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Es gibt Aufnahmen, die anfänglich ganz unscheinbar erscheinen. Dann aber Fragen aufwerfen, die an Grundlagen des kulturellen Selbstverstehens rühren. Rory Block hat, hört man genau hin, solch ein Album aufgenommen.
Rory Block hat ein Album zu Ehren der Blueslegende Robert Johnson aufgenommen. »Na und?«, möchte man fragen. Die Sängerin und Gitarristin, 1949 in New York geboren und mit mehr als zwei Hand voll Alben unter dem Arm und mehreren wichtigen Musikpreisen ausgezeichnet, hat die Songs Johnsons (1911-1938) doch schon seit Jahrzehnten im Repertoire. Denn hat sie nicht etwa in den sechziger Jahren bereits seine Songs gehört? So bestätigt sie denn auch: »Ich habe Robert-Johnson-Songs bereits 1964 gehört. Als ich ihn damals hörte, war er noch ein gut gehütetes Geheimnis.« Damals, genau 1961, erschien die erste LP King of the Delta Blues Singers (Columbia) mit seinen Songs. Als die ersten Coverversionen von Eric Clapton oder den Rolling Stones erschienen, war er für sie schon ein alter Bekannter: »Zu der Zeit, als Cream mit ›Crossroads‹ herauskamen, kannte ich Johnsons Musik schon lange.« Ihre Vertrautheit mit dem Meister stellt sie nahezu auf jedem ihrer Alben unter Beweis. Ob auf High Heeled Blues, Confessions of a Blues Singer, ob auf dem Live-Konzertmitschnitt Rory Block oder dem 92er-Album mit Mark Knopfler Ain’t I a Woman - ein, manchmal sogar mehrere seiner Songs sind dabei. Wie sie sich selbst ihre lebenslange Faszination erklärt? »In den vergangenen Jahren wurde so viel über ihn geschrieben, dass ich mich nicht damit wiederholen möchte, sein Genie zu erklären oder zu begründen, weshalb er mich persönlich so interessiert. Jeder weiß heute, dass er der Meister ist. Seine Großartigkeit erklären zu wollen, das wäre so vergeblich, wie die von Bach erklären zu wollen. Und diese Großartigkeit ist so offensichtlich, sie bedarf keiner Erklärungen. Ich stehe ja wirklich nicht allein mit der Ansicht, dass er ein künstlerisches Genie war.« So verwundert es nicht, dass ihr Album The Lady And Mr. Johnson eben jener aus der Geschichte des Blues bekannten Persönlichkeit gewidmet ist, deren Musik, so sein Biograf Peter Guralnick, »der Prüfstein bleibt, an dem die Leistungen des Blues gemessen werden.«

An den Songs der Blues-Ikone sind Musiker gewachsen und gescheitert. Jenseits der Black Community gehörten die Rolling Stones mit zu den ersten weißen Musikern, die das Erbe Johnsons entdeckten und frühzeitig erfolgreich erschlossen; zuletzt scheiterten sowohl Peter Green mit The Robert Johnson Songbook (1998) als auch Eric Clapton mit Me and Mr. Johnson (2004) - Alben, die so spannungslos waren, dass sie vergessen ließen, dass beide Interpreten einst mit ihrer Musik wesentlich zum Nachruhm Johnsons beigetragen hatten. Besteht Rory Block nun die Prüfung? Wie stehen die Chancen? Immerhin, der deutsche Experte Carl-Ludwig Reichert nennt sie »etwas fad«, dem amerikanischen Worldbluesmusiker Taj Mahal aber gilt sie »simply the best«, und das amerikanische Fachmagazin BLUES REVUE lobt sie als »one of the greatest living acoustic blues artists«. Was denn nun?

Auf alle Fälle fängt das Album gewaltig an: Ein Gospelchor stöhnt zusammen mit Rory Block die ersten Strophen des Klassikers »Crossroads«, und wer singt wohl in diesem Chor mit? Claud Johnson, ein leibhaftiger Sohn jener Blueslegende - ja, auch so werden Traditionslinien gezogen! Danach hat die Musikerin das Sagen bzw. das Singen, und wer immer nur auf ihre frappierende Gitarrentechnik achtet, überhört wohl, was für eine fantastische, ausdrucksstarke Sängerin sie ist. Und wer ihre frühen Interpretationen mit denen auf diesem Album vergleicht, wird nicht nur hören, wie sich ihr Gitarrenspiel dank der Fortentwicklung ihres Slideguitar-Spiels subtil verändert hat, sondern wird auch eine Sängerin bemerken, die ausdrucksstärker denn je singt. Kurz: eine ihrer besten Aufnahmen und eine der besten Aufarbeitungen Johnsons! Wer danach nicht zu den Originalen oder gar zu Aufnahmen von Son House oder Charley Patton greift, hat die Lektion nicht verstanden!

Doch worin besteht diese Lektion? Rory Blocks Zugang zu Johnson geschah hörbar nicht über den Umweg der Coverversionen der Blues- oder Rockbands. Sondern? »1964, da begann ich mit dem Hören von Country Blues.« Der mit ihr befreundete Gitarrist Stefan Grossman hatte ihr die LP Really the Country Blues gegeben: »Und damit fing meine Liebe zu dieser Musik an. Kurz danach traf ich die damals wiederentdeckten Bluesmeister wie Son House, Skip James, Mississippi John Hurt, Reverend Gary Davis, Bukka White, Fred McDowell und andere. Von diesen Meistern direkt zu lernen, das hat mein ganzes Leben beeinflusst und inspiriert. Heute kann ich zurückschauen und weiß, welches Glück ich hatte, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Wie leicht hätte es passieren können, dass ich irgendwo anders gewesen wäre und Son House verpasst hätte, der von den Musikern, die damals wiederentdeckt wurden, sicherlich den größten Einfluss auf mich hatte. Er war meine persönliche Verbindung zu Robert Johnson ebenso, wie er der Mentor für Johnson war. Er hat mir auch erzählt, wie er Robert Johnson das Gitarre spielen beibrachte!«

Wenn wir durch Frau Block Herrn Johnson kennen lernen, dann eben nicht den, der durch einige Interpreten zur Unkenntlichkeit verkommen ist. Sondern einen Johnson, der mit dem Verve und Gusto einer meisterhaften Musikerin wiederbelebt wird, die ihrerseits zurück auf die Ursprünge des Blues und die Lehrer der Ikone verweist. Es dürfte nur noch wenige Musiker geben, die zu solchen Trips ein quasi historisches Recht haben. Ihre Bekanntschaft mit Legenden wie Son House, Gary Davis, Bukka White u.a. versetzt sie in die Lage, Johnsons Musik eben nicht in Richtung Rock weiterzuhören, sondern durch ihn hindurch die Altmeister und ihren immensen Reichtum an Rhythmen und Melodien kennen zu lernen.

Als Deutsche(r) mag man diese Rede von den amerikanischen, andersartigen kulturellen, der Tradition zugewandten Hör- und Spielgewohnheiten mit Verwunderung hören. Sagen wir nicht eher »Was soll das mit der Tradition? Wir sind modern!« Andererseits: Erinnert sich noch jemand an den Spott über die geschichtslosen Amerikaner, der in Europas Kulturkritik jahrzehntelang gepflegt wurde? Kaum eine europäische Kulturkritik über amerikanische Verhältnisse, in der sich nicht über die geschichts- und traditionslosen, sprich: modernen Amerikaner lustig gemacht wurde. Wer lachte nicht über die Amis, als britische Beat- und Bluesbands in den sechziger Jahren nach Amerika kamen und ihren Wunsch äußerten, Muddy Waters zu sehen – und die Antwort war die Frage, wo denn dieser Ort liegen würde?

Wer heute allerdings amerikanische Musiker befragt, kann damit rechnen, von ihnen in ein ganzes (unheimliches) Universum von Musiken und Namen hineingezogen zu werden. Ob Bob Dylan oder Rory Block, Geoff Muldaur oder Wynton Marsalis, Eric Bibb oder Don Byron - man merkt diesen Musikern an, dass sie ihre Traditionen kennen und mit Lehrern gelernt haben. Und wenn sie nicht in diesen Traditionen aufgewachsen sind, haben sie sie sich erarbeitet. Narben (vom Gitarrespielen) an den Fingern von Rory Block beweisen, wie ernst es ihr dabei mit ihrem Engagement ist. Und das Festhalten an (humanen) Traditionen erscheint als letzter revolutionärer Akt gegen die Globalisierung und den Heuschrecken-Nihilismus. Dass Rory Block mit ihrer Musik deshalb mehr Bedeutung zukommt als einem x-beliebigen Singer/Songwriter, der lediglich sein individuelles inneres Sein zur Schau trägt, wer wagt’s noch zu bezweifeln?

Doch während amerikanische Touristen im urdeutschen Walt-Disney-Stil erhaltene Rhein- und Main-Städtchen heimsuchen, deutsche Traditionen kennen lernen möchten und Spott ernten, scheinen eben diese Traditionen hierzulande belächelt - oder gar ausradiert!

Was Rory Block mit ihrer Hommage an Robert Johnson und die Altmeister des Blues in Frage stellt, ist folglich nicht nur ihre Könnerschaft angesichts amerikanischer Roots Music, sondern vielmehr unser eigener Umgang mit der Geschichte. Also, wo bitte schön sind bei einer knapp 80–jährigen Jazz-Geschichte in Deutschland die Traditionen und die Meister, denen man »Danke schön« nachrufen möchte? Wie halten es deutsche Musiker – jenseits des Folk-Idioms – mit den eigenen Traditionen? Hat wirklich Götz Alsmann mit seinen verjazzten Schlagern der fünfziger Jahre das letzte Wort?

Aktuelle CD:
Rory Block: The Lady And Mr. Johnson (Ryko / Rough Trade)

Website:
http://www.roryblock.com