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Beim JazzFest Berlin 06 gestalten Musiker aus New Orleans einen gewichtigen Programmpunkt. Einen anderen bilden Musiker aus Österreich. Zu ihnen gehört Harry Sokal. Grund genug, sich einmal in Wien umzuhören.



Abends in Wien. Die Bim quietscht um die Ecken des fünften Bezirks, und ein befreundeter Produzent hat zum Probehören in seine Altbauwohnung geladen. Hohe Decken, hochwertige Surroundbeschallung und hochprozentiger Cognac garantieren ein besonderes Hörerlebnis. »Das musst du dir anhören«, sagt »Steelfisted Henry«, wie das Produzentenschwergewicht auch genannt wird, »das wird dir Gänsehaut auf die Arme machen! Das ist typisch Harry!« Und schon liegt eine bislang unveröffentlichte Aufnahme des Tenorsaxofonisten Harry Sokal im Player. Lässig und bestimmt, in bester Balladenform, tief gründelnd, erklingt eines der besten Saxofonsoli, die je gespielt wurden. Gänsehaut – aber klar! Dass sich so viele Haare zur gemeinsamen Erregung durch Musik aufrichten können, ist doch immer wieder schön!

Vom Gänsehaut erregenden Spiel hat auch Peter Schulze gehört, der für das Programm des JazzFest Berlin 06 verantwortlich zeichnet und neben Wolfgang Puschnig, der JazzWerkstatt Wien und Max Nagl eben auch Harry Sokal eingeladen hat, der dort im Trio Depart auftreten wird. Was die Besucher mit den Österreichern erwartet, hat er in den Worten zusammengefasst: »Ich glaube, dass es in Österreich eine sehr viel lebendigere Volksmusik-Tradition gibt als in Deutschland, auf die sich die Musiker – wie skurril auch immer – doch irgendwie beziehen. In der österreichischen Szene findet sich auch eine bestimmte Art von Humor in der Herangehensweise, die – für mich jedenfalls – in der deutschen Szene nicht zu finden ist.« Wie wahr. Und was eignet sich besser zum Verständnis des österreichischen Jazz als die Musik Harry Sokals?

Denn Harry Sokal ist ein besonderes, liebenswertes Ereignis. Nach jahrzehntelanger Blaserei mit u.a. Art Farmer, eigenen Projekten wie Timeless, Full Circle, Roots Ahead und Depart, seiner langen Mitgliedschaft beim Vienna Art Orchestra und ungezählten Kollaborationen mit der internationalen Jazz-Elite gehört der Saxofonist längst zum Urgestein des Jazz in Österreich. Und zu sehen, wie er sich bewegt, kommt dem, was von ihm zu hören ist, ziemlich nahe.

Denn wenn er leicht schlurfend zum Mikrofon geht, umgibt ihn bereits eine recht lässige Aura. Dann, mit dem umgehängten Instrument – entweder ein Tenor- oder ein Sopransaxofon –, verstärkt sich sein Gang zu einem Biegen und Wiegen. Die Knie, das Becken, die Schultern, der ganze Körper gerät zum optischen Verstärker der Töne, die aus seinem Instrument kommen. Oder ist es umgekehrt: Machen die Töne deutlich, wie sehr die Musik in Harry Sokal lebt?

So oder so, eine Erkenntnis von Joe Zawinul, dem Keyboarder aus Wien, der in Amerika Karriere machte, drängt sich unweigerlich auf. Er erzählte einst: »Die Phrasierung im Jazz entspricht dem Sprachrhythmus der schwarzen Amerikaner. Ich weiß nicht, warum, aber der Wiener Dialekt hat denselben Rhythmus wie eine Walking-Bass-Line. Dieses ›Dum-Dum-Dum-Dum-I-Wü-Nimmer-Mehr-Wos-Sa-He-Da-Dum-Da!‹ Das ist ein wirklicher Jazz-Rhythmus , und das haben wir Wiener in unserem Blut.« Dass der einheimische Jazz etwas Besonderes darstellt, davon ist auch Sokal überzeugt, wenn er die Jazz-Sprache Österreichs mit seinen Anfängen als Musiker in den Heurigen verbindet: »Oh ja, der Jazz in Österreich, der hat seine eigene Sprache. Schon meine Eltern spielten amerikanische Schlager, aber eben auch heimische Gstanzln. Wir machten Hausmusik, traten aber auch beim Heurigen und bei Familienfeiern auf. Insofern hat der Jazz hier immer zugleich diesen Jazzrhythmus, aber eben auch dieses sehr Lyrische und Ausdrucksstarke. Das hört man, dieses Lyrische, bei Wolfgang Puschnig oder auch bei Wolfgang Muthspiel!« Und natürlich bei ihm, in dessen Spiel sich die Sprache des Körpers mit derjenigen der Musik durchdringt.

Nicht vom Heurigen, der neu entdeckten Jazztankstelle, sondern von Proben mit dem Vienna Art Orchestra kommt er gerade. Glücklich ist er, weil ihm das neue Werk von Mathias Rüegg viel abfordert, ihm andererseits aber auch sehr gefällt. Das in drei Teile – »American Dreams«, »European Visionaries« und »Visionaries And Dreams« - unterteilte Großwerk mit »über drei Millionen Zeichen« (M. Rüegg) sei, so Sokal, »unglaublich, grandios, neu!« Neu und grandios ist auch sein eigenes aktuelles Album Reloaded, eingespielt unter dem Gruppennamen Depart mit seinen altgedienten Gefährten Heiri Känzig (b) und Jojo Mayer (dr). Zwischen 1985 und 1994 hatte das schweizerisch-österreichische Trio schon einmal die Szene aufgemischt. Jetzt wiedervereinigt, ist Sokal des Lobes voll: »Das Schöne am Spiel mit uns ist, dass wir allesamt gereifter sind. Wir kennen einander, können miteinander an die Grenzen des Machbaren gehen und im Vertrauen auf unsere gereiften Persönlichkeiten, im Vertrauen auf unser Können, sogar über diese Grenzen hinweg!« Es hat also durchaus Vorteile, im gereiften Alter Jazz zu spielen? »Ja sicher. Wir bekommen viel Zuspruch, gerade auch von jungen Leuten. Denn wir experimentieren und wagen viel. Außerdem gehören wir nicht zu den Musikern, denen ihr Publikum egal ist. Ich spiele für das Publikum, suche aber auch in der Musik immer das Abenteuer. Das muss sich die Waage halten, dieses Spiel für das Publikum und das Risiko der Musik.«

Wäre Reloaded eine DVD, so ließe sich sein energetisch-gestisches Spiel optisch erleben; und wer es nicht zum JazzFest nach Berlin schafft, dem bleibt die CD als akustischer Trip ins Wunschwunderland des Jazz: Aus »Du liebä Bueb vom Ammital«, einem eidgenössischen Jodler, machen sie einen, wie Sokal lachend erklärt, »bösen Buben«; es gibt einen »Chlüppli Groove«, eine Hommage an Mingus und eine an Eddie Harris, eine Spur Funk, R&B-Grooves und einen Standard. »Das sind sehr viele Stilistiken. Trotzdem hat das Album aber eine gemeinsame Handschrift.«

Diese schöne Visitenkarte des Hans-Koller-Preisträgers 2005 verdeutlicht bestens seine Spielhaltung: »In der Kritik werde ich öfter als ›amerikanischer Saxofonist‹ beschrieben, der nur schnell und mit viel Power spielt. Das kann ich. Aber ich kann auch sehr lyrisch spielen, besonders auf dem Sopransaxofon. Und wenn ich den Jazz liebe, dann heißt das nicht, dass ich nicht auch in anderen Projekten mitmache. Ich spiele Funk, aber auch Rock à la Rolling Stones. Wie ein Chamäleon. Oder besser noch: wie ein Vogel, der durch die vier Jahreszeiten fliegt.« Ein Vogel, der durch die vier Jahreszeiten fliegt, sein Gefieder wechselt, aber eben doch seine Identität als Vogel beibehält.

Der Jazzbird spricht schnell, dabei aber mit sanfter, zurückhaltender Stimme. Selbst seine Sprache, die Melodie seines Sprechens, ist so wienerisch wie jazzig. Sie entspricht seinem Spiel, seiner Lebensart und sinnigerweise seiner Definition von Jazz: »Jazz ist eine Art zu leben, die der Verwirklichung von Menschen einen Sinn gibt, nämlich das Leben mit all seinen Gefühlen widerzuspiegeln.« Sagt’s und fügt ein »Na, so ungefähr!« hinzu. Lässig. Zugleich bestimmt. Und dass er spielt, wie er spricht, spricht, wie er sich bewegt, und sich bewegt, wie er spielt, das macht die Qualität seines Spiels aus. Und die kann durchaus Gänsehaut erregend sein.

Aktuelle CD:
Depart: Reloaded (ACT / Edel Contraire)

Website:
www.harrysokal.co.at