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Acoustic LadylandJohn Coltrane und die Ramones, Jimi Hendrix und James Chance
werden als Pate genannt. Acoustic Ladyland ist die Jazzformation,
die in den letzten zwei Jahren auf der britischen Musikszene für
am meisten Aufsehen sorgte.

Von Christoph Wagner


Woran viele Jazzbands scheitern, hat die Formation um den Saxofonisten Pete Wareham geschafft. Mit einem kompromisslosen Sound, der die Rohheit und Brachialität von Rock und Punk mit der Sensibilität und Ausdruckskraft des modernen Jazz vereint, konnte sie aus dem Jazzghetto ausbrechen und eine Sprosse der Karriereleiter nach oben klettern. Sie sind in die Pop-Liga aufgestiegen. Acoustic Ladyland ist mittlerweile beim Virgin-Nachfolgelabel V2 unter Vertrag. Ein Manager kümmert sich um ihre Angelegenheiten. Die Band hat die Pub-Hinterzimmer und abgefuckten Social Clubs als Auftrittsorte hinter sich gelassen. Doch was vor allem zählt: Ihr harter Punk-Jazz kommt bei einem hippen jungen Großstadtpublikum an, wobei sich Popstars wie Gaz Coombes von Supergrass als Fans outen. Acoustic Ladyland schafften es sogar in die Popsendung der BBC Later with ..., wo sie neben Bands wie The Coral und New Order auftraten. Und ihrem neuen Album verleihen zwei illustre Gäste besonderen Glanz: James Chance und Scott Walker. The Future looks bright!


Christoph Wagner: Euer Name Acoustic Ladyland steht im Widerspruch zu eurem elektrischen Sound. Wie ist das zu erklären?

Pete Wareham: Das hat mit unserer Bandgeschichte zu tun. Bevor Acoustic Ladyland entstand, hatte ich schon eine Gruppe mit Sebastian Rochford, unserem Drummer. Ich hatte ein einwöchiges Engagement im Ronnie Scott’s Club in London und entwickelte den Plan, einmal etwas ganz anderes zu machen. Mir schwebte eine Band mit Hammond-Orgel und Bass vor, konnte aber nicht die richtigen Musiker dafür finden. Also rief ich den Pianisten Tom Cawley und den Bassisten Tom Herbert an. Es lief wunderbar vom ersten Moment an und machte ungeheuren Spaß. Anfangs war die Formation als Jimi-Hendrix-Tribute-Band gedacht. Ich bin ein großer Fan von Hendrix. Er war mein erster musikalischer Held. Wir spielten Titel von ihm, später kamen Nummern von Led Zeppelin dazu, dann Titel der Strokes und von Velvet Underground sowie Nick Drake. Erst mit der Zeit fing ich an, eigene Kompositionen beizusteuern. Nach einer Weile dämmerte mir, dass wir ja eigentlich Rockmusik spielten, nur klang das gar nicht so. Dieser Geistesblitz bewirkte eine Richtungsänderung. Ich hörte zu der damaligen Zeit viel Musik der White Stripes und wollte, dass Acoustic Ladyland viel direkter, härter und roher klingen sollte. Tom Cawley kaufte sich ein elektronisches Keyboard, Tom Herbert brachte seine Bassgitarre mit und sofort hatte die Sache mehr Punch. Wir hatten schon 3 Jahre lang akustisch gespielt, bevor wir zur Powerband wurden. Unser Namen blieb uns aus der Anfangszeit erhalten, als wir Hendrix noch als akustische Jazzcombo interpretierten.

Christoph Wagner: Hendrix, Led Zeppelin, die Strokes und die White Stripes - das sind alles Gitarrengruppen. Bei euch sucht man vergeblich nach einer Gitarre in der Besetzung. Habt ihr bewusst darauf verzichtet?

Pete Wareham: Das war Absicht. Eigentlich wollte ich der Leadgitarrist sein. Das wollte ich schon seit meiner Jugend: als Leadgitarrist einer Band vorstehen. Allerdings tat ich mich immer schwer mit dem Gitarrespiel. Es flog mir nicht zu. Deshalb nimmt in unserer Band das Saxofon die Stelle der Leadgitarre ein. Es ist recht spannend, zu versuchen, den Sound einer Leadgitarre durch Saxofon und Keyboards zu rekonstruieren. Mit einer Leadgitarre wäre es zu einfach gewesen und hätte auch nie geklappt. Wer will sich schon mit Hendrix messen?

Christoph Wagner: In eurer Musik hallt die Punk-Jazz-Ära der späten siebziger Jahre wider. War das ein Einfluss?

Pete Wareham: Ja, James Chance ist ein Monster dieses Stils - und ich bin sein größter Fan. Ich mag Musik, die sehr direkt und kraftvoll ist. Deswegen gefällt mir Punk. Gruppen wie die Ramones. Ihre Songs sind so direkt, so einfach und mit solchem Druck gespielt. Jazz ist mir manchmal zu gewunden, zu verkopft und zu clever. Ich bin eher für kurz und bündig. Ich habe nichts gegen Komplexität, wenn sie sich knapp fasst und ihren Standpunkt klar und deutlich macht.

Christoph Wagner: Auf eurem neuen Album sind einige Gäste mit von der Partie. Einer davon ist James Chance. Wie kam es zu dieser Kooperation?

Pete Wareham: Unser neues Album erschien bei einem größeren Label, das mehr Möglichkeiten hat. Sie fragten uns, ob wir irgendwelche Gäste dabeihaben wollten und boten sich an, das zu organisieren. Ich nannte James Chance, und sie nahmen Kontakt mit ihm auf. Dann nahmen die Dinge einen etwas surrealen Verlauf. Wir wollten ihn ursprünglich nach London einfliegen und ein Stück mit ihm zusammen aufnehmen. Er konnte nicht. Also nahmen wir das Stück ohne ihn auf, ließen aber viel Platz für seinen Part. Dort sollte er machen, was er wollte. Er ging in New York ins Studio und nahm ein paar unterschiedliche Versionen auf.

Christoph Wagner: Wart ihr mit seinem Beitrag zufrieden?

Pete Wareham: Es war ein bisschen verrückt. Weil sein letztes Album, das vor eineinhalb Jahren erschien, sehr weich und sanft ist, war ich etwas alarmiert, denn wir wollten ihn als Berserker haben. Umso glücklicher war ich, als ich seinen Track hörte, der richtig hart und rigoros klingt.

Christoph Wagner: Scott Walker ist ein weiterer Gast. Ihn konntet ihr als Remixer gewinnen. Wie kam es dazu?

Pete Wareham: Scott Walker war ein anderer Wunschkandidat. Ich war von seinem Album The Drift sehr angetan und dachte, er könnte etwas Interessantes beitragen. Ich hatte davor noch nie Musik von ihm gehört. Unser Manager ist ein riesiger Fan von Scott Walker, was ich nicht wusste. Wir saßen zusammen und überlegten, wer dieses Stück, das als Single vorgesehen war, remixen könnte. Ich schlug Scott Walker vor. Er war begeistert, aber skeptisch, ob er sich breitschlagen ließe. Die Leute von unserer Plattenfirma schafften es. Sie kontaktierten ihn. Er willigte ein. Wie bei James Chance trafen wir ihn nicht. Er bekam die Aufnahme zugeschickt, ging ins Studio, ließ Goldstaub draufrieseln und schickte sie zurück. Als ich seinen Remix das erste Mal hörte, war ich etwas überrascht, weil sich seine Version kaum vom Original unterschied. »Hat er überhaupt etwas gemacht?«, fragten wir uns. Aber dann, als wir genauer hinhörten, fielen uns kleine unscheinbare Veränderungen auf, die den Titel auf sehr subtile Weise färbten.

Christoph Wagner: Werdet ihr in Zukunft mehr in Richtung Remix gehen?

Pete Wareham: Weiß nicht. Sebastian Rochford, unser Drummer, hatte einen Titel bearbeitet, der mir sehr gut gefiel. Es gab noch andere Leute, die unsere Stücke remixten. Sie gaben den Titeln ein Club-Feeling, was mich nicht völlig überzeugte. Am Interessantesten kamen mir die Remixes vor, die alles umstülpten, wirklich etwas anderes daraus machten, aber trotzdem nicht die Verbindung mit dem Original verloren. Ich bin für Experimente offen, wenn sie Sinn machen.

Christoph Wagner: Welche zukünftige Entwicklung siehst du für Acoustic Ladyland?

Pete Wareham: Früher hatte ich eine genaue Vorstellung, wo ich mit der Band hinwollte. Das war zum einen, ökonomisch ein anderes Level zu erreichen: also bei einem größeren Plattenlabel zu landen, bessere und größere Gigs zu spielen, international präsent zu sein. Das zeichnet sich im Moment ab. Überall regt sich Interesse. Wir spielen viel, und das weltweit: USA, Japan, auf dem Kontinent. Musikalisch nehme ich laufend neue Einflüsse auf. Mich inspiriert immer diejenige Musik, die ich im Moment höre. Am besten ist, man lässt es organisch wachsen, weil man Musiker sowieso nicht in eine Richtung schieben kann, die sie nicht interessiert. Das funktioniert nicht.

Christoph Wagner: Wie arbeitet die Gruppe?

Pete Wareham: Ich bin der Kopf der Band, weil ich das meiste Material schreibe. Acoustic Ladyland ist aber nicht meine Begleitband. Wenn wir die Stücke einüben und aufführen, geht es völlig demokratisch zu. Wenn jemand eine Idee hat, wird sie aufgegriffen und damit umgegangen.

Christoph Wagner: Auf dem aktuellen Album wird mehr gesungen als zuvor. Ist das eine neue Entwicklung?

Pete Wareham: Viele der Stücke auf dem neuen Album wurden ursprünglich als Songs mit Texten geschrieben. Meine Frau schreibt die Texte, ich die Musik. Aber weil wir keinen Sänger hatten, nahmen wir sie zuerst als Instrumentalnummern auf. Das war sehr frustrierend, weil die Texte ausdrucksstark waren und sie die Kompositionen beeinflusst haben. Und das sollte alles verloren gehen? Auf den Demos hatte ich die Titel gesungen mit der Vorstellung im Kopf, dass wir Gastsänger zur Aufnahme engagieren würden. Wir experimentierten mit verschiedenen Vokalisten, waren aber nie richtig zufrieden. Etwas ging immer verloren - einfach dadurch, weil ein Fremder meinen Song nicht so rüberbringen kann wie ich selber. Schlussendlich gelangten wir zu der Überzeugung, dass ich wohl der Einzige bin, der die Songs überzeugend interpretieren könne, weil ich sie auch geschrieben habe. So wurde ich zum Sänger der Band.

Christoph Wagner: Fühlst du dich wohl in deiner neuen Rolle?

Pete Wareham: Es ist schwierig! Ich brauche gewöhnlich zwei, drei Konzerte von einer Tour, um völlig in der Rolle des Sängers aufzugehen. Es machte mir Spaß - und ich hoffe, dass ich mich mit der Zeit dabei authentischer fühle.


Aktuelle CD: Acoustic Ladyland: Skinny Grin (V2)
Diskografie: Acoustic Ladyland: Last Chance Disco (Babel 2005)