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Grunge und Jazz – geht das zusammen? Dieser raue, ungehobelte, möglichst einfach gestrickte Rockstil der 90er als improvisiertes, virtuoses Spiel? Natürlich geht das. Denn in der Simplizität liegt eine unglaubliche Kraft. Pianist Christoph Spangenberg spürt ihr nun nach – und nimmt sich das legendäre Nirvana-Album Nevermind zur Brust. Mit einem bemerkenswerten Ergebnis.

 J02 orangeVon Thomas Kölschspangenberg2

Es war die Suche nach einer Erweiterung des Songpools, nach neuer Kraft und Energie, die Christoph Spangenberg letztlich zum Grunge geführt hat. „Ich war zuletzt ein bisschen verloren“, gesteht der Pianist und lacht. „Die ganzen Jazz-Standards fühlten sich so ausgelutscht an, und so habe ich nach Formaten gesucht, die mich anziehen. Bei Nirvana wurde ich schließlich fündig. Ich wollte unbedingt herausfinden, warum die spartanischen Arrangements ihrer Lieder so gut funktionieren – und gerade weil die Band ja völlig auf Tasteninstrumente verzichtet hat, war das für mich eine Herausforderung.“ Und eine neue Erfahrung. 1986 geboren, hat der Berliner den ursprünglichen Hype um Kurt Cobain und die gesamte Grunge-Bewegung knapp verpasst und erst jetzt begonnen, diese Musik für sich zu entdecken. „Ich habe in meiner Jugend tatsächlich eher Jazz gehört“, erinnert sich Spangenberg. „In gewisser Weise hole ich jetzt mit Ende 20 meine pubertäre Grunge-Phase nach. Ich habe sogar mit einem Freund zusammen eine Garagenband gegründet, in der jeder ein Instrument spielt, das er nicht beherrscht.“

Spangenberg ist schon immer einer gewesen, der sich von einfachen Melodien angezogen gefühlt hat. „Dem ganzen akademischen Jazz stehe ich in der Regel sehr skeptisch gegenüber“, sagt er. „Ich kann natürlich anerkennen und bewundern, was da technisch kreiert wird, aber das ist nicht mein Weg, das habe ich vor allem durch meine Beschäftigung mit Nirvana realisiert. Man muss nicht immer komplexe Akkorde auftürmen und verschachteln, das geht auch einfacher.“ Mit schlichten, aber starken Harmonien. „Genau. Ich habe zum Beispiel in der vergangenen Woche zwei Songs runtergeschrieben, die sicherlich noch ausbaufähig sind, aber gute Melodien haben. In den Jahren zuvor hätte ich dafür viel länger gebraucht, weil ich Angst hatte, den Erwartungen der Jazzwelt nicht gerecht zu werden.“ Dabei legen doch so viele Musiker Wert auf die Kunst der Reduktion. Mit einem Ton mehr aussagen als mit sieben, das gilt vielen als Ideal. Und Spangenberg? Ist auf dem besten Weg dorthin.

Tatsächlich hat der 29-Jährige nicht versucht, die Stücke des Albums Nevermind zu überfrachten. „Bei einigen weiche ich zwar stark von der ursprünglichen Idee ab, weil es mir richtig vorkommt und weil die Songs das zulassen, erklärt er – etwa in „Polly“, wo leichte virtuose Pianoläufe und ein leichter Groove eine völlig neue Stimmung aufkommen lassen. „In anderen Fällen bleibe ich dagegen eng an dem, was Kurt Cobain geschrieben hat.“ Die Wirkung ist bereits da. Etwa in dem Superhit „Smells Like Teen Spirit“, der natürlich nicht fehlen darf. Oder bei „Something In the Way“. „Ich habe lange überlegt, wie ich diesen energetischen Song spiele“, sagt Spangenberg. „Er besteht ja nur aus zwei Powerchords, und lange Zeit dachte ich, dass das eigentlich zu wenig sei. Aber irgendwann habe ich aufgehört, mich dem Stück aufzudrängen, habe es zugelassen und versucht, die extreme Einfachheit umzusetzen.“ Mit Erfolg. Etwas entschleunigt und vor allem ohne Begleitinstrumente erweist sich das Werk als spartanische Ballade, in der Kraft durch Gefühl ersetzt wird. „Das ist das einzige Stück, das ich wirklich Note für Note so spiele, wie ich es transkribiert habe“, kommentiert Spangenberg. „Letztlich ist es genau das, was mich so begeistert: Diese einfachen Kompositionen erzwingen nicht nur ein Bewusstsein für Reduktion, sondern auch eine klare, eindeutige Entscheidung. Ich kann nicht zwischendrin ein ganz anderes Tempo wählen, einen anderen Ansatz. Ich muss immer Haltung bewahren und zu jedem meiner Schritte stehen.“

Dazu gehört auch, dieses Projekt zu verfolgen, ohne zu wissen, ob daraus jemals eine CD entstehen wird. „Ich bin mit BMG im Gespräch, die Ansprechpartner für die Rechtefragen sind. Die finden mein Konzept an sich toll, wissen aber noch nicht, ob es eine Freigabe für eine Veröffentlichung geben wird.“ Und bis dahin? „Spiele ich eben ausschließlich live. Ich finde das eigentlich gar nicht mal so schlecht. Immerhin lässt sich nur in einem Konzert eine echte Verbindung zwischen Künstler und Publikum aufbauen, und das ist ja das Wesen der Musik. Außerdem erhalten die Konzerte so ein Alleinstellungsmerkmal. Wer sich für meine Nirvana-Interpretationen interessiert, muss eben kommen und sich das vor Ort anhören. Das öffnet auch Leuten Türen, die sonst nie in Jazzclubs gehen würden. Bei mir sitzen alte Damen, die Tee trinken, ebenso im Publikum wie ein paar Punks, die leise jede Zeile mitsingen. Das finde ich einfach großartig.“

Termine:
9.9. München, Einstein Kultur
10.9. Allschwil (CH), Piano Di Primo Al Primo Piano
11.9. Stuttgart, Theaterhaus
13.9. Freiburg, Waldsee
15.9. Kiel, Kulturforum
18.9. Berlin, Heimathafen
20.9. Lübeck, Live CV