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Shabaka Hutchings gilt als der neue Star der englischen Post-Jazz-Szene. Seine kosmische Mythologie versteht er politisch.

 Von Christoph Wagner hutchings2© Matt Crosswick

Große Jazzmusiker, die mit dem Begriff Jazz fremdelten, gab es viele. Louis Armstrong, Duke Ellington, Charlie Parker, Miles Davis und John Coltrane – alle mochten sie den Terminus nicht. Ellington lehnte ihn ab, weil er darin eine Begrenzung sah. Er sprach lieber schlicht von Musik. Auch der Saxofonist Shabaka Hutchings will sich nicht einschränken lassen.

Christoph Wagner: Post-Jazz fußt in der Jazztradition und geht gleichzeitig darüber hinaus. Trifft das auf deine Musik zu?
Shabaka Hutchings: Ich finde die Bezeichnung Post-Jazz gar nicht schlecht, weil sie über eine Begrenzung hinausweist: Jazz ohne Grenzen! Das ist, was ich in verschiedenen Bandprojekten mache: Musik, die über die Parameter hinausgeht, die in der Vergangenheit den Jazz bestimmten. In meiner Musik geht es um Klangfarben und Texturen, weniger um Akkordprogressionen. Die meiste Musik, die ich mir anhöre, hat ihre Wurzeln in Afrika. Dort steht die rhythmische Entwicklung, die Entwicklung von Melodien und Klängen im Vordergrund, nicht die harmonische Struktur. Daraus beziehe ich meine Inspiration.
Christoph Wagner: Du spielst in mehreren Gruppen. Was unterscheidet sie?
Shabaka Hutchings: Sons of Kemet ist die einzige Gruppe, in der ich der Bandleader bin. Ich schreibe alle Stücke und habe das letzte Wort, obwohl ich meinen Mitmusikern viel Freiraum lasse. Dagegen ist The Comet Is Coming ein kollaboratives Bandprojekt mit Max Hallett am Schlagzeug und dem Synthesizerspieler Dan Leavers. Wir tragen alle gleichermaßen zur Musik bei und entscheiden gemeinsam. Melt Yourself Down ist Pete Warehams Gruppe, in der ich Saxofon spiele, was ich auch manchmal bei Polar Bear mache.
Christoph Wagner: Du kommst ursprünglich vom Freejazz. Was hat dich zur Groove-Musik gebracht?
Shabaka Hutchings: Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich spiele weiterhin auch freie Musik, etwa mit der Gruppe von Louis Moholo, den Five Blokes. Aber es ist richtig: In den letzten fünf Jahren habe ich überwiegend groovende Musik gemacht. Pragmatisch gesehen, ist es natürlich leichter, mit rhythmischer Musik den Lebensunterhalt zu verdienen. Für einen schwarzen Musiker ist es besonders schwierig, sich als Freejazzer zu behaupten, weil wir meistens aus weniger privilegierten Verhältnissen kommen, es also kein Sicherheitsnetz gibt, das einen im Notfall auffängt. Jazz als Beruf zu wählen, ist ja an sich schon eine waghalsige Entscheidung, und für Musiker wie mich, die aus der Karibik stammen, ganz besonders.

Gemeinsame Schwingungen

Christoph Wagner: An was für Orten trittst du auf?
Shabaka Hutchings: Wir spielen kaum noch in Jazzclubs, weil unsere Musik nicht unbedingt Jazz ist. Sie weist Jazzelemente auf, speist sich aber aus vielerlei Quellen. Außerdem sind Jazzclubs inzwischen zu klein für uns. Mit den Sons of Kemet füllen wir in London Auftrittsorte wie den Village Underground, der 700 Leute fasst.
Christoph Wagner: Wer kommt zu den Gigs?
Shabaka Hutchings: Vor allem junge Leute, die tanzen wollen. Tanzmusik hat in Jazzkreisen eine schlechte Reputation, wird als minderwertig betrachtet. Jazz ist seit den 50er Jahren zur Kunstmusik geworden. Das Publikum setzt sich hin, hört zu und nimmt die Musik über den Kopf wahr – intellektuelles Hören. Um Leute mit Musik in Bewegung zu setzen, braucht es andere Qualitäten. Wir zielen auf körperliches Hören. Das Publikum bewegt sich, die Musiker bewegen sich. Es entstehen gemeinsame Schwingungen.
Christoph Wagner: Ist Ekstase das Ziel?
Shabaka Hutchings: Wir wollen dem Publikum etwas geben, das über uns hinausgeht. Wir arbeiten viel mit Repetition und Variation, was eine Methode ist, die zu Ekstase und Trance führen kann.
Christoph Wagner: Wie arbeitest du im Studio?
Shabaka Hutchings: Der größte Unterschied zwischen älteren Jazzmusikern und meiner Generation ist: Wir verwenden bei Platteneinspielungen viel mehr Zeit für die Postproduction. In den 1950er Jahren probten Jazzmusiker ihre Musik ein, gingen dann ins Studio und nahmen sie so gut wie möglich auf. Damit war die Platte fertig. Heute beginnt die eigentliche Arbeit erst, wenn die Aufnahmen schon im Kasten sind. Der Klang eines Albums ist entscheidend. Es soll nicht nur eine Ansammlung von Noten sein, sondern einen atmosphärischen Gesamteindruck vermitteln. Im Jazz bahnte dafür Miles Davis in den späten 60er Jahren den Weg. Er verbrachte Tage im Studio, nahm Stunden um Stunden auf. Dann begann die Arbeit am Mischpult, um aus dem ganzen Material ein kohärentes Album zu basteln. Das ist auch meine Methode.
Christoph Wagner: Hat deine Herkunft aus der Karibik irgendeinen Einfluss?
Shabaka Hutchings: Calypso-Sänger aus der Karibik waren Unterhalter und Chronisten der Gesellschaft in einer Person. Wir haben ein ähnliches Selbstverständnis: Wir wollen die Leute zum Tanzen bringen, aber gleichzeitig auf bedenkliche Entwicklungen hinweisen, die unseren Planeten gefährden, auch wenn wir das nicht explizit mit Worten tun. Unser Bandname und die dahinterstehende Philosophie ist ein Hinweis.
Christoph Wagner: Welche Philosophie ist das? Du stellst kosmische Bezüge her, was an Sun Ra erinnert.
Shabaka Hutchings: Sun Ra schuf sich seine eigene Wirklichkeit, was wir ebenfalls tun. Dazu verwenden wir eine Weltraum-Mythologie und denken über die Wirklichkeit hinaus. Sun Ra kam aus Birmingham, Alabama, damals einer der segregiertesten Orte in den USA. Als Reaktion auf Rassismus und Unterdrückung schuf er sich seine eigene Mythologie und Realität, die nichts mit den gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun hatten. Wir machen etwas Ähnliches, natürlich unter anderen Umständen. Wir schaffen uns eine eigene Ideenwelt. Dass wir uns dabei auf den Kosmos beziehen, hat mit der einfachen Tatsache zu tun, dass wir als Menschheit im Weltall leben. Das ist keine Esoterik, sondern eine rein sachliche Feststellung. Die Erde ist nichts weiter als ein winziges Molekül in einer unendlichen Galaxie! Unser Bandname The Comet Is Coming nimmt darauf Bezug. Wir prophezeien nicht, dass ein Komet irgendwann die Erde zerstören wird, sondern dass durch unsere selbstzerstörerischen Tendenzen bereits das Endspiel im Gange ist. Der Tag, an dem deutlich wird, dass wir so nicht weitermachen können, rückt näher.

Aktuelle CD:
The Comet Is Coming: Channel the Spirits (Leaf / Indigo)