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30jahr 1Wenn das kein Grund zum Feiern ist! Vor 30 Jahren erschien die erste Ausgabe der JAZZTHETIK. Wir blicken zurück und gratulieren uns selbst.

Von Hans-Jürgen Linke30jahr 230 Jahre JAZZTHETIK

JAZZTHETIK wird 30, vielleicht gerade in diesem Augenblick. Das Gründungsdatum im Jahr 1987 erstreckt sich über eine gewisse Zeitspanne zwischen der 0-Nummer und der Nummer 1 im Frühjahr. Es gibt nicht unbedingt einen präzisen Geburtstag. Sei’s drum.
Für eine Zeitschrift sind 30 Jahre ein beachtliches Alter. In menschlichen Biografien galt das dreißigste Jahr früher als eine Art obligatorisches Reife-Alter. Mit 30 sollte man es geschafft haben, halbwegs erwachsen zu sein. Das hat sich ein bisschen verändert. Erwachsen zu sein, ist kein unbedingt erstrebenswerter Zustand mehr. Mittlerweile gibt es Menschen, die Ende der Achtziger schon 30 Jahre alt waren und immer noch nicht erwachsen sind. Einige von ihnen arbeiten womöglich für und in Zeitschriften-Redaktionen. Können Zeitschriften erwachsen werden? Wahrscheinlich nicht.

JAZZTHETIK entstand in Münster, wo sie heute noch ansässig ist. Es hätte auch in irgendeiner anderen Stadt geschehen können, im damals an allen Ecken und Enden kulturell hoch subventionierten Berlin vielleicht oder in Köln, wo die Jazz-Szene von allen Städten am allerlebendigsten war, oder in Frankfurt am Main, das sich in der Rolle einer ehemaligen deutschen Jazzhauptstadt sah. Aber vielleicht waren Kölner, Berliner und Frankfurter in den achtziger Jahren zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt. So war Münster die Stadt, in der sich die erforderlichen Quanten an Energie und Initiative für so ein Projekt zusammenfanden.

Die achtziger Jahre müssen eine wunderbare Zeit gewesen sein. Aus heutiger Perspektive lagen sie noch tief im Zeitalter des Analogen. Anfangs war Hobby-Pianist Helmut Schmidt noch Bundeskanzler. Musik hörte man in Konzerten, aus dem Radio, von Schallplatten und Musikcassetten. Die Ära der CD begann Ende 1982, etwa gleichzeitig mit der Kanzlerschaft Helmut Kohls. Von Datenströmen zum Musikhören ahnte in den achtziger Jahren noch niemand etwas. In den USA übrigens folgte auf Jimmy Carter für zwei Amtsperioden Ronald Reagan. Mancher hielt das damals für einen schrecklichen Betriebsunfall der Demokratie. Da kennen wir heute ganz andere Betriebsunfälle.

Trotzdem blühten und gediehen in den achtziger Jahren die Künste im Lande, und dem deutschen Jazz ging es so gut wie nie zuvor und danach. Der Jazz hatte sich konsolidiert, wurde an Musikschulen und Hochschulen zum Lehrfach, und sein Publikum war plötzlich vergleichsweise groß. In den überregional vertriebenen bundesdeutschen Tageszeitungen hatten sich Feuilletons entwickelt, in denen seriöse Jazzkritik und bald auch Popkritik einen unübersehbaren Stellenwert hatten. Das weckte Appetit auf mehr. Die Autorinnen und Autoren der JAZZTHETIK waren von Anfang an vor allem Leserinnen und Leser mit unbefriedigtem Lese-Appetit; das hatten sie mit ihrem Publikum gemeinsam.

Die Achtziger waren also eine Zeit tiefgreifender Veränderungen. Der Jazz zog, wie Stuart Nicholson schrieb, aus den Vereinigten Staaten nach Europa um, und eine Zeit lang sah es aus, als könnte er in Deutschland seine wichtigsten Musiker ernähren und professionellen Autoren auch außerhalb der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten genügend Anlässe zum klugen öffentlichen Nachdenken liefern. Ein bisschen Optimismus gehörte immer schon dazu.
jazzthetik golden
Die Musik saß von Anfang an im selben Boot wie ihre Kritik. Sie trafen sich dort mit all den anderen, die einem Jazz-Magazin Sinn, Existenz und schließlich sogar dreißigste Geburtstage ermöglichten: verehrungswürdige Leserinnen, Leser und nicht zu vergessen – Inserenten. Das Boot der deutschen Jazzpresse ist, nautisch gesprochen, nach wie vor eine Nussschale in rauer See. Es war nie ein stolzer Viermaster und schon gar kein luxuriöses Kreuzfahrtschiff. Alle, die an Bord gegangen und geblieben sind, sind hier etwas enger zusammengerückt, als das in anderen Öffentlichkeiten üblich ist. Die Besatzung ist ein Haufen freundlicher Freibeuter, die sich mit geringer Beute zufriedengeben, die ihre Handgriffe kennen und jederzeit zu Meutereien bereit sind. Die Passagiere schnuppern gern frischen Wind, passen genau auf und sind neugierig, was als Nächstes hinter dem Horizont auftauchen wird. Improvisierte Musik ist nun mal eine Kunst, die stets mit dem Horizont befasst ist, den sie testet und über den sie hinauswill.

Aber 30, Leute, das ist doch kein Alter. Sondern zunächst mal vor allem ein Grund, sich zu beglückwünschen. Und ein Grund, all denen ganz heftig zu danken, die dazugekommen und dabeigeblieben sind.