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ella1Sie war die Queen der Songs und der Scats, eine der unvergesslichen Stimmen des 20. Jahrhunderts. Ella Fitzgeralds Geschichte ist die eines schwarzen Aschenputtels, eine amerikanische Bilderbuchkarriere – vom Straßenkind zum Weltstar. Vor 100 Jahren wurde Ella Fitzgerald geboren.



J02 orangeVon Hans-Jürgen Schaalella3

Es war eine mutige Entscheidung des Bandleaders Chick Webb, dieses Mädchen in die Band zu holen, das bis dahin nur ein paar Talentwettbewerbe in Harlem gewonnen hatte. Webbs Manager rieten ihm ab, aber die Musiker in der Band ermutigten ihn. Einige drohten, andernfalls sogar zu kündigen.

„Deine Stimme ist eine Gabe Gottes“, hatte ihre Mutter immer zu ihr gesagt. Die Mutter starb, als Ella 15 war. Einen Vater hatte sie auch nicht mehr. Die Vollwaise schwänzte oft die Schule, wurde in ein Heim gesteckt, haute von dort ab, lebte auf den Straßen von Harlem und der Bronx. Das Radiohören, das Tanzen, das Singen – das war ihre Leidenschaft. In den Jahren der wirtschaftlichen Depression träumten viele den Traum vom Bühnenstar, die Talentwettbewerbe waren überlaufen von Kandidaten. Eines Tages schaffte es Ella tatsächlich, an einem dieser Amateur-Abende im Apollo Theatre aufzutreten. Die praktisch obdachlose, schlecht gekleidete, extrem schüchterne korpulente 17-Jährige wollte dort irgendetwas vortanzen. Aber dann verließ sie der Mut. Deshalb sang sie einfach den erstbesten Song aus dem Radio, der ihr einfiel. Das Publikum tobte vor Begeisterung.

„Sing Me a Swing Song and Let Me Dance“ – so hieß eine ihrer frühen Aufnahmen mit Chick Webb. Es war die Botschaft von 1936: Der Jazz hieß jetzt Swing, eine neue Mode war ausgebrochen, die Jugend tanzte zu diesem Sound, es war die erste massenhafte Popkultur. Im Savoy Ballroom in Harlem tanzte damals das junge Publikum. Chick Webbs Orchester war die Hausband, der kleine Schlagzeuger der König des Savoy – und seine junge Sängerin Ella Fitzgerald wurde zur Prinzessin, eine Symbolfigur des neuen Jugendkults. „A-Tisket, A-Tasket“ stand im Sommer 1938 vier Monate lang auf Platz 1 der Verkaufs-Charts, es war Ellas erster großer Hit.

Aber die junge Ella Fitzgerald konnte nicht nur eine hübsche Melodie singen, sie wurde bei Chick Webb zu einer singenden Musikerin. Sie hörte und verstand den Gang der Harmonien, sie variierte die Themen der Songs nach Belieben, sie war weit mehr als nur eine Einlage im Programm – Ella Fitzgerald wurde der Star des Orchesters. Die „First Lady of Swing“ nannte man sie, längst belegte sie Top-Plätze in den Umfragen. Und selbstverständlich übernahm sie die Leitung des Orchesters, nachdem Chick Webb, ihr väterlicher Freund, 1939 an den Folgen einer Operation gestorben war.

„Flying Home“ wurde 1945 zu einem Meilenstein des Scatgesangs. Ella Fitzgerald hatte einen Weg gefunden, wie ein Jazzbläser zu improvisieren. Ihr Vorbild war der Sänger Leo ella2© William P. Gottlieb CollectionWatson, aber sie übertrumpfte alles, was vorher im Scatgesang passiert war. Mit ihrer Stimme bewegte sie sich wie ein Instrumentalist frei durch die Harmonien eines Songs, sie übernahm dabei Techniken der Bläser und zitierte bekannte Melodien. „Ich stehle alles, was ich je gehört habe“, sagte sie. Einen besonderen Anschub bekam ihre Scat-Kunst durch den Bebop – auf einer Tournee mit Dizzy Gillespie lernte sie, im Stil des Bop zu scatten. „Dizzy sagte immer zu mir: ,Komm auf die Bühne und mach dein Solo, so wie die Jungs.‘ Die Bebop-Musiker haben mich mehr inspiriert, als ich sagen kann.“ Die Parteinahme für den modernen Jazz war durchaus nicht die Regel bei erfolgreichen Swingmusikern. 1947 heiratete die Sängerin sogar den Bassisten von Dizzy Gillespie, das war kein anderer als Ray Brown. Der wünschte sich, dass Ella bei den erfolgreichen Konzerten von „Jazz at the Philharmonic“ präsentiert würde. Norman Granz tat ihm den Gefallen und wurde selbst zu Ellas größtem Fan. Granz wurde ihr Ratgeber, ihr Konzertagent, ihr Manager, ihr Plattenproduzent.

Ella Fitzgeralds Cole Porter Songbook von 1956 umfasste drei Langspielplatten mit aufwendigen Bigband- und Streicherarrangements. So hatte man Cole Porters Broadway-Songs noch nie gehört, und nie zuvor hatte eine Jazzsängerin etwas ähnlich Ambitioniertes gemacht. Für Ella Fitzgerald bedeutete das Cole Porter Songbook den Sprung auf ein neues Level ihrer Karriere – sie erreichte damit ein Publikum weit über den Jazz hinaus. Für Norman Granz’ neues Label Verve war es ein Traumstart.

Dem großen Erfolg dieses Albums folgten sieben weitere solcher Songbooks großer amerikanischer Komponisten. Wie Ella Fitzgerald die Bühnensongs gestaltete, mit Heiterkeit und Wärme, mit Verständnis und Jazzfeeling und mit dieser melodischen, tröstenden Sanftheit – das ist noch heute anrührend und ganz große Kunst. Sie scheint in jeden einzelnen Song hineinzuschlüpfen und bringt ihn von innen zum Glänzen. „Was immer sie mit meinen Songs anstellt, sie klingen bei ihr einfach besser“, sagte der Komponist Richard Rodgers. Und Ira Gershwin meinte: „Ich wusste gar nicht, wie gut unsere Songs sind, bis ich Ella Fitzgerald hörte.“

Die Songbooks machten sie zum Weltstar. Etwa zehn Jahre lang war sie bei Verve unter Vertrag, in dieser Zeit machte sie mehr als 40 Alben, also etwa vier pro Jahr. 1958 hieß es in der SATURDAY REVIEW: „Ella Fitzgerald ist die unbestrittene Königin des Landes.“ Es gab damals nur eine Gesangsstimme im Jazz, die ähnlich populär war: Die gehörte natürlich Louis Armstrong. Man konnte kaum etwas falsch machen, wenn man die beiden größten Jazzstimmen der Zeit zusammen ins Studio holte, und genau das tat Norman Granz – drei Studioalben nahmen Ella und Louis zusammen auf. Und nie klang Ella Fitzgeralds Stimme geschmeidiger und mädchenhafter als im Kontrast mit Satchmos rauem, kratzigem Gesang.

Aktuelle CDs:
Ella Fitzgerald & Tee Carson Trio, Live at Chautauqua Vol. II. Dot Time Records / H'Art
Ella Fitzgerald & London Symphony Orchestra, Someone To Watch Over Me, Verve / Universal