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»Zu viel für das, was man von mir verlangt, zu wenig für das, was ich leisten könnte.« Mozart über seine kaiserliche Apanage im Jahr 1788
Anything sounds. Fetzen mozartscher Musik flattern mit einem durchgeknallten Plattenspieler wie besoffene Kleidermotten unterm Stroboskop sich hektisch abwechselnder Modi und Stile, eine irrlichternde Arena, in der das Uri Caine Ensemble seine musikalische Achterbahnfahrt zwischen Irrsinn und Methode veranstaltet, genau richtig für eine Senioren-Kaffeefahrt ins Mozartkugelglück.


Von Henry Altmann

Es musste ja (noch) kommen. Das so genannte »Mozart-Jahr« konnte nicht zu Ende gehen, ohne dass noch einer von sich hören ließe, der wie kein anderer Jazzer der Gegenwart einen Teil seines Schaffens dem Ziel gewidmet hat, mit den Mitteln des postmodernen Jazz der Musik von Barock, Klassik und Romantik beizukommen. Vor 20 Jahren ließ Uri Caine aufhorchen, als er das jüdische Moment in Mahlers Musik von innen nach außen kehrte, er kroch Robert Schumann unter den Seelen-Rock und wurde in seiner Adaption der Bachschen Goldberg-Variationen zum BarRocker. Und nun also an Mozart gescheit gescheitert. Hier wird sich nicht groß am musikalischen Inhalt aufgehalten, hier wird vorgeführt, wie geschwind in der Zirkusarena der adaptiven Künste gehüpft werden kann.

Für andere seiner Klassik-Anverwandlungen betrieb Caine zum Teil umfangreiche Recherchen. Die Erkenntnisse bildeten dann die Grundlage seines adaptiven Zugriffs. Für Plays Mozart ging der Pianist eher eine Außenbeziehung ein, ein Fremdgehen sozusagen an der eigenen Methode, las er zwar ein wenig über den Komponisten, ließ sich aber ansonsten vom Ohrenscheinlichen leiten und belässt es, ungeachtet aller handwerklicher und musikalischer Qualität, bei einer atmosphärischen Übersetzung Mozartscher Musik in die musikalischen Jetztmittel, vulgo: Mach Blues aus Adagio und einen Donald Duck aus der Königin der Nacht. Neue Aspekte, wie sie uns Caine etwa mit seinen Adaptionen von Mahler- oder Schumann-Werken hat vermitteln können, bleiben hörbar außen vor. Tatsächlich entstand das Projekt als Auftrag der Universität von Mexiko City. »Ich war zunächst sehr vorsichtig damit. Die Musik ist perfekt, so wie Mozart sie schrieb. Es fiel schwer, sich vorzustellen, wie man die verändern könnte, wie ich es bei anderen meiner Projekte machte. Aber wir hatten so viel Spaß daran, die Sachen dort zu spielen, dass ich das ganze Projekt begann, indem ich einfach mit dieser Klaviersonate herumspielte.«

Die Auswahl vollzog sich rein nach persönlichem Gusto. »Das meiste davon kenne ich selbst sehr lange, so dass ich leicht damit arbeiten konnte. Das funktioniert im Übrigen nicht nur für mich, sondern auch für das Publikum besser. Wenn du vertraute Musik spielst, gehst du damit auf andere Art und Weise um als mit dir weniger bekannter. Und die Leute bekämen in letzterem Fall auch nicht wirklich mit, was du da treibst. Ich habe mir einfach überlegt: Was passiert eigentlich, wenn ich diesen oder jene Teil als Grundlage für eine Improvisation mache? Oder es mit dieser Gruppe in jenem Groove spiele?«

Plakatives Beispiel: Mozarts »Türkisches Rondo« aus dessen A-Dur-Klaviersonate KV 331 - Ende des 18. Jahrhunderts war der Westen von einer regelrechten Manie für das Orientalische ergriffen. Mozart hatte sich schon für seine Oper Die Entführung aus dem Serail an der osmanischen Janitscharenmusik orientiert, zum Beispiel die Becken türkischer Militärkapellen in sein Orchester übernommen. Der Mozart-Hit bekommt bei Caine noch einen Arab-Touch draufgesetzt: DJ Olive lässt einen Muezzin aus den Turntables steigen, Chris Speed im offensichtlichen Orient-Gestus die Klarinette flirren, das Mozart-Thema wird hernach im 5/4-Takt gegeben, um durch das ungerade Metrum weiter in die Levante zu kommen und finalment im funkigen 4/4 zu Ende gebracht.

Auch in den Adaptionen von Sätzen der beiden letzten Mozart-Sinfonien, weniger plakativ, ließ sich Caine ganz ungeniert von der musikalischen Oberfläche becircen. »Im langsamen Satz der 41. Sinfonie gibt es diese Stelle, an welcher der harmonische Ablauf chromatisch nach oben geht. Das wollte ich ein wenig ausweiten und einige Soli hinzufügen. In der 40. Sinfonie gibt es verschiedene Abschnitte, die mehr oder weniger auf einem Akkord bleiben und in denen die Tonalität vorgestellt wird. Oder es gibt, wie in anderer Musik dieser Zeit, eine Exposition, die durchgeführt, weiterentwickelt oder wiederholt wird. Diese Durchführung ist der Teil, an dem wir zu improvisieren beginnen, so wie auch Mozart die Themen auf verschiedene Weise variiert und durch andere Harmonien geführt hat. Dann setzt die Gruppe wieder mit dem Originalmaterial ein. Wir folgen irgendwie schon der Form, geben aber dem Improvisierenden die Möglichkeit, sich einzubringen.«

Am besten funktioniert der Hüllenzugriff für das Ensemble im A-Dur-Klarinettenquintett, das sich von seinem spontanen Charakter her trefflich dafür eignet. Wie in keinem anderen Stück auf der Plays Mozart-CD gehen hier Original und Improvisation/Interpretation eine innige, fast ununterscheidbare Verbindung ein. Das eine atmet den anderen und bleibt sich doch eigen. Und wie der Solopianist Caine über die allbekannte C-Dur-Klaviersonate herfällt, lässt den Klassik-Punk Mozart wiederauferstehen, den uns Milos Forman in seinem Amadeus-Film so plastisch vor Augen geführt hat.

In den letzten Jahren scheinen in der jazzmusikalischen Breite immer mehr Musiker Geschmack an der Klassik gefunden zu haben; auf die eine oder andere mehr oder minder gelungene Weise. Wie beobachtet diese Entwicklung einer wie Caine, der sich selbst seit 20 Jahren intensiv mit den Werken klassischer Komponisten beschäftigt? Fühlt er sich eher bestätigt oder abgestoßen? »Beides. Zunächst einmal gibt es ja im Jazz eine lange Tradition nach anderen Strukturen als Grundlage für die Improvisation zu suchen. Für mich begann das mit Mahler, als sich das Ensemble bildete und die Improvisierenden für ihre Solos eine andere Grundlage, eine andere Form, erhielten. Wenn ich das mache, dann um mir eine Herausforderung zu schaffen. Und jedes Mal versuche ich das auf eine andere Weise. Gleichzeitig aber möchte ich natürlich meine eigene Musik verfolgen. Unter diesen Umständen, gerade was das Aufnehmen betrifft, ist es vielleicht an der Zeit, sich mehr auf die eigenen Sachen zu konzentrieren.«

Trotzdem nachgefragt: Fehlt noch ein - vielleicht gar zeitgenössischer - Komponist in der Sammlung? »Viele. Ich habe zum Beispiel vor zwei Monaten in Ungarn ein Projekt gemacht, das auf Bartóks Musik basierte. Da war vieles aber vom Copyright her gar nicht erlaubt. Also haben wir das so gelöst, dass wir gesagt haben: ›Ok, wir nehmen viel von der ungarischen Volksmusik, die Bartók selbst ja gesammelt und in seinen Kompositionen benutzt hat, und bauen die auf unsere spezielle Art und Weise um.‹ Es war also nicht wirklich Bartóks Musik, aber Musik, die Bartók erforscht und verwendet hat. Vieles aus der zeitgenössischen Musik, das mich interessieren würde, eben Bartók oder auch Strawinsky, wird halt noch vom Urheberrecht geschützt.«

Irgendwann wird sich dann womöglich eine spätere Jazzgeneration an die Adaption der Caineschen Adaption einer Bartókschen Adaption eines ungarischen Volksliedes machen. Auch Caine sieht - getreu dem Ausspruch Salvadore Dalís, »Diejenigen, die nicht zu stehlen wissen, werden auch nichts Neues hervorbringen« -, dass »dieser Prozess ja oft in der Geschichte der Kunst stattgefunden hat. Auch in der klassischen Musik. Mozart wird heute auf eine Weise gespielt, wie er selbst wohl nie gespielt hat, die Instrumente sind verschieden, das Spielkonzept hat sich verändert. Und gerade im Jazz gab es immer die Idee, die Improvisation dazu zu benutzen, etwas Bestehendes zu verändern oder gar zu zerstören, um etwas Neues zu schaffen. Das läuft auch bei uns immer noch in dieser Art Tradition.«

Aktuelle CD:
Uri Caine Ensemble: Plays Mozart (Winter & Winter / edel classic)