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Volle viereinhalb Jahre sind seit Lea W. Freys letztem Album vergangen, auf dem sie sich, wie schon mit ihrem Debüt, der Neuinterpretation von Popklassikern verschrieben hatte. Jetzt hat sich die Berliner Sängerin ausgecovert. Ihr drittes Album Plateaus enthält erstmals ausschließlich eigenes Material.



J02 orangeVon Victoriah Szirmailea2hannes casparLea W. Frey © Hannes Caspar

Kein Wunder, dass alles, was Frey inzwischen widerfahren ist, Inspiration für die neue Platte war: Der Umzug von Kreuzberg ins beschauliche Rixdorf, ein Ausflug in fremde musikalische Gefilde mittels der Solo-Sopranpartie aus Beethovens Neunter – vor allem aber das Tiefseetauchen in Sri Lanka. „2006 war ich im Himalaya, und diesen Dezember, also zehn Jahre später, habe ich meinen Tauchschein gemacht“, so die 34-Jährige. „Ich wollte sehen, was genau mich da anzieht. Ein Trigger bei mir ist ja die Höhe, das Fliegen und die Vögel – aber da war eben auch noch diese andere Seite in mir, die sagte: ,Ich muss da runter.‘ Mir ging es darum zu erfahren, wie es sich anfühlt mit diesen zwei Polen.“

Und die spiegeln sich schon im Titel des neuen Albums. „Ein Plateau ist wie eine Ebene in der Erhöhung, es ist schön, weit und groß, aber es kann auch seltsam sein oder entrückt, man kann sich dahin flüchten, aber man kann auch sagen: ,Ich will eigentlich weg hier.‘“ Den mindestens doppeldeutigen, das Dazwischen ausleuchtenden Kosmos der Platte eröffnet ein verschlafenes „Mountains Die“ in sinnlich-triphoppiger „Karmacoma“-Manier, darüber, nein, eher darin, weil derart eingewoben ins Instrumentarium, Freys traumverlorene Vocals, die hier so viel präsenter scheinen als noch auf dem vorigen Album. Geblieben ist die bewährte, aus den Gebrüdern Meyer – Peter an der Gitarre und Bernhard am Bass – bestehende Band, die mit Andy Haberl und der stets maskiert auftretenden Liz Kosack erstmals um Schlagzeug und Keyboard ergänzt wird. Vor allem Letzteres fügt mit halluzinogenen Klangschwaden dem warmen, semiakustischen Bandsound eine untergründig verstörende Facette zu.

Nahezu nahtlos schließt sich das tiefer gelegte „Ghost Dog“ an, das – obgleich weitaus weniger verträumt – als Inbild eines schon allein aufgrund seiner Erzähllänge von beinahe fünf Minuten nicht eben formatradiokompatiblen, sondern eher art-poppigen Lullaby daherkommt. Der Titeltrack dann klappert, zischelt und beept vermöge Kosacks toxischer Tasten unruhig, nervös und getrieben, hat also mit dem Ruhepol, als den man sich gemeinhin ein Plateau vorstellt, nur wenig gemein. Das oxymorische „Water’s Ember“ beschwört mit dahingehauchten, gleichzeitig ungemein dringlichen Vocals die mystische Welt der physikalisch unmöglichen Wasserglut herauf. Nicht weniger verrätselt die Aufforderung „Copy Yourself“, der gleichfalls eine unüberhörbare persönliche Relevanz innewohnt, die auch daher rührt, dass Freys bedeutungsvolles Wispern hier erstmals jener Röhre weicht, mit der sie auch Max Andrzejewskis Hüttenchor verstärkt. Erst ganz zum Schluss säuselt sie wieder mit dem jetzt sanft schnarrenden Schlagzeug im Duett.

„Cuts & Bars“ fordert auf: „Follow me“. Doch kann man noch mehr Ohr sein, als man ohnehin schon ist angesichts dieser Klänge, die einen schon längst in ihre verwunschene Welt gezogen haben, und eines zunehmend psychedelisch wabernden Klangteppichs, der hier ausgerollt wird? Was der Platte insgesamt eignet, kumuliert auf dem wiegenden „The Lore (Rivergirl)“: eine urvertrauende Alles-wird-gut-Haltung, die etwas ungemein Tröstliches hat. Die Überraschung des Albums gelingt dann mit „Dylan“, das sich bald als lupenreines Indie-Pop/Rock-Stück entpuppt und mit seinen catchy Hooks gar eine gehörige Portion Radio-Appeal mitbringt – nicht zuletzt dank dieser Festivalgitarren, die nach der ganz großen Bühne schreien. Spätestens mit den in ihren mollgetönten Sog ziehenden „Dancers“, die zugunsten warmer Akustikgitarrenklänge in Sachen Elektronik abgerüstet haben, wird offenbar, dass – und wie sehr! – die Stücke im Verlauf des Albums zunehmend persönlicher, nackter, direkter werden.

All das jedoch scheint bloße Vorbereitung für den an Blue Notes reichen, quälend langsamen Closer „Come Home“, der noch einmal die volle Raumschiffelektronik auffährt und britzelnden Sternenstaub über ein Stück ausschüttet, das mit all seinen verminderten Tönen und dem gestrichenen Vibrafon von Gastmusiker Julius Heise eine Art klanggewordenen magischen Realismus um Freundesfische und Sommerschnee kreiert. Allein Liz Kosack sorgt wieder dafür, dass nicht in Vergessenheit gerät: Auch die hier heraufbeschworene, seltsam durchlässige Zwischenwelt, die direkt aus dem Unterbewusstsein der Künstlerin auf den Hörer überspringt, ist nicht so heil, wie sie scheint. Trotzdem – oder gerade deshalb – ist es dieses Stück, dessen auf und ab wogende, kunstliednahe Melodielinie sich dank Freys eindringlicher Stimme wie eine magische Linse vor die Wahrnehmung schiebt und die Welt in neuer Tönung sehen lässt: Aus Täuschung wird Realität. Für Lea W. Frey ist „Come Home“ eine Heimkehr zu ihren musikalischen Wurzeln, die im Selbstgeschriebenen liegen, und damit zu ihrem ureigenen Ich: „Momentan fühlt es sich einfach so an, dass ich, wenn ich diese Stücke singe, einfach da bin – mit allem, was ich bin und habe und sagen will.“

Aktuelle CD:
Lea W. Frey: Plateaus (Enja / Yellowbird / Soulfood)