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espoo1 tuomo antikainenDa hat man tief im Innern jahrelang das Vorurteil gepflegt, Fusion sei abgestanden und passé. Und dann kommt die finnische Espoo Big Band daher und stellt das alles infrage. Unter ihrem Dirigenten Marzi Nyman überträgt sie Stücke ihrer jazzrockenden Landsleute vom Quartett Husband ins musikalische Breitwandformat – mit überraschenden Extras und auf mitreißende Art.

J02 orangeVon Guido Diesingespoo2 tuomo antikainen© Tuomo Antikainen

Ein bratzendes Gitarrenriff, angefeuert von gleich zwei druckvollen Schlagzeugern, dahinter ein satter Bläsersatz – so klingt es, wenn eine Big Band ihre Muskeln zeigt. Interessante Kontraste zwischen frickeligen Motiven und stimmungsvolleren Formteilen, und irgendwann folgen dann die Solo-Spots für einzelne Bandmitglieder. So weit, so normal. Doch dann wird‘s merkwürdig: Auf ein Sopransaxofon-Solo folgt ein weiteres, danach noch eins und sogar noch ein viertes. Wer kommt denn auf so was? Marzi Nyman lacht: „Jemand hat mir mal gesagt, zwei Saxofonsoli hintereinander wären keine gute Idee“, sagt er. „Also dachte ich: Wie wär’s mit vieren?“ Das Arrangement zu „Bebyy“ ist ein gutes Beispiel für die besonderen Qualitäten von Lauma, der neuen Platte der Espoo Big Band. Sie ist laut, sie rockt, hat jede Menge Energie und einen Schuss Wahnsinn in Form von kleinen Extras.

Seit 2012 steht Marzi Nyman bei Espoo am Dirigentenpult, als Nachfolger des 2011 gestorbenen Martti Lappalainen, der die Band 1980 gegründet hatte. Schon länger hatte Nyman in der Big Band verschiedene Rollen ausgefüllt, hatte Gitarre und Klavier gespielt, Stücke geschrieben und auch mal dirigiert, so dass er die logische Wahl als neuer Leiter war. „Ich war so etwas wie der Bandclown, der ohnehin in den Proben immer geredet hat. Da war es wohl naheliegend, mich zu fragen, ob ich der künftige Leiter sein wollte“, spielt er die Sache scherzhaft herunter. Fortan stand er vor seinen Kollegen und griff nur noch hin und wieder zur Gitarre. Den klassischen Bigband-Gitarristen, der im Hintergrund viertelweise Begleitakkorde schrummelt, hatte er hier eh nie gegeben. „Mit Espoo bin ich mehr auf der Suche nach einer Bigband-Gitarre mit Jimi-Hendrix-Einflüssen.“ espoo3© Mika Kirsi

Die Liebe zum Rock ist auf der neuen CD nicht zu überhören, widmet die sich doch Stücken einer anderen Band Nymans. Die Husband, der Name spielt mit dem Gleichklang einer Hausband und eines englischen Ehemanns, setzt sich aus wahren Veteranen zusammen: Schlagzeuger Anssi Nykänen und Bassist Harri Rantanen gehören zu den meistbeschäftigten Studiomusikern Finnlands. „Sie sind so was wie der finnische Nationalschlagzeuger und Nationalbassist“, sagt Marzi Nyman. Dazu Gitarrist Varre Vartiainen, mit dem Nyman einige Jahre bei den Leningrad Cowboys gespielt hat und von dem die meisten Stücke stammen. „Unsere Musik steht in der Tradition von Fusion-Gitarristen wie Mike Stern oder Wayne Krantz“, erklärt er. „Wir spielen sehr laut, mit einem dicken Sound. Varre nennt es ,Jazz für Säufer‘. Nun wollte ich diese vierköpfige Familie mit meiner anderen Familie, der Big Band, kombinieren, um die beiden Arten von Energie zusammenzubringen. Und das hat sehr gut funktioniert.“

Familie, Gemeinschaft, Freundschaft – das sind Schlüsselworte, wenn Marzi Nyman über Bands spricht: „Freundschaft ist der Schlüssel, der rote Faden, der die Big Band zusammenhält. Sie ist ein Ort, an dem man sich nicht verstellen muss, um Unsicherheiten zu überspielen. Dann kann auch musikalisch etwas Besonderes, Bedeutungsvolles passieren. Es geht nicht darum, etwas Cooles zu spielen, sondern an einer gemeinsamen Geschichte und gemeinsamen Erinnerungen zu arbeiten.“ Die Band als Synonym für den Zusammenhalt in einer Gruppe, einem Rudel oder einer Herde, so die Bedeutung des CD-Titels Lauma.

Da trifft es sich gut, dass Kooperation unter finnischen Musikern ohnehin großgeschrieben wird. „Das Land ist klein, so dass sich die guten Leute zwangsläufig über den Weg laufen und alle Arten von Stilen spielen lernen.“ Die Vielseitigkeit kommt der neuen Platte zugute, wenn die Musiker ihre individuellen Talente einbringen. So sorgt Gitarrist Jarmo Saari zwischendurch am Theremin für geheimnisvolle Atmosphäre, und der überragend vielseitige Pianist Lenni-Kalle Taipale schreckt in der 90er-Funk-Jazz-Reminiszenz „St. John“ für den angemessen käsigen Sound auch nicht vor dem Einsatz eines Umhänge-Keyboards zurück. Die Platte endet mit dem hymnischen „In Memoriam“, dahinschreitend zwischen Trauer und Hoffen. „Es ist ein Tribut an Herdenmitglieder, die von uns gegangen sind“, sagt Marzi Nyman. „Es erinnert daran, dass wir uns als Gemeinschaft ständig verändern, durch Kommen und Gehen.“

Es wird interessant, die künftige Entwicklung zu beobachten, sowohl bei der Espoo Big Band als auch bei Marzi Nyman. Seinen Bachelor vom Jazz-Institut der Sibelius-Akademie hat er in der Tasche, jetzt studiert er Komposition, schreibt gerade ein Trompetenkonzert und hat sich fest vorgenommen, das Kompositionsstudium stringenter voranzutreiben als zuvor das Jazzstudium. Andererseits: „Am meisten lernt man nachts im Tourbus, wenn Musiker wie Anssi Nykänen die Cognac-Flasche öffnen und stundenlang erzählen. Das ist wertvoller als ein ganzes Jahr im Klassenraum. Ich bin sehr glücklich, diese älteren Kollegen um mich zu haben.“

Aktuelle CD:
Espoo Big Band plays Husband: Lauma (Galileo MC; VÖ: 17.3.)