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My personal Heimat – Kathrin Lemkes letztes Album. Vor ein paar Jahren fragte mich ein Redakteur, ob ich nicht etwas über Kathrin Lemke und ihr Projekt Heliocentric Counterblast machen wolle – da gehe es um Sun Ra, und ich sei doch Experte.Derart gebauchpinselt sagte ich zu, beschloss aber, beim kleinsten Anflug von Missfallen die Dame kraft meines journalistischen Urteilsvermögens unangespitzt in den Boden zu rammen und Herman Blount zu rächen.

J02 orangeVon Ralf bei der Kellenlemke schindelbeck 2Kathrin Lemke © Frank Schindelbeck

Nach dem Anhören der CD war klar: Niemand musste gerächt werden. Und nach dem Interview stand fest: Wenn hier jemand irgendwo unangespitzt verschwinden würde, dann der Journalist. Kathrin wusste, was sie wollte, und ließ sich auch durch Expertentum nicht beirren. Humor hatte sie außerdem. Alles in Ordnung, dachte ich, da kann man beruhigt noch mal hingehen.

Was ich dann tat. Außerdem traf man sich sowieso auf Konzerten – Berlin ist ja ein Dorf. Schon beim nächsten Treffen sprachen wir über ihr – damals noch angedachtes – Projekt My Personal Heimat. Heimat – hierzulande ein schwieriger, von der Geschichte geprügelter Begriff. Heimat, so Kathrin, lasse sich zudem auch nicht ins Englische übersetzen, da der Begriff mehrere Bedeutungen transportiere: einmal den Ort, an dem die Kindheit verbracht wird, und dann das, was in der Kindheit passiert, die prägenden Erlebnisse. Eben das, wo ein Mensch sich zu Hause fühlt – geografisch und kulturell.

Für Musiker gibt es – natürlich – auch eine musikalische Heimat. Frühe Einflüsse, deren man sich vielleicht gar nicht sonderlich bewusst ist. Die man gerne verdrängt, die einen aber ausmachen. Ich erinnerte mich an einen Besuch bei Eva Kruse, wo ich voller Entsetzen das Album Ö von Herbert Grönemeyer an der Spitze ihrer Plattensammlung sah. Kruse ist Jahrgang 1978 – als das Album erschien, war sie zehn. Also: verziehen.

Auch Kathrin Lemkes musikalische Sozialisation wimmelte von solchen geschmacklichen Untiefen – die sie für ihr Projekt gnadenlos ans Licht zerrte. Kathrin war Jahrgang 1971, ein Jahr jünger als ich. Also war die musikalische Sozialisation – was Popmusik anging – ungefähr die gleiche. Auch ich hatte die „Miezekatze“-Single der Animationsfigur Wum (hinter der sich Loriot versteckte), auch ich nannte Dschingis-Khan-Platten mein Eigen. Die Schnittmenge war groß und ergo der Gesprächsstoff.

Eines Abends im Sommer 2015 traf ich Kathrin auf einem Konzert des Omniversal Earkestra, der anderen großen Sun-Ra-Interpretationsmaschine in Berlin. Sie habe das Heimat-Projekt nun endlich aufgenommen, ob ich es mir anhören wolle? Klar.

Dann hörte ich länger nichts von ihr. In der Berliner Jazzszene war seit einiger Zeit zu hören, es ginge ihr nicht gut. Also schrieb ich ihr Ende des Jahres eine Mail – zwei Tage später hatte ich eine gebrannte CD im Briefkasten. Eine CD, die mir besser gefiel als alles andere, was ich 2015 gehört hatte. Und auch als alles andere, was ich bis dahin von Kathrin gehört hatte. Also: Zurückgeschrieben, wir sollten unbedingt über die CD sprechen. Label? VÖ-Termin? Die Antwort: Weder noch, aber – komm vorbei, wir sprechen über die Musik, dann haben wir das schon mal, und dann können wir ja mal zusammen überlegen, wem man das andienen könnte.

Als ich am 15. Januar bei ihr klingle, öffnet eine ganz andere Kathrin die Tür. Abgemagert, leicht gebeugt, mit gelben Pupillen steht sie im Türrahmen. Ob es okay wäre, wenn sie sich zum Interview hinlegen würde? Das klare Artikulieren fällt ihr schwer, aber ihr Geist ist zu 100 Prozent anwesend, sie will über ihre Musik sprechen. „Für das Projekt bin ich ganz an die Quelle zurückgegangen. Zum Beispiel das mit der Miezekatze, das ist ja im Grunde so Dixie und Jazz, das hat mir halt immer gefallen. Und auf ‘ne Art gefällt es mir immer noch, also … natürlich würde ich mir das jetzt nicht so den ganzen Tag anhören, aber … trotzdem ist es was, was was in mir gemacht hat.“

Eine Initialzündung, die in Zeitlupe unter der Oberfläche des Bewusstseins ablief. Dass Loriot letztlich dafür verantwortlich sein könnte, dass Jahrzehnte später eine Frau zum Altsaxofon greift und Sun Ra interpretiert – das hat ja schon was von Greil Marcus.

Und dann: das Lied der Schlümpfe. Schlagzeuger Michael Griener hatte keine Lust auf ihr Arrangement – also spielte sie es solo. Mit Vierteltönen. Vielleicht als Hommage an Ornette Coleman. Oder als Rache an Vader Abraham, der sich ja bekanntlich für nichts zu schade war. „Ich hab’ bei fast allen Liedern nachgeschaut, was die Geschichte ist … und auch die Geschichte von Vader Abraham. Der hat ja sogar ein Lied geschrieben über die Slipeinlage, wenn sie nur gut sitzt und so, also der hat echt schlimme Sachen gemacht.“

Und dann gibt es die Volkslieder wie „Bolle reiste jüngst zu Pfingsten“ – ein Gruß an alle Wahl-Berliner. Und dann ist da noch „Ich hab’ mein Herz in Heidelberg verloren“, zu dem Kathrin als gebürtige Heidelbergerin eine besondere Beziehung hatte: „Ich hab da, bis ich 18 war, gelebt … und wenn ich da jetzt noch mal bin – meine Mutter wohnt da ja noch –, das ist meine Heimat, genauso wie’s Berlin ist.“

Ihr Arrangement transponiert das Lied von Dur nach Moll – gleichsam aus der kindlichen Wahrnehmung in die Welt der Erwachsenen: „Mir gefiel das einfach, es so zu machen, eben als Funeral March … und eigentlich ist es ja auch ganz tragisch, weil, diese Geschichte, wenn man sie nachliest, ist das so ‘ne kitschige Filmgeschichte – er liebt sie und findet sie dann nicht mehr, und … das passte irgendwie zu mir.“

Ein Funeral March, den sie sich – absichtlich oder unwissentlich – selbst arrangiert hat. Nach unserem Gespräch entschuldigt sie sich vielfach für ihre schlechte Verfassung. Wir gehen zur Tür, es wäre schön, wenn wir das noch mal vertiefen könnten. Ein kurzes Zögern, eine Umarmung unter Freunden. Die erste. Die letzte. Sechs Tage nach dem Interview ist Kathrin Lemke mit 44 Jahren in Berlin gestorben. Ihrer Wahlheimat. Für ein Schlusswort fehlen mir die Worte.

Aktuelle CD:
Kathrin Lemke Quartett: My Personal Heimat (Fixcel Records)