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hidden1Es gibt Dinge, die sich besser verstecken lassen als ein komplettes Orchester. Joe Acheson bekommt es trotzdem hin. Seit 2010 macht er Musik unter dem Namen Hidden Orchestra.

Von Christoph Wagnerhidden2

Joe Acheson und sein Hidden Orchestra verbinden Feldaufnahmen mit Ambient Jazz und Grooves – auf dem aktuellen Album arbeitet er mit dem Morgengesang der Vögel.

Christoph Wagner: Du nennst deine Gruppe das Hidden Orchestra. Was bedeutet der Name?

Joe Acheson: Die Gruppe heißt so, weil es dieses Orchester gar nicht gibt. Es besteht nur aus mir und meinem Studio. Ich nehme viele Musiker zu unterschiedlichen Zeiten auf und entwickle daraus Kompositionen für ein imaginäres Orchester. Die Stücke können sanft und verträumt wie Ambient Music klingen oder treibend mit mächtigen Grooves. Gleichzeitig ist der Bandname ein Bezug auf die versteckten Orchester in den Kinos der Stummfilm-Ära oder in der Oper.

Christoph Wagner: Wenn es das Hidden Orchestra gar nicht gibt. Wie kommt die Musik dann praktisch zustande?

Joe Acheson: Ich habe eine klassische Musikausbildung absolviert, aber auch in vielen Rock- und Jazzbands gespielt. In einer HipHop-Gruppe habe ich mit Sound-Samples gearbeitet. Das hat mich inspiriert, selbst Feldaufnahmen zu machen. Aus solchen Aufnahmen sowie improvisierten und komponierten Fragmenten setzt sich die Musik zusammen. Aus kleinen Schnipseln von Tönen, Klängen und Geräuschen bastle ich meine Stücke. Ich komponiere laufend, während ich schon mixe und produziere. Dabei folge ich meinem musikalischen Instinkt.

Christoph Wagner: Wer sind die Musiker, mit denen du arbeitest?

Joe Acheson: Es gibt einen festen Pool an Musikern, die ich schon länger kenne, dazu kommen Instrumentalisten, die ich aufnehme, wenn ich etwa auf Tour bin. Zufallsbegegnungen. Auf dem aktuellen Album spielen z. B. sechs Klarinettisten aus Prag, die ich dort traf, als ich in Tschechien Konzerte gab. Es ist aber auch ein Dudelsackspieler aus Nordirland dabei. Die Nichtexistenz des Orchesters erlaubt es mir, alle möglichen Musiker heranzuziehen. Da bin ich vollkommen frei.

Christoph Wagner: Das aktuelle Album trägt den Titel Dawn Chorus, womit der Morgengesang der Vögel gemeint ist. Es beinhaltet verschiedene Kompositionen, die jeweils Feldaufnahmen von Vogelgezwitscher einbeziehen. Bist du so früh schon mit dem Mikrofon auf den Beinen?

Joe Acheson: Nein, ich bin ein Nachtmensch. Die Aufnahmen habe ich am frühen Morgen gemacht, bevor ich ins Bett ging. Mich interessiert, wie die Welt an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Uhrzeit tönt. Mein Aufnahmegerät habe ich immer dabei. Und das Gezwitscher der Vögel beim Sonnenaufgang an verschiedenen Orten aufzunehmen, war wunderbar.

Christoph Wagner: Du machst Feldaufnahmen wie andere Leute Fotos?
Joe Acheson: Das trifft es ziemlich genau. Wenn man alte Fotos anschaut, ist das für mich ähnlich, wie wenn ich Feldaufnahmen von früher anhöre: Sie transportieren mich an den jeweiligen Ort zurück.

Christoph Wagner: Kann man mit Musik das Gezwitscher der Vögel bei Sonnenaufgang optimieren?

Joe Acheson: Das war nicht meine Absicht. Dem Gesang der Vögel kann man nichts Sinnvolles hinzufügen – er ist perfekt. Es funktioniert andersherum: Der Vogelgesang optimiert meine Kompositionen. Ich bearbeite ihn, verändere manchmal die Tonhöhe ein bisschen, nur nicht zu sehr, denn er muss als Vogelgesang erkennbar bleiben. Es geht mir um natürliche Klänge und Geräusche, mit denen ich in einem elektronischen Zusammenhang arbeite.

Christoph Wagner: Dein erstes Album von 2010 hieß Night Walks. Dort hast du Feldaufnahmen verwendet, die du bei Nachtspaziergängen gemacht hast. Klingt die Welt bei Nacht anders?

Joe Acheson: Klar, vor allem weil tagsüber Menschen im Spiel sind. Sie decken vieles zu, verschmutzen die Umwelt mit ihrem Lärm. Bei Nacht klingen Töne und Geräusche weiter, weil es stiller ist, was auch für Klänge über Wasser gilt. Der amerikanische Klangforscher Bernie Krause teilt in seinem Buch Das große Orchester der Tiere – Vom Ursprung der Musik in der Natur die Welt der Klänge in drei Sparten ein: die Geräusche der Natur, die Klänge der Landschaft und die Klänge der Menschen: Autos, Maschinen, Klimaanlagen usw. Die Geräusche der Menschen stören immer mehr die Balance zwischen den verschiedenen Klangwelten. Sie übertönen die Klänge der Natur und der Landschaft. Das ist ein Problem.
Christoph Wagner: Wo findest du deine Geräusche?

Joe Acheson: Das ist unvorhersehbar. Ich halte mein Mikrofon einfach in die Luft wie eine Angel ins Wasser – und hoffe, dass ich etwas fange. Ich habe immer ein Aufnahmegerät dabei, weil es schwierig ist, Klänge im Nachhinein wiederzufinden. Oft ist es eine Momentaufnahme, die danach nicht mehr herzustellen ist. Deshalb versuche ich, die Geräusche aufzunehmen, wenn ich sie höre.

Christoph Wagner: Wie bringst du deine Musik auf die Bühne?

Joe Acheson: Ich benutze die verschiedensten Techniken, habe eine kleine Mannschaft von Musikern, darunter Klavier und Geige, dazu zwei Drummer, weil Rhythmen und Grooves in meiner Musik wichtig sind. Ich spiele Bass und bediene die Elektronik. Manchmal haben wir Gastmusiker dabei. Die Gruppe kann auf zehn Musiker anwachsen mit Trompeten, Horn und Harfe. Am liebsten hätte ich zwischen 60 und 100 Musiker auf der Bühne.

Aktuelle CD:
Hidden Orchestra: Dawn Chorus (Tru Thoughts / Groove Attack)