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Gleich mit zwei ungewöhnlichen Aufnahmen macht der in München lebende Bassist und Cellist Henning Sieverts auf sich aufmerksam. Mit Vibes & Strings eröffnet er die neue Live-Serie Edition Unterfahrt, eine Kooperation des Labels Enja mit dem Münchner Jazzclub Unterfahrt, und mit seinem Double Quartet präsentiert er ein Projekt, das er für das Tonspurenfestival im bayerischen Kloster Irsee konzipiert hat.

 Von Andreas Colletsieverts2© Affonso Gavinha

Beide Aufnahmen faszinieren mit ihrer Individualität und modernen Tonsprache, leuchten aber dennoch gegensätzliche Pole aus. Besonders augenfällig ist dies in der jeweiligen Instrumentierung. Sieverts, der mit fünf Jahren mit dem Cellospiel begann und erst später zum Kontrabass fand, hat bei seinen Kompositionen immer bestimmte Musiker und ihre individuellen Stärken im Sinn. „Ich schreibe Musik immer für Menschen, die ich vor mir sehe“, sagt er. So komponierte er Vibes & Strings speziell für den Gitarristen Peter O‘Mara, den Vibrafonisten Tim Collins und den Schlagzeuger Matthias Gmelin. „Mich hat die Klangverschmelzung von Vibrafon und Gitarre gereizt“, erläutert Sieverts. „Es hat sich auch gleich in der ersten Probe herauskristallisiert, dass der gläserne, sphärische Klang des Vibrafons und der warme Sound der Gitarre eine fantastische Verbindung eingehen.“ Hinzu kommt, dass O‘Mara und Collins sich menschlich und musikalisch-inhaltlich perfekt ergänzen und kommunikationsstark auf Augenhöhe agieren. Die ideale Paarung.

Der traditionsreichen Unterfahrt ist Sieverts sehr verbunden: „Ich bin ja schon lange in der Münchner Jazzszene unterwegs, auch in der alten Unterfahrt, als sie noch an einem anderen Platz war. Das ist wohl auch der Grund, weshalb mich die Leute vom Unterfahrt-Verein fragten, ob ich die geplante CD-Reihe eröffnen will.“ Seit ein paar Jahren veranstaltet der Jazzclub eine Sommerwoche, in der jeweils von Dienstag bis Samstag eine einzige Band spielt – eine große Chance. Im normalen Konzertbetrieb ist es für Musiker schon ein Luxus, wenn sie an zwei Abenden hintereinander in der gleichen Location auftreten können. So kann sich etwas entwickeln, ganz ohne Reisestress. „Im Vorfeld habe ich schon gespürt, dass ich das dokumentiert haben wollte“, erzählt Sieverts.

Sein klangfarbenreiches Double Quartet, dem die Saxofonisten Loren Stillman und Sylvain Rifflet, der Pianist Florian Weber, der Vibrafonist Pascal Schumacher, der Tubist François Thuillier und die beiden Schlagzeuger Jochen Rückert und John Hollenbeck angehören, hat seinen Ursprung dagegen im Kloster Irsee. Für das dort stattfindende Tonspurenfestival hatte Sieverts einen Kompositionsauftrag und somit freie Hand. „Meine Gedanken kreisten um diesen speziellen Ort, und so suchte ich mir die passenden Musiker, um meine Kompositionen mit Leben zu erfüllen. Meine Favoriten haben Gott sei Dank gleich zugesagt, da gab es keine langen Diskussionen. Sie kamen extra angereist aus New York, Paris, Luxemburg, Berlin und Köln. Das hat mich sehr gefreut und auch ein bisschen stolz gemacht.“ Die ungewöhnliche Wahl der Instrumente und deren Paarungen, vor allem Bass und Tuba sowie Vibrafon und Klavier hatte Sieverts von Anfang an im Sinn. „François Thuillier ist in Frankreich ein Star in der Szene. Er spielt die Tuba so leichtfüßig, fast wie eine Posaune. Ich habe ihn bei einem Projekt in Paris kennengelernt, und mir war sofort klar, dass ich mit ihm zusammenspielen will.“

Bei den Stücken auf der CD Double Quartet gibt es immer wieder Passagen, in denen nur zwei Instrumente spielen oder nur eine Hälfte des Doppel-Quartetts aktiv ist. „Man kann unterschiedliche Grooves übereinanderlagern oder gegenüberstellen – oder die eine Band spielt in diesem Metrum und die andere in einem anderem“, erläutert Sieverts das Konzept. Die Musik klingt stellenweise extrem vertrackt, aber dennoch luftig und durchhörbar, was auch Sieverts erklärtes Ziel war: „Die Musik soll eine Luftigkeit und Leichtigkeit behalten, das ist mir sehr wichtig.“

Beeinflusst ist er von den verschiedensten Strömungen, so hinterließen Klassiker wie Bach und Bartók ebenso ihre Spuren wie Neue Musik oder der kammermusikalische West Coast Jazz eines Jimmy Giuffre. „Das Vertrackte ist mir persönlich ein besonderer Spaß. Das sind Ideen, an denen ich mich kompositorisch abarbeite. Der nächste Schritt des Komponisten ist dann aber der, dass es für den Hörer nicht verkopft klingt und er diese kompositorische Anstrengung nicht hört. Wenn man eine komplexe musikalische Idee hat, muss diese auch den Praxistest bestehen, und das heißt für mich immer: Sie muss sich gut anhören. Es gibt leider so manche Komponisten mit interessanten Grund-Ideen, denen es fast egal zu sein scheint, wie es sich im Endergebnis anhört.“ Dass sich in Sieverts Kompositionen zahlreiche Symmetrien, Zahlen- oder Wortspiele verstecken, muss der Hörer nicht wissen. Er soll die Musik auch so genießen können. Aber wer sich dann auf die Suche nach diesen versteckten Ideen machen möchte, für den ist der Hörspaß noch größer.

Aktuelle CDs:
Henning Sieverts: Vibes & Strings (Enja / Soulfood)
Henning Sieverts: Double Quartet (Pirouet / NRW)