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ullmann1Er ist einer der kreativsten Jazzmusiker unserer Tage. Unterwegs auf beiden Seiten des Atlantiks, veröffentlichte er schon vor zwei Jahren das 50. Album unter eigenem Namen. Jetzt feiert Gebhard Ullmann seinen 60. Geburtstag – und bringt dazu zwei neue Scheiben heraus. Und die weisen wieder in die Zukunft.



J02 orangeVon Tobias Richtsteig ullmann2© Jürgen Moorlach

Hausbesuch bei Gebhard Ullmann, die Spätsommersonne flutet durch die großen Fenster seiner ausgebauten Dachgeschoss-Wohnung. So wohnt einer der produktivsten Jazzmusiker unserer Tage. Unlängst veröffentlichte er den 50. Tonträger als Bandleader, Hunderte Kompositionen hat er bei der Gema angemeldet, darunter auch Musik für Dokumentarfilme und Bigband, natürlich auch für die zehn aktuellen Projekte. Mit dem neuesten, dem Quartett microPULS, spielte er im Juni zum ersten Mal öffentlich, als ihm der Jazzpreis Berlin verliehen wurde. Das Wörtchen „micro“ steht dabei für Mikrotonalität, die hier in verschiedenen Spielarten ausprobiert wird, bis hin zu einer wirklich befreienden Version des „Freedom Jazz Dance“. So professionell und erfolgreich Gebhard Ullmann ist, so kompromisslos unkommerziell kann er auch sein. „Wenn ich mit Musik schon kein Geld verdiene“, bringt er das gerne auf den Punkt, „dann will ich das wenigstens mit meiner eigenen tun.“

Gerade erscheinen wieder zwei aktuelle Beispiele: zum einen das Debüt des Trios Das Kondensat mit Oliver Potratz (b) und Eric Schaefer (dr). Was sich hier niederschlägt, hat lange gekocht. „In den 1980ern habe ich in Hamburg in einem Trio gespielt, Gitarre, Schlagzeug und Blasinstrumente. Es war die Zeit des No-Wave-Jazz, mit Hallgeräten, Bandmaschinen. Ich hatte ein Lyricon, so ein elektronisches Blasinstrument.“ Vorbilder waren Shannon Jackson, James Blood Ulmer, viel Rock-Energie. Das ist lange her, seine bemerkenswerte Klangvielfalt holt Gebhard Ullmann längst aus Flöten, Klarinetten und Saxofonen. Aber mittlerweile gibt es neue, digitale Technologien, und den Spaß am Experimentieren hat er nie verloren. „Heute kann ich das machen, was ich mir damals vorgestellt habe und nicht machen konnte, weil ich einfach noch nicht so gut war.“

Zunächst waren Ullmann, Potratz und Schaefer mit Sampler, modularem Synthie und Analog-Effekten ergebnisoffen in den Proberaum gegangen, „um zu überlegen: Wie können wir mit elektro-akustischen Mitteln improvisieren?“ Zum Beispiel mit dubbigen Bässen, gedoppelten Saxofonen à la Roland Kirk und einer druckvollen Kante Schlagzeug. Oder mit sphärisch schwingenden Holzlinien über Metallflächen. Oder schwer schleppenden Beats und röhrendem Synthie-Bass, darüber ringmodulierendes Saxofon. Das Labor hat sich gelohnt: Das Kondensat ist eine Essenz aktueller Musik mit mitreißender Wirkung.

Experiment? Forschung? Da war doch schon mal was? Richtig: Mitte der 90er hatte Ullmann in New York das Projekt Basement Research gestartet, zunächst als Quartett mit Ellery Eskelin, Drew Gress und Phil Haynes. Inzwischen gehören der Baritonist Julian Argüelles und Posaunist Steve Swell zur Besetzung, dazu Pascal Niggenkemper am Bass – das 25-jährige Bandjubiläum steht ins Haus. Dabei geht es um das Fundament, sagt Ullmann. Um die Jazztradition, „und natürlich auch um die tiefen Töne, also Bassklarinette mit Kontrabass und Ähnliches“. Dass er ein Faible für die großen und tiefen Instrumente hat, wirkt passend – bei fast zwei Metern Körpergröße. Wie sehr er aber wirklich in den niederfrequenten Bereichen zu Hause ist, zeigen Projekte wie das Trio BassX3 – auch hier geht es um Basics: klangliche Improvisationen mit viel Aufmerksamkeit für die Kollegen, wie unlängst beim Jazzdor-Festival in Berlin, wo er mit Bassklarinette, dem langjährigen Kollegen Chris Dahlgren (b) und der bis dahin nur aus der Ferne bewunderten Bassistin Hélène Labarrière auftrat – ein intensives Klangerlebnis.

Intensität ist auch das Stichwort, wenn man Konzerte des Clarinet Trio beschreiben will. Wie sich drei Klarinetten zu eindrucksvollen Klängen kombinieren, kann man auf der neuen CD des Trios verfolgen: Live In Moscow. Als Gast kam hier Alexey Kruglov dazu. Das „Collective No.9 (Part 1-4)“ mit Kruglovs Altsax ist ein Beispiel für die Arbeitsweise des Trios. „Wir haben nicht gesagt: ,Ach, wir improvisieren mal!‘, sondern wir haben das Gerüst besprochen – und dann haben wir‘s gemacht.“ Aber da sind auch Kompositionen, einige schon seit Jahrzenten im Repertoire. Etwa „News? No News!“, der Schlusstitel des Albums.

Ullmann freut sich, wenn er nach vorn schaut: Anfang November feiert er seinen 60. Geburtstag. Und anschließend hat er viel vor. Gerade hat er angefangen, an einem Solo-Programm zu arbeiten. Das Kondensat und microPULS wollen weiterentwickelt werden. Jenseits des Atlantiks wartet The Chicago Plan (wieder mit Steve Swell). „Es nimmt einfach kein Ende. Und das sind auch Sachen, die arbeiten. Ich finde Bandprojekte wichtig – mit Musikern auch lange zusammenzuarbeiten, weil da eine menschliche Ebene entsteht, die in die musikalische mündet. Das wird einfach immer besser. Da entsteht eine andere Art von Kommunikation. Man muss es einfach lange machen.“ Das hat er ja schon. Und er wird es auch noch lange tun. Die Energie und der Spaß dabei springen unmittelbar auf seine Hörer über. Wir gratulieren – und rufen nach Zugaben.

Aktuelle CDs:
Das Kondensat: Das Kondensat (WhyPlayJazz / NRW)
The Clarinet Trio plus Alexey Kruglov: Live In Moscow (Leo Records / Galileo MC)