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Schon seit Jahren etabliert sich der italienische Sänger Gianmaria Testa immer weiter jenseits der Flüsterschwelle des Geheimtipps. Seine Lieder sind anders als die anderer Cantautori Italiens, auch wenn er mit ähnlichen musikalischen Versatzstücken wie seine Kollegen spielt. Doch wenn diese ihre Liedstrukturen etwa mit jazzigen Elementen aufbrechen wollen, um sich so über sie zu erheben, dann unterstreicht Testa eher mit einer jazzigen Trompete die Freiheit innerhalb des Genres.

 

Von Thorsten Bednarz

Menschliche Tragödie

Er findet darin stets genug Bewegungsraum, muss weder sich noch anderen beweisen, wie musikalisch extravagant oder gar revolutionär er sein könnte. Er ist es, ohne viel Aufhebens darum zu machen und ohne es auch dem Letzten noch um die Ohren zu hauen. Er ist ein konservativer Revolutionär, denn im Vordergrund steht immer der Text, die Aussage des Liedes. Der Inhalt bestimmt die Form. Punkt. Wer etwas anderes will, soll sich eine Paolo-Conte-CD kaufen.

Kein Wunder also, wenn das neueste Album in scheinbar noch gedeckteren musikalischen Farben daherkommt als alle Vorgänger zusammen. Denn an diesem Album hat Testa nahezu 15 Jahre gearbeitet, hat die Thematik mit sich herumgeschleppt, ehe er den richtigen Ausdruck dafür fand. So ist es auch sein bisher persönlichstes Album geworden, was vielleicht paradox klingt. Immerhin geht es um nichts Geringeres als die Auswirkungen der Migration, aber betrachtet von der Sicht derer aus, die sich heimlich auf Seelenverkäufern einschiffen, wochenlang über das Meer treiben, bis sie endlich an den Ufern des vermeintlichen Wohlstandsparadieses antreiben, bereit für den nächsten seelischen und finanziellen Schiffbruch. Ohne jegliches Pathos, nahezu mit der Nüchternheit eines beobachtenden Buchhalters nähert er sich dieser modernen Völkerwanderung und schafft es so, eine mehr als erschütternde Seelenbilanz derer aufzudecken, die sich weit entfernt von ihren Familien und ihren kulturellen Wurzeln opfern, damit die Familie, die sie vielleicht nie wieder sehen werden, vielleicht überleben kann. Es ist, wie er selbst sagt, »normale menschliche Tragödie, die wir heute überall in Europa erleben«. Aber niemand lüftete bisher so entschieden den Schleier dieser »Normalität«, welcher den westlichen Gemütszustand so abgestumpft hat, dass rechte Parolen allerorten schon wieder solch unerhörten Zuspruch finden können.

»Es ist auch für mich völlig unerklärlich, wie wir Italiener innerhalb von nur zwei Generationen so vergesslich werden konnten. Damals waren wir es, die auswanderten, auswandern mussten. Ich hätte niemals erwartet, dass die Italiener diese Unabdingbarkeit der Auswanderung so schnell vergessen würden. Heute sind es die Afrikaner, die, wenn alle Hoffnungen geschwunden sind, in ihrer Heimat zu überleben, ohne Hungers zu sterben, sich auf den Weg machen müssen. Und keine europäische Regierung hat begriffen, dass dagegen weder Mauern noch Gesetze helfen. Es ist ein Gleichgewicht des persönlichen Schreckens - wenn ich hier riskiere zu sterben, dann ziehe ich an einen anderen Ort. Was kann ich schon verlieren? Es ist nur die Hoffnung, die uns antreibt.«

Hier schafft es Testa auch immer wieder, Parallelen zwischen den Zeilen aufzuzeigen, die klar machen, dass das Prinzip Hoffnung auch in unserem scheinbar so gesicherten Handeln das ist, was uns treibt. Aber wie gesagt, zwischen den Zeilen! Diese Erkenntnis stellt sich unterschwellig ein, vielleicht erst nach vielfachem Hören der CD oder dem wiederholten Lesen der wunderbar übersetzten Texte der CD. »Heute behandeln wir die Afrikaner so, wie damals die Italiener behandelt wurden, als sie in Amerika ankamen. Alle waren Ganoven, Mafiosi. Natürlich gab es darunter auch Ganoven und Mafiosi. Aber in der Gesamtheit waren es damals so viele wie es heute kurdische, algerische oder marokkanische Diebe, Drogenhändler usw. sind.« So ist die Aufnahme Da questa parte del mare - Auf dieser Seite des Meeres - auch eine Platte gegen das Vergessen geworden. Ein Vergessen der eigenen historischen Armut, der eigenen früheren Benachteiligung. Eine Platte gegen das Ausblenden jeglicher historischer Verantwortung der Privilegierten im gemütlichen Sessel vor dem heimischen Fernseher, der uns nur das mit Dolby Surround zu Gehör bringt, was wir auch wirklich hören wollen. Bitte keine Störung, wir haben Feierabend! »Ich will mich nicht verstecken, auch mich überkommt manchmal die Wut, wenn ich ständig angebettelt werde, wenn ich in aufdringlichster Weise bei etwas gestört werde. Ich bin nicht schlechter oder besser als andere, die die eigene Betroffenheit, so sie diese nicht schon abgelegt haben, hinter demagogischen Parolen verstecken. Mir geht es einfach darum, die menschliche Seite hinter dieser ›Störung‹ sichtbar zu machen.«

Genau so eine Störung war es, die schließlich vor rund 15 Jahren den Anstoß zu diesem Album gab. »Ich war damals mit meiner Familie im Urlaub am Meer. Wir saßen am Strand, als ein Fischerboot kam (sein Name war abgedeckt), kurz vor der Küste ein großes Paket ins Wasser warf und dann sofort wieder aufs Meer hinausfuhr. Dieses Paket war ein altes Schlauchboot, das sich nur mühsam über Wasser hielt, mit zwei Afrikanern darin. Wir holten sofort medizinische Hilfe, aber für einen kam diese zu spät. Er starb noch am Strand. Der andere konnte uns irgendwie mitteilen, dass sie vor mehreren Wochen in Afrika aufgebrochen waren. Sie hatten sich auf einem Frachter versteckt und als man sie entdeckte, warf man sie einfach ins Meer. Einige Tage später haben die Fischer sie an Bord genommen, aber so wie einen unliebsamen Fang, den man nicht über Bord werfen kann. Von ihnen bekamen sie weder Nahrung noch Wasser noch andere Hilfe, bis sie wieder ins Wasser geworfen wurden. Diese Geschichte kann ich nicht vergessen, auch wenn ich keine Ahnung habe, was aus dem zweiten Afrikaner geworden ist.«

Geschichte(n) erzählen

Testa kann nicht auf Bestellung schreiben, und so suchte er die ganze Zeit nach den richtigen Worten für diese Geschichte, recherchierte andere. Immer wieder stieß er dabei auch auf andere Aspekte der Migration. »Ich halte nichts von geschlossenen Gesellschaften. Wer sich gegenüber äußeren Einflüssen abschottet, verhindert Entwicklung und stirbt ebenso aus wie die Adelshäuser, die sich so lange untereinander verheirateten, bis sie wegen Inzucht sich nicht mehr fortpflanzen konnten. Das antike Römische Reich verfiel als das quasi multikulturelle Prinzip des ›Teile und herrsche‹ aufgegeben wurde. Auch heute liegt die Zukunft in der Vermischung der Kulturen und Wirtschaften. Was bleibt, ist immer die Angst, sich darin zu verlieren. Trotzdem kann und darf man sich nicht nur auf seine eigenen Wurzeln reduzieren.« Beispiele dafür gibt es auch in der jüngsten Geschichte Italiens. Der italienische Staat ist etwa so alt wie der deutsche, wurde aber erst durch den Faschismus aus seiner regionalen Beschränktheit gerissen. Aber noch heute, sagt Gianmaria Testa, versteht man in Mailand etwa nicht seinen sizilianischen Dialekt und umgekehrt. Trotzdem gilt er als Italiener. »Aber wir haben aus dieser Geschichte der Akzeptanz des Andersseins nichts gelernt. Es ist beängstigend, wie viele Menschen sich von den Zuwanderern bedrängt und verängstigt fühlen. Dabei braucht die Industrie Norditaliens dringend Arbeitskräfte! Ist das nicht paradox?!« Und noch schlimmer ist es, wenn diese Ängste nicht nur bewusst instrumentalisiert werden, um Wahlen zu gewinnen, sondern auch dazu dienen müssen, die Unfähigkeit gewisser Politiker Italiens zu überspielen.

Gianmaria Testa hält sich bewusst mit Namen zurück. Er will die politische Demagogie nicht mit Gegenparolen beantworten. Er verbietet es sich regelrecht, seine Musik mit der eigenen Wut zu mischen. Sein Protest ist stillerer Natur. Er verweigert sich. Er gibt kaum Interviews, beweist in keiner Talkshow, dass er etwas besser weiß. Er singt einfach nur seine Lieder. Immer hoffend, dass sie für sich selbst sprechen. Unterstützung findet er bei anderen großartigen Musikern, die ebenso leise protestieren wie er.

Dieser Tage geht er in Italien mit dem in Paris lebenden Italiener Paolo Fresu auf Tournee, der die Enge der italienischen Kulturpolitik schon lange verlassen hat und nur in seinem heimatlichen Bergdorf mit einem wunderbaren Jazzfestival Gegenzeichen setzt. Erstaunlicherweise sind die Konzerte Gianmaria Testas in Italien gut besucht, obwohl seine Musik in den Medien kaum gespielt oder besprochen wird. Er bleibt ein wenig der Eigenbrötler, der seine Platten zuerst in Frankreich veröffentlichte, als er keine geeigneten Partner in seiner Heimat fand, und der inzwischen im Ausland bekannter ist als in seiner Heimat. Man könnte darin sogar Parallelen zu den Fragen der Entwurzelung, des Fortgehens finden, wie er sie auf der neuen CD stellt. »Allerdings ist meine Migration eine privilegierte. Die Helden meiner neuen Lieder wollen keine Helden sein. Sie müssen diese Reise auf sich nehmen, weil sie absolut nichts zu verlieren haben und die Last des Überlebens ihrer ganzen Familie auf ihre Schultern laden und wissen, wenn sie es nicht schaffen, schaffen es auch ihre Eltern, Kinder, Brüder und Schwestern nicht. Die Verzweiflung, die zu solch einem Akt der Aufopferung führt, kann man sich hier nicht mehr vorstellen.«

Dem großen Thema nähert sich Testa mit kleinen Liedern, die kaum mehr brauchen als seine Gitarre und die angenehm ruhige Stimme. So eindringlich seine Botschaft auch ist, so unprätentiös und ohne jeglichen Anflug von persönlicher Eitelkeit vermittelt sie sich. Wenn sich Gianmaria Testa mit seiner Stimme ganz in den Dienst dieser Ausgestoßenen stellt, geht er in seiner nüchternen Beschreibung der Fakten, wie seine Lieder sie liefern, fast leidenschaftlich auf. Indem er sich selbst völlig einer Wertung enthält, gibt er mehr von sich als auf jeder anderen Platte. »Ich sage einfach nur meine Wahrheit. So klein, wie sie sein mag, es ist doch meine Wahrheit. Und es steht jedem frei, sich ihr anzuschließen oder sie abzulehnen. Mehr nicht.« Nicht auszudenken, wo wir ohne solche Lieder und ohne solche stillen Mahner schon sein könnten.

Aktuelle CD:
Gianmaria Testa: Da questa parte del mare (Harmonia Mundi)