichsten, eigensinnigsten und wunderbarsten Figuren des internationalen freien Jazz. Sie hatte früh Klavier- und Gesangs-Unterricht, verließ, noch jugendlich, ihre religiös geprägte Herkunftsfamilie und ging nach New York. Als Cigarette Girl im legendären Birdland lernte sie den Pianisten Paul Bley kennen, den sie 1957 heiratete und dessen Namen sie zu ihrem eigenen machte. Paul Bley ermutigte sie zum Komponieren, und bald spielten Giganten wie Pharoah Sanders ihre Musik. Ihrem Verhältnis zum Singen hat Carla Bley 1981 das ziemlich lustige Konzertprojekt I Hate To Sing gewidmet, das in der Great American Music Hall mitgeschnitten wurde und 1984 als Langspielplatte erschien. Dieser LP merkt man an, dass sich die Komponistin intensiv und nachhaltig mit Kurt Weill befasst hat, von dem ja nicht nur die Musik der Dreigroschenoper, sondern auch eine größere Anzahl erfolgreicher und ziemlich raffinierter Broadway-Musicals stammen, und mit Hanns Eislers Liedern und seiner dialektischen Art, Musik zu denken.

In den 60ern gehörte Bley zum Kreis der Musiker, von denen die von Bill Dixon sogenannte „October Revolution in Jazz“ ausging; es entstanden die Jazz Composers‘ Guild, das Jazz Composers‘ Orchestra und ein Non-Profit-Schallplattenlabel – modellhaft, zukunftsweisend, aber nicht sehr langlebig. Als Komponistin bevorzugt Carla Bley größer besetzte Ensembles. Oft ist ein markant intonierender Posaunist dabei, gern auch ein expressiver Saxofonist. Schon auf der Rolltreppe (Escalator) ließ sie sich von Roswell Rudd und Gato Barbieri begleiten. Um die Mitte der 60er Jahre gesellte sich auf einer Europa-Tournee Peter Brötzmann vorübergehend zu Carla Bleys Ensemble. Sie fand, er spiele wie ein Maschinengewehr. Brötzmann fand das zutreffend – und gründete das Machine Gun Octett.

Zunehmend schrieb sie auch für kleinere Formationen, und seit einigen Jahrzehnten behauptet sie sich auch als Pianistin im Trio mit Steve Swallow und Andy Sheppard ganz ordentlich. Für ihren Ruhm sorgten jedoch, neben der Hybrid-Oper, vor allem ihre Schreibarbeiten für Charlie Hadens Liberation Music Orchestra. Die Band spielte 1969, in Reaktion auf den Vietnamkrieg, eine LP ein, auf der Eislers „Einheitsfrontlied“ und Lieder aus dem Spanischen Bürgerkrieg enthalten sind – und als eine Art Requiem ein „Song for Ché“. 35 Jahre später fand das Orchestra für das Programm Not In Our Name in Reaktion auf George W. Bush noch einmal zusammen.

Carla Bley hat bei dem Label WATT Dutzende von höchst individuellen Schallplatten und CDs eingespielt; neuerdings lässt sie ihre Musik von Manfred Eicher und der Münchner ECM produzieren. Das Trio-Album Andando el Tiempo, wiederum mit Steve Swallow und Andy Sheppard eingespielt, strahlt eine tiefe, balancierte Ruhe aus und ist in der Klavierstimme von einem überlegten Reduktionismus geprägt. Steve Swallows Bass klingt oft fast zärtlich melodisch, und Andy Sheppard intoniert zuweilen zwar aufgeraut, aber verlässt nie den kammermusikalischen Konsens. Die von großer Souveränität zusammengehaltene meditative Stimmung steht in einem anregenden Widerspruch zu den verbalen Kommentaren Carla Bleys, denen zufolge die titelgebende Komposition „Andando el Tiempo“ sich auf den erfolgreichen Weg eines Freundes aus der Sucht beziehe. „Saints Alive“ fühlt sich angeregt von älteren Damen, die auf einer Terrasse sitzen und anrüchigen Tratsch austauschen, und „Naked Bridges / Diving Bridges“ ist („with a little help from Felix Mendelssohn“) ein Hochzeitsgeschenk für Andy Sheppard und seine Frau Sara. Der Titel geht übrigens zurück auf ein Gedicht des Escalator-Librettisten Paul Haines.

Die originale Besetzungsliste der alten Jazz-Oper mit Namen wie Charlie Haden, Jack Bruce, Paul Motian oder Gato Barbieri liest sich heute fast schon wie die Inschrift auf einem Denkmal. Carla Bley aber ist noch da. Am 19. Juli ist sie in Ludwigshafen zu hören, demnächst realisiert sie beim NDR ein Projekt für Bigband und Knabenchor, und im Oktober ist sie auf Trio-Tournee in Westeuropa unterwegs. Die Musik geht weiter, over the hill.

Aktuelle CD:
Carla Bley, Andy Sheppard, Steve Swallow: Andando el Tiempo (ECM / Universal)