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„Licht und Schatten sollten ineinander übergehen, ohne Linien oder Grenzen, nach der Art des Rauches.“ So beschrieb Leonardo da Vinci seine Vorstellung von guter Kunst – umgesetzt zum Beispiel in der Mona Lisa. Auch in der Musik muss nicht alles immer klar und festgelegt sein, findet – 500 Jahre später – Emile Parisien. Und tritt im Quintett mit dem Improvisator Joachim Kühn den klingenden Beweis an.

J02 orangeVon Tobias Richtsteigparisienquintet manfredrinderspacher

Emile Parisien geht gern in den Louvre. Er mag Kunst und hat eine Wohnung in Paris. „Aber ich bin kaum dort. Seit drei Jahren bin ich fast ständig in ganz Europa und darüber hinaus unterwegs. Seit ich mit Vincent im Duo spiele. Es ist schon verrückt“, sagt er eher überrascht, als er durchrechnet, dass er mit dem Akkordeonisten Vincent Peirani seitdem mehr als 300 Konzerte gespielt hat. Von überhitzten Bühnen ins kalte Flugzeug – kein Wunder, dass er auf seinem neuen Album dem Hausmittel Umckaloabo einen richtigen Hit widmet. Es helfe ihm, seine Atemwege gesund zu halten.

Entdeckt habe er das Mittel übrigens auf Tournee, in französischen Apotheken gebe es das nicht zu kaufen. „So ist es auch ein gutes Symbol für unser deutsch-französisches Bandprojekt“, sagt Parisien, denn noch wichtiger als sein Medizinschränkchen ist ihm das neue Album mit seinem Quintett – und in dem spielt der Pianist Joachim Kühn. Und das ist dann wirklich die interessantere Nachricht an Sfumato, diesem Album, das Parisien nach der Maltechnik des Leonardo da Vinci benannt hat. Entsprechend strahlt Emile Parisien auch vor Stolz, wenn er davon erzählt, dass die Zusammenarbeit mit Kühn schon lange auf seiner Wunschliste stand. Denn eigentlich kennt er ihn schon lange intensiv, seit er mit Daniel Humair und Jean-Paul Céléa zusammenspielte. „Wir nahmen ein Album als Hommage an Ornette Coleman auf. Und alle Stücke hatte Joachim Kühn geschrieben. Er war wirklich präsent, irgendwie immer dabei.“

Immerhin hatte Humair zu Kühns wichtigem Trio der 80er und 90er Jahre gehört, und Kühn war jahrelang eng mit Coleman befreundet. „Es lag auf der Hand, dass ich Kühn persönlich treffen musste“, fasst Emile Parisien die Geschichte zusammen. Glücklicherweise hat er noch gute Kontakte zum renommierten Festival Jazz in Marciac, seit er in dem südfranzösischen Städtchen das College besuchte. „Das ist wie ein Sportinternat, nur dass es hier eben Jazzunterricht gibt.“ Zum Beispiel jährliche Meisterkurse mit Wynton Marsalis, der eine Patenschaft für das College übernommen hat und seither regelmäßig zum Jazzfestival nach Frankreich kommt.
Das Festival ist stolz auf seinen einstigen Schüler Parisien und bot ihm deshalb im vergangenen Jahr eine Carte Blanche an, einen Auftritt mit einer von ihm neu zusammenzustellenden Gruppe. „Das war eine gute Gelegenheit für mich, Joachim einzuladen und ein neues Projekt zu gründen“, freut sich Emile immer noch. „Das alte Quartett hab ich jetzt schon seit zwölf Jahren.“ Und auch Vincent Peirani und Michel Portal konnte er noch als besondere Gäste einladen: „Die beiden waren mir wichtig. Wir haben viel miteinander gespielt, und ich wollte auch ihre Energien dabeihaben.“

parisienquintet1Dann gehört noch der Gitarrist Manu Codjia zur Band, der auch bei Daniel Humair gespielt hatte, allerdings ein paar Jahre vor Parisien. Außerdem der Bassist Simon Tailleu und der Schlagzeuger Mario Costa. Die könnten beinahe die Enkel von Joachim Kühn und Michel Portal sein. „Tatsächlich war die Frage unterschiedlicher Generationen aber in dieser Band kein Thema“ sagt Parisien. „Wir wollen unsere Musik machen, persönlich und zeitgemäß. Und tatsächlich ist der rockigste Titel auf dem Album ,Brainmachine‘ von Joachim.“ Aber auch sonst ist immer wieder Manu Codjia mit seiner elektrischen Gitarre präsent, in „Poulp“ etwa, aber auch in „Arôme de l‘air“ kann er ein Solo ausdehnen. „Ich weiß, die Musik mit meinem Quartett kann manchmal experimentell oder schwierig sein“, erklärt Emile Parisien, „aber es ist mir wichtig, diese Musik zu machen. Auf der anderen Seite, im Duo mit Vincent, ist das manchmal fast das Gegenteil. Mit Sfumato wollte ich die Energie des Duos und die des Quartetts beibehalten, aber etwas in der Mitte treffen. Ich glaube, das ist gut aufgegangen“. Natürlich freut er sich, wenn die Musik ohne große Umschweife die Hörer anspricht. Aber das Wichtigste sei doch, „ehrlich zu bleiben. Ich spiele, was in mir ist – all die Leute, die ich getroffen habe, gehören dazu; meine Familie, mein Charakter, die Musik, die ich gehört habe. Und ich versuche, das wieder den Leuten mitzuteilen, es mit ihnen zu teilen. Das ist, was Musiker machen sollten. Sonst kann ich auch zu Hause bleiben“, sagt Emile Parisien und lacht. Denn das Rumsitzen auf der heimischen Couch ist keine Option für ihn. Das wird spätestens klar, wenn man ihn im Konzert sieht. Dann scheint er das Mikrofon wie ein Fakir mit seinem Sopransax beschwören zu wollen, manchmal tanzt er auch die Rolle der sich wiegenden Schlange selbst. „Die Musik nimmt mich mit“, sagt er, „vollständig. Ich brauche die Musik. Sie ist der einzige Weg, wie ich mich ausdrücken kann. Und wenn ich mit Freunden auf der Bühne bin und spiele: Das ist mein Moment! Dann bin ich glücklich!“ Das Beste daran: Etwas von diesem Glück strahlt auch in diesen Aufnahmen.

Aktuelle CD:
Emile Parisen Quintet with Joachim Kühn: Sfumato (ACT / Edel:Kultur)