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Anfang der neunziger Jahre galt Myra Melford als der »Shooting Star« der New Yorker Jazzszene. Mit ihrem dynamischen und expressiven Spiel sorgte die Pianistin bei internationalen Festivals für Aufsehen, und ihre Platteneinspielung erntete höchstes Kritikerlob.


Von Christoph Wagner

Mit verschiedenen eigenen Gruppen erkundete sie danach die Potentiale eines Jazz, der sich nicht an die Vergangenheit klammerte, aber auch nicht das Heil in der totalen Improvisation suchte. Strukturen, kompositorische Elemente, rhythmische Linien waren für Melford immer wichtig.

Im Jahr 2000 ging die Pianistin für 9 Monate nach Indien, um ihre Studien des Harmoniums zu vertiefen, jenes Tasteninstruments mit Blasebalg, das in der klassischen Musik des Subkontinents eine so bedeutende Rolle spielt. In diversen Bandprojekten versucht sie seither, ihre indischen Erfahrungen musikalisch umzusetzen.

Christoph Wagner: Wie hat Ihr Studium der Musik Indiens Ihr musikalisches Verständnis verändert?

Myra Melford: Indien hat mich auf verschiedene Weise beeinflusst. Ich bin jetzt einfach vertrauter mit dem Harmonium. Ich spiele nicht wie ein klassischer indischer Musiker, aber ich bekam eine Vorstellung davon, was mit dem Instrument überhaupt möglich ist. Es gab mir eine Entwicklungsrichtung. Der Aufenthalt hat auch meine Kompositionsweise verändert. Ein paar Stücke meines neuen Albums basieren auf Ragas, obwohl ich nicht streng die Regeln befolge. Andere Kompositionen versuchen die Simultanität der Aktivitäten einzufangen, die den Alltag in Indien bestimmen. Wo man sich auch aufhält, es ist immer viel los. Klänge und Geräusche stürzen auf einen ein. Einige der Stücke versuchen das wiederzugeben.

Christoph Wagner: Hat Indien auf Ihr Pianospiel abgefärbt?

Myra Melford: Sobald etwas ein Teil von einem wird, etwa die Spieltechnik des Harmoniums, ist es ganz natürlich, dass diese Techniken auch ins Pianospiel einfließen. Dazu kommt der philosophische Aspekt der indischen Musik: Eine Raga entwickelt sich aus einer einzelnen Note. Dann spielt man die nächste Note. Besser gesagt: Die erste Note offenbart die zweite Note - alles entwickelt sich ganz langsam in einem graduellen Prozess. Nicht, dass das für einen Jazzmusiker völlig fremd wäre. Aber es gab mir eine neue Strategie an die Hand, um den Prozess der Improvisation etwas anders anzugehen. Dazu kommt der Aufbau der Stücke: Zuerst die Präsentation des Themas, das Einfühlen in die Stimmung, dann setzt der Rhythmus ein, nicht zu schnell, danach geht es in ein schnelleres Tempo über. Das ist eine sehr logische Struktur, die man auf alle möglichen Stile anwenden kann.

Christoph Wagner: Wie haben die Musiker Ihrer Band die neuen Ideen aufgenommen?

Myra Meldord: Mein Bassist, Stomu Takeishi, war sehr interessiert. Ihm waren einige der Konzepte und Ideen schon bekannt. Das gilt auch für den Gitarristen, Brandon Ross, sowie den Trompeter Cuong Vu, die beide in meinem Be-Bread-Ensemble spielen. Die Räumlichkeit der Musik war etwas, was sie ansprach, auch, dass sich Stücke in großen Spannungsbögen entwickeln. Joseph Jarman, mit dem ich in einem anderen Ensemble zusammenspiele, war gleichfalls bereit, sich auf diese Ideen einzulassen. Er praktiziert seit Jahren Meditation und ist von modaler Musik fasziniert, wo es Verbindungen zu indischer Musik gibt. Ich würde gerne ein paar indische Musiker finden, die an westlicher Improvisation interessiert sind und nicht so streng der Tradition folgen. Mit solchen Musikern könnte eine Zusammenarbeit sehr fruchtbar sein. Es könnte wunderbare neue Musik entstehen. Ich habe die Hoffnung, dass ich in meiner neuen Heimat der Bay Area, wo viele Inder wohnen, solche Musiker finden werde.

Christoph Wagner: Sie sind mit diversen Gruppen aktiv, wobei ihre Gruppe Be Bread momentan wohl Ihr Hauptprojekt ist. Wie funktioniert die Band?

Myra Melford: Die Rhythmusgruppe von Be Bread ist fest: Stomu Takeishi spielt elektrische und akustische Bassgitarre und Elliott Kavee ist der Drummer. Die Melodieinstrumente wechseln: Entweder ist Cuong Vu dabei, der Trompete spielt und Electronics einbringt, oder Brandon Ross auf der elektrischen Gitarre und dem Banjo. Für mein Harmoniumspiel ist es wunderbar, von elektronischen Ambient-Sounds umgeben zu sein, die zum Repertoire der Band gehören. Mit diesem Pool von Musikern spiele ich noch in verschiedenen akustischen Konstellationen unter dem Namen The Tent zusammen. Außerdem arbeite ich mit einer Gruppe von Butoh-Tänzern in New York zusammen, unter dem Namen Knock on the Sky. Darüber hinaus spiele ich weiterhin mit Equal Interest, dem Trio mit Joseph Jarman und Leroy Jenkins, auch gibt es ein Duo mit Marty Ehrlich. Da ich jetzt in Berkeley/Kalifornien wohne, wo ich an der Universität unterrichte, hat sich eine Kooperation mit Mark Dresser ergeben, der in San Diego lehrt. Wir spielen in einem Trio mit dem Drummer Matt Wilson. Ich denke auch zusammen mit dem Klarinettisten Ben Goldberg über eine kleine akustische Gruppe nach, die sich nicht so stark am Jazz orientiert, sondern eher an Folkmusik, und in der ich mehr Harmonium spielen möchte. Dazu kommt, dass ich mich stark für die neuen Möglichkeiten elektronischer Musik interessiere. Kurzum: Es gibt unendlich viel zu tun!

Christoph Wagner: Sie haben erwähnt, dass Sie von New York nach Kalifornien umgezogen sind, um einer Lehrtätigkeit nachzugehen. Welche Fächer stehen auf dem Stundenplan?

Myra Melford: Das Fach, das ich unterrichte, ist Improvisation. Der Inhalt ist offen. Ich kann meine eigenen Ideen verwirklichen. Das ist eine Möglichkeit für mich, tiefer in Konzepte einzudringen, die mich schon immer fasziniert haben, die ich aber nie wirklich bis ins letzte Detail ausgelotet habe. Dieses Semester befassen wir uns mit Leuten, die Strategien und Systeme für die Improvisation entwickelt haben. Ich beschäftige mich erneut mit den Konzepten von Anthony Braxton. Dann arbeiten wir mit einer graphischen Partitur von Fred Frith, auch mit einem »Game Piece« von John Zorn. Letztes Jahr haben wir uns mit Henry Threadgill und Dave Douglas auseinandergesetzt und die Improvisationsweise des Art Ensemble of Chicago beleuchtet. Der Unterricht gibt mir die Möglichkeit, die Studenten mit Dingen bekannt zu machen, die für mich über die Jahre wichtig waren. Meine Studenten setzen sich damit ganz unbefangen und unvorbelastet auseinander. Sie finden Zugänge, die mich immer wieder verblüffen und auch neu für mich selbst sind. Ich profitiere viel davon. Viele meiner Studenten arbeiten an ihren Promotionen im Fach Musikethnologie. Jeder spielt ein Instrument. Letztes Jahr war in meiner Klasse ein fantastischer Oud-Spieler, der in der Türkei Feldforschung betrieben hat. Oder es gibt eine Japanerin, die Akkordeon spielt und auf zeitgenössische Musik spezialisiert ist. Solche Studenten bringen interessante Impulse ein und öffnen auch meine Ohren für Neues.

Christoph Wagner: Sie haben von einem neu erwachten Interesse an Folkmusik gesprochen. Woher kommt diese Faszination?

Myra Melford: Die kommt aus meiner Familie. Meine Großeltern stammten aus Irland, weshalb ich von klein an von irischer Musik umgeben war: Dudelsack-Klänge, Fiddle-Melodien. Bei uns daheim wurde daneben viel Countrymusik gehört. Meine älteren Geschwister waren Bluegrass-Fans. Ich hörte keinen Jazz, bevor ich aufs College kam. Als Teenager nahmen mich meine älteren Geschwister gelegentlich zu Ausflügen nach Downtown Chicago mit, wo wir mit alten Bluesmusikern rumhingen. Ich mochte den ländlichen akustischen Countryblues allerdings immer lieber als den elektrischen urbanen Rhythm & Blues. Zudem hörte ich viel unbegleiteten Gospelgesang. Das Interesse an Folkmusik durchzieht meine Biographie. Dazu passt, dass ich mich eigentlich nicht als Jazzmusikerin verstehe. Natürlich kommen Elemente meiner Musik aus dieser Tradition, doch weil ich nie Mainstream-Jazz gespielt habe, waren immer Anklänge an Folk in meiner Musik präsent. In manchen meiner Kompositionen kam das in der Vergangenheit schon durch, und ich habe im Moment das Bedürfnis, tiefer darin einzutauchen. Es hat mit dem Drang zu tun, Musik immer wieder anders anzugehen. Als ich mit Jazz anfing, fand ich sehr schnell Zugang zum Experimentalismus, der aus den 60er Jahren hervorgegangen war. Das war ein neuer unbekannter Planet für mich für viele Jahre. Dieses Bedürfnis, die Musik immer neu zu betrachten und frische Zugänge zu finden, ist bis heute in mir lebendig geblieben.

Aktuelle CD:
Myra Melford - Be Bread: The Image of Your Body. (Cryptogramophone / Al!ve)

Zum Weiterhören:
Myra Melford - The Tent: Where the Two Worlds Touch (Arabesque Recordings AJ 0159)