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Eine kleine Kirche in Great Milton, Oxfordshire, nordwestlich von London, hat eine wichtige Rolle gespielt für den Titel des neuen Albums der ehemaligen Straßensängerin Madeleine Peyroux aus Athens, Georgia: Secular Hymns, weltliche, ja, was eigentlich: Hymnen? Kirchenlieder?

 J02 orangeVon Hans-Jürgen Linkepeyroux2

Das Singen gehört zu den basalen gemeinsamen Ritualen vieler Glaubensgemeinschaften, und jede hat ihr eigenes Repertoire. In der Christenheit heißt diese Gattung der gemeinsam gesungenen Lieder „Choral“, und im Grunde ihres Herzens halten wohl die meisten Christen das Repertoire für weitgehend abgeschlossen. Nur hin und wieder kommt ein neues Stück dazu, das jahrelange Erprobung in der Praxis gebraucht hat, bis es zum Kanon gehören darf. Nicht jedes modische Eintagsfliegen-Sakro-Pop-Liedchen findet Gnade vor den Ohren der ideellen Gesamtgemeinde; erst nach einem langen, evolutionsähnlichen Prozess, der die Spreu vom Weizen trennt (und dabei nicht immer ohne Irrtümer verläuft), kann die Aufnahme in den Konsens-Kanon erfolgen.

Wie aber definiert sich die säkulare Glaubensgemeinschaft, für deren rituelles Repertoire Madeleine Peyroux auf ihrem neuen Album Secular Hymns zehn Vorschläge unterbreitet? Und wer ist diese Madeleine Peyroux überhaupt? Sie ist zunächst ein US-amerikanisches Südstaatengewächs, später eine interkontinental Heimatlose. Ihre französische Mutter ließ sich von ihrem amerikanischen Vater, der Schauspieler war, scheiden und zog mit der halbwüchsigen Madeleine nach Paris. Madeleine fand Kontakt zu einer Gruppe professioneller Straßenmusiker und ging während der Vorstellungen mit dem Hut herum. Nach einiger Zeit sang sie selbst mit, schmiss die Schule und ging mit den anderen auf Fußgängerzonen- und Metro-Tournee.

Wenn man eine solche Biografie hat, zu keiner der alten Glaubensgemeinschaften gehören mag und sich dennoch ein Repertoire an heiligen Gesängen zusammenstellen will, erscheint es plausibel, dass ein Song wie „Trampin‘“ dazugehört. Das Lied stammt aus dem Großen Amerikanischen Liederbuch und wurde durch Patti Smith bekannt, seinen Urheber aber kennt man nicht. „I’m trampin‘“, heißt es im Text, „tryin‘ to make heaven my home“. Wo soll man sich zu Hause fühlen können, wenn nicht ober- oder zumindest außerhalb dieses Planeten? Eine vielversprechende Gegend, eine verheißungsvolle Religion.

Madeleine Peyroux‘ Liedsammlung könnte der Grundstock für das Gesangbuch einer Gemeinde der transzendenten Heimatlosigkeit sein. Eine Liedsammlung, bei der Entwurzelte des 21. Jahrhunderts etwas finden, was ihre spezielle Situation ausdrückt und anheimelnd wirkt. Dass der Blues als harmonisches Gerüst und Formenkanon darin eine wichtige Rolle spielen würde, ist nicht weiter erstaunlich; dass die begleitende Band überschaubar und die Musikinstrumente akustisch (allenfalls batterieverstärkt) und vor allem transportabel sein müssten, eine Selbstverständlichkeit. Dass eine einfache Harmonik vorherrscht und die Melodie im Vordergrund steht, gehört zum Regelbestand jeglicher Hymnenkunde.

Madeleine Peyroux‘ Auswahl von zehn weltlichen Gemeindeliedern erfüllt alle diese Bedingungen. „Got You on My Mind“ von Howard Biggs und Joe Thomas, bekannt geworden vor allem in der geklampften Interpretation Eric Claptons, ist das Eröffnungsstück, und man erkennt es kaum wieder. Das Arrangement der Band macht daraus ein subtiles dreistimmiges Lied mit Gitarre, Bass und Stimme, die sich behutsam miteinander verschlingen. Madeleine Peyroux intoniert nicht bekenntnishaft, sondern leise, subtil und immer ein bisschen grüblerisch-melancholisch. Weder Melodien noch Texte werden bei ihr als Hauptsache inszeniert, es geht eher um eine hörbar werdende Haltung zum Leben, die in einem Miteinander von Text und Melodie aufscheint.

Dabei ist in ihrer Artikulation nicht nur wohlfeile Melancholie erkennbar, sondern eine Vorliebe für Mehrdeutigkeit. Gegenüber den überlieferten Melodien nimmt sie sich große Freiheiten heraus, spielt mit einer fast lässigen Distanz zum Ausgangsmaterial, unternimmt verschlungene Landeanflüge auf bekanntes Terrain oder fällt auch mal geradewegs mit der Tür ins Haus, lässt ihre Hörer dann mit dem Wiedererkennen von Bekanntem allein und sucht ihren eigenen Weg. Das alles rechtfertigt die „File under“-Bezeichnung „Jazz“ ein Stück weit.

Das Trio besteht neben der Sängerin aus dem Gitarristen Jon Herington und dem israelischen Kontrabassisten Baral Mori, und die Aufnahmen entstanden, wie sich das für sakrale Musik gehört, in einer Kirche: der kleinen, an die 1000 Jahre alten St. Mary the Virgin in Great Milton, South Oxfordshire. Der Ort war ein Zufallstreffer. Die Akustik in dem höhlenartigen Kirchenraum sagte Madeleine Peyroux zu. Sie mietete die Kirche für drei Tage, ein Live-Konzert wurde anberaumt, zu dem die Dorfbewohner eingeladen waren. Der Tag davor war dem Aufbau und dem Soundcheck gewidmet, der Tag danach einem – vorsichtshalber – weiteren Live-Konzert, diesmal ohne Publikum. Und da sind sie nun, die zehn säkularen Hymnen für die entwurzelten Bewohner einer profanen Welt, in der man sich nur auf sich verlassen kann – und vielleicht noch auf ein paar uralte, festgefügte Bauwerke.

Aktuelle CD:
Madeleine Peyroux: Secular Hymns (Impulse / Universal)