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enttaueschung1Die meisten stolpern über den Namen dieser Band, noch bevor sie einen Ton von ihr gehört haben. Die Enttäuschung – wie kann man eine Band so nennen? Soll das selbstironisches Understatement sein? Oder der Versuch, die Erwartungen nicht zu groß werden zu lassen?

 

Von Hans-Jürgen Schaalenttaueschung2

Glaubt man Rudi Mahall, dem Mitbegründer und langjährigen Klarinettisten von Die Enttäuschung, ist das Konzept dieser Band gerade die Konzeptlosigkeit. Wenn ständig nur das Unerwartete passiert, dann werden sozusagen alle Erwartungen „enttäuscht“. Enttäuschung im Sinne von: das Ende aller Täuschungen.

Axel Dörner, der Trompeter der Band, meint: „Der Name wird immer besser. Enttäuschungen führen in der Regel zu einer Veränderung und somit zu einem neuen Verständnis einer Situation. Es ist also das Gegenteil einer nicht veränderbaren, verfestigten Weltsicht.“ Und Christof Thewes, der dritte (neue) Bläser der Band, bringt es auf den kurzen Nenner: „Aufklärung = Ent-täuschung“.

Spätestens seit der 3-CD-Box Monk’s Casino (mit Alex von Schlippenbach am Klavier) ist Die Enttäuschung eine Wegmarke in der Jazzwelt. Nun gibt es schon das fünfte Nachfolgealbum zu Monk’s Casino, es heißt Lavaman und ist ein kleiner Neuanfang. Von der Anfangsbesetzung von 1994 sind nur noch Rudi Mahall und Axel Dörner dabei, auch wenn Jan Roder, der Bassist, fast ebenso lange schon dazugehört.

Neu am Schlagzeug ist Michael Griener, ein alter Bekannter der Bandmitglieder aus vielen Projekten. Wie Rudi Mahall stammt Griener ursprünglich aus Nürnberg, wo die beiden schon als Teenager in den frühen 80er Jahren zusammen Jazz machten. Und weil man schon mal beim Umformieren war, kam noch der Posaunist Christof Thewes dazu – jetzt spielt die Enttäuschung also mit drei Bläsern. Für Rudi Mahall ist Thewes als Stückeschreiber, Posaunist und Improvisator erste Wahl. Außerdem: „Thewes gibt den anderen Bläsern den nötigen Zunder.“ Jan Roder, der Bassist, meint einfach: „Christof Thewes ist der Wahnsinn.“enttaueschung3

chon gleich das erste Stück der neuen CD erklärt, warum der US-Kritiker Peter Margasak findet, Die Enttäuschung repräsentiere heute mit am besten die „fundamentale Ästhetik des Jazz“. Dieses erste Stück nämlich besitzt die vitale Kraft des Swing, die intelligente Nervosität des Bebop, die raffinierte Kontrapunktik des West-Coast-Jazz und die legere Unschärfe des Freejazz gleichermaßen.

Die Mixtur aus all dem jedoch ist beispiellos originell und gegenwärtig. Rudi Mahall hat die Nummer komponiert – wie auch sechs weitere auf dem Album. Falls es einen besonderen Trick gibt, wie man drei Bläser so anarchisch stimmig klingen lassen kann, dann verrät er ihn jedenfalls nicht. „Zu Beginn würde ich mir Notenpapier und Bleistift suchen, meistens scheitert’s schon daran“, beschreibt Rudi Mahall sein Vorgehen beim Komponieren. „Mit viel Glück finde ich sogar einen Radiergummi. Und los geht’s: erst mal eine Stimme. Da die aber so alleine steht, bekommt sie noch Gesellschaft von zwei oder drei oder egal wie vielen Nebenstimmen, die dann auch mal zu Hauptstimmen mutieren können. Das geht so lang, bis das Notenblatt vollgeschrieben ist. Das Entscheidende: mindestens halbwegs leserlich zu schreiben.“

Elf Seiten, handgeschrieben
Ein Interview mit Rudi Mahall ist eine besondere Erfahrung. Wenn man keine Zeit hat, ihn zu treffen, und keine Lust, die Sache am Telefon abzuwickeln, dann bleibt nur das geschriebene Wort. Doch Rudi Mahall hat keinen Computer und nur ein „langsames“ Handy. Also schickt er einen Brief, elf handgeschriebene Seiten (im 21. Jahrhundert!), das Konvolut ist bereits fürs Postmuseum vorgemerkt. Auch auf Papier ist Rudi Mahalls spitzbübischer Ton unüberhörbar.

„Die Band funktioniert nur, weil keiner der Chef ist und alle gleichberechtigt sind“, schreibt er, „selbst die Frauen, obwohl gar keine mitspielen. Dass es bei uns kein Konzept gibt, ist Entscheidungsträgern allerdings schwer zu vermitteln – zum Beispiel, wenn es um Gigs geht. Wenn es von unserer Seite heißt: ‚Wir machen Musik, so dolle wir können‘, dann reicht das nicht als Begründung, da bräuchte es schon: Völkerverständigung, was mit politischem Bezug, was mit außermusikalischem Nutzen... Und da wir noch nicht mal Frauen sind, haben wir so gesehen schlechte Karten. Ein Vorteil aber: Durch das mangelnde Konzept spielen wir nicht so häufig, deshalb geht man sich auch weniger auf die Nerven. Darum gibt’s die Band schon so lange.“

Die Enttäuschung ist eine von vielen Formationen, in denen Rudi Mahall über die Jahre mitmischte. Der Rote Bereich, Fossile3, Günter Adler, Quartetto Pazzo, Squakk, Underkarl, zahlreiche Projekte mit Alex von Schlippenbach, Aki Takase oder Christof Thewes

… Es ist schwer, den Überblick zu behalten. Doch irgendwie scheint es Rudi Mahall zu gelingen, all die verschiedenen Projekte mit seiner anarchisch-kreativen Art zu infizieren. Seine urigen, überraschenden, eigenwilligen Klarinettenbeiträge (und sein schräger Humor) schenken jeder Band einen Hauch nonchalanter Raffinesse. Im Booklet von Lavaman fragt er: „Worum geht’s in der Jazzmusik, doch um den eigenen Klang, oder?“ Und wie man den entwickelt, erklärt er auf metaphorischen Umwegen: „Was mir schmeckt, das koche ich nach, und zwar so, wie ich denke, dass es gehen könnte. Dadurch bekommt das Ganze etwas Eigenes, Originales. Ob das jetzt besser klingt, ist dann egal. Man hat es sich selbst ausgedacht, deshalb kann man es auch selbst notfalls verhunzen. Daraus entsteht diese Form von Lockerheit – und daraus vielleicht eine Art Humor.“

Viele verbinden mit Rudi Mahall die Bassklarinette. Denn als er mit 21 Jahren beschloss, Jazzklarinettist zu werden, hatte er den Eindruck, dass die normale Klarinette im modernen Jazz einen schlechten Ruf besitzt. „Sie gilt als überholt, altmodisch, Dixie-belastet, der Klarinettist ist der Depp vom Dienst.

Also keine Chance für mich, reich und berühmt zu werden. Auf der anderen Seite: Alle lieben Bassklarinette, weil – keine Ahnung, warum. Also ich in den Laden und zack: reich und berühmt. Dolphy hat’s wohl genauso gemacht. Ich wusste: Um die Bassklarinette als Hauptinstrument zu spielen, brauche ich einen kräftigen Ton, also habe ich immer so laut wie möglich geübt. Den Ansatz habe ich in Richtung ‚überanstrengter Saxofonansatz‘ verändert, und siehe da: Nach gar nicht so langer Zeit dachten selbst die werten Mitmusiker, die Bassklarinette sei ein lautes Instrument.“

Rudi Mahall stellt hingegen richtig: Die Lautstärke der Bassklarinette ist mit einem Saxofon nicht zu vergleichen. „Das Spielen ist sehr anstrengend, man braucht viel Luft, für Raucher und sehr kleine Menschen ist das ein Problem. Auf der Bühne werde ich meist als ‚Rudi Mahall – Bassklarinette‘ angekündigt, obwohl ich oft genauso viel auf der normalen Klarinette spiele, aber die ist irgendwie ‚bäh‘, uncool, stigmatisiert, nicht sexy, eklig, schrill, die Bassklarinette aber schön tief und aufregend. Ich seh das nicht so. Der arme Dolphy hat auch lieber Flöte gespielt.“

Auf die Frage, welche Jazzplatte er nach überstandenem Interview gerne auflegen würde, nennt Rudi Mahall das Benny Goodman Trio, Edmond Hall, Artie Shaw, Buddy DeFranco, Tony Scott. Lauter Klarinettisten, lauter eigenwillige Combospieler, lauter Originale. Wie Rudi Mahall.

Auswahldiskografie:
Die Enttäuschung: Lavaman (2017)
Die Enttäuschung: Vier Halbe (2012)
Die Enttäuschung: 5 (2009)
Die Enttäuschung: 4 (2006)
Alexander von Schlippenbach / Die Enttäuschung: Monk’s Casino (2005; alle: Intakt / Harmonia Mundi)