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Neben seinen Alben mit der Pat Metheny Group, die wohl zu den komplexesten Werken gehören, die derzeit im weiteren Umfeld des Jazz entstehen, hat Pat Metheny auch immer gern begleitete oder unbegleitete Duo-Alben mit seinen Lieblingsmusikern gemacht. Die Aufnahmen mit Lyle Mays, John Scofield, Jim Hall oder Charlie Haden haben stets ein ganz eigenes Flair entfaltet, das die Klangwelten eines Pat Metheny mit denen seines jeweiligen Partners auf einem noch höheren Level zusammenführte. Die Kollaboration mit Pianist Brad Mehldau löst hingegen einen gewissen Verdacht aus.
Von Wolf Kampmann

Bild: Michael Wilson

Wenn sich Pat Metheny und Brad Mehldau ein CD-dokumentiertes Techtelmechtel liefern, treffen nicht einfach zwei neutrale Musiker zusammen, sondern die beiden bestverkaufenden Jazz-Artisten des Labels Nonesuch. Das klingt zunächst nach einer typischen Produzenten-Idee, was die beiden Protagonisten natürlich vehement bestreiten. Doch auch beim Hören der Stücke von Metheny Mehldau (dem ersten von zwei Alben, die bei derselben Session entstanden sind), drängt sich immer wieder der Eindruck auf, beide würden mit angezogener Handbremse agieren. Wohlwollend kann man ihnen bescheinigen, im gemeinsamen Spiel zu einer neuen Identität zu verschmelzen. Man könnte ihnen jedoch auch unterstellen, sich hinter der Musik zu verstecken und nur bestimmte Aspekte ihrer Persönlichkeit zuzulassen. Vielleicht ist ihr musikalisches Niveau einfach nur zu hoch, um zu zweit die Reibung auszulösen, die beide sonst in ihren jeweiligen Kontexten antreibt. Falls so etwas überhaupt aufgekommen sein sollte – und das darf man Metheny und Mehldau getrost glauben –, so haben sich die beiden in der Euphorie der gemeinsamen Spielerfahrung vielleicht etwas zu früh zufrieden gegeben. Doch halten wir uns nicht mit Spekulationen auf, sondern lassen wir Herrn Metheny selbst zu Wort kommen.

Wolf Kampmann: Manchmal habe ich den Eindruck, ich höre mehr den Schatten der Musik als die Musik selbst.

Pat Metheny: Für mich gibt die Platte ein sehr klares Bild dessen wieder, was passierte. Alles geschah in sehr kurzer Zeit. In ganz wenigen Tagen nahmen wir das Material für zwei komplette Alben auf. Ich hatte auch nur 14 Tage, um die Musik zu schreiben. Das heißt, ich war 24 Stunden täglich mit dieser Musik beschäftigt. Die Möglichkeit, mit Brad zu arbeiten, war jedoch sehr stimulierend. Brad ist insofern ein einmaliger Musiker, als er alles, was er spielt, nahezu immer perfekt spielt. Der einzige Musiker, von dem ich das auch behaupten kann, ist Gary Burton. Sein musikalisches Level grenzt für mich an Unglaublichkeit. Obwohl ich größtenteils mit ganz neuen Kompositionen ins Studio kam, entstanden die meisten Aufnahmen in einem einzigen Take. Diese Erfahrung war so intensiv wie ein Laserstrahl. Wir spielten gar nicht so viel, aber wenn ich abends nach Hause kam, war ich total erschöpft.

Wolf Kampmann: Ich habe den Eindruck, die CD ist weder eine Pat-Metheny- noch eine Brad-Mehldau-Platte. Sie ist etwas völlig anderes.

Pat Metheny: Das wäre ja zunächst mal nicht schlecht. Ich empfand dieses Projekt als sehr erfrischend. Es hatte fast den Charakter einer absoluten Wiederentdeckung. Brad vermochte ohne jeden Aufwand in die Dinge einzudringen, die ich spielte. Mit Gitarre und Piano ist das nicht gerade einfach. Im Zusammenspiel dieser beiden Instrumente sind so viele Tretminen versteckt, dass man alle paar Meter hochzugehen droht. Ich ging also in diese Situation mit der Einstellung: Okay, ich treffe einen sehr entwickelten, harmonisch anspruchsvollen Pianisten. Aber das spielte gar keine Rolle. Wir beide konnten uns voll ausspielen, ohne Kompromisse eingehen zu müssen. Es war kein Tanz auf der Eierschale. Wir brauchten keinerlei gegenseitige Erklärungen. Ohne dass wir vorher miteinander gespielt hätten, konnte ich machen, was ich wollte. Es passte einfach. Die Musik erschien uns sehr transparent. Wir gelangten ganz schnell und direkt zu den logischen Grundsätzen der Musik. Diese Platte ähnelt Question And Answer [mit Dave Holland und Roy Haynes]. Was man auf der Platte hört, ist wirklich die Geburt unseres gemeinsamen Spiels.

Wolf Kampmann: Musstest du dich tief in die Sprache Brads vergraben, um die Stücke zu schreiben?

Pat Metheny: Ich bin Fan von ihm, seit er in Josh Redmans Band auftauchte. Ich habe all seine Platten verfolgt. Von allen Musikern, die jünger waren als ich, war Joshs Gruppe mit Brad, Brian Blade und Christian McBride die erste, in der ich alles wiederfand, was ich an Musik liebe. Bei den meisten Musikern ihrer Generation hatte ich das Gefühl, sie wären älter als ich, weil sie so neokonservativ waren. Bei Joshs Gruppe stimmte auf einmal alles, und seitdem habe ich engen Kontakt zu allen von ihnen. Josh hatte mich bereits gewarnt, dass er einen neuen Pianisten hätte, der mich umhauen würde. Dann hörte ich ein Solo von ihm im Auto und musste an den Rand fahren, weil ich dachte, endlich spielt mal jemand wie er.

Wolf Kampmann: Brad ist 15 Jahre jünger als du. Was teilt ihr und wo ergänzt ihr euch?

Pat Metheny: Sein chronologisches Verhältnis zu mir entspricht dem, das ich gegenüber Herbie Hancock, Charlie Haden oder Jack DeJohnette habe. Das ist ein interessanter Altersunterschied. Man ist jünger als die anderen und gehört irgendwie doch zu ihnen. Inzwischen bin ich 52. Ich habe gerade erst mit Herbie darüber gescherzt, dass ich irgendwann der Junge war, und all die anderen waren die Älteren. Jetzt spielt das überhaupt keine Rolle mehr. Brad ist gerade 36 geworden. Er ist nicht mehr 21 wie damals, als ich ihn kennen lernte. In seiner Art zu spielen kann ich hören, dass sie mit meinen Platten aufwuchsen. Die Musiker seines Umfelds haben meinen Puzzle-Stein in ihrem Puzzle-Stein absorbiert. Ich bin froh über jede Chance, mit den Musikern zu spielen, die ich auf Platte hörte, als ich ein Teenager war. Vielleicht geht es Brad genauso.

Wolf Kampmann: Was bedeutet es konkret, mit Brad Mehldau, Larry Grenadier und Jeff Ballard zu spielen?

Pat Metheny: Bei mir ist das so eine Sache. Ich bin zwar sehr kollaborativ, aber auch sehr wählerisch, was meine Mitmusiker betrifft. Ich muss immer eine gewisse Geistesverwandtschaft spüren. Sonst sehe ich keinen Sinn darin, mit jemandem zu spielen. Ich muss bereits vorher hören, was ich von einem Musiker lernen könnte. Von Brad kann ich sehr viel lernen. Es gibt nur ganz wenige Musiker von Brads Intensität. Wahrscheinlich kommt das von seinen intimen Kenntnissen westlicher Klassik, die er erfolgreich in einen improvisierten Zusammenhang einbringen kann.

Wolf Kampmann: Ist diese Platte somit der Beginn einer musikalischen Beziehung, die sich noch vertiefen wird?

Pat Metheny: Wir werden ungefähr 50 oder 60 Konzerte im nächsten Jahr geben. Diese Beziehung ist ganz anders als alle Dinge, die ich bisher getan habe. Ich habe zwar an zahlreichen Gemeinschaftsprojekten teilgenommen, aber das ist eine fertige Band. Nicht nur irgendeine komplette Band, sondern wahrscheinlich eine der fünf besten Gruppen im zeitgenössischen Jazz. Auf diesem harmonischen Level gibt es noch das Keith Jarrett Trio und maximal zwei andere Gruppen. Eine Formation, die so eng und lange zusammenspielt, entfaltet ihre eigene Kultur. Ich habe ganz offene Erwartungen an diese Tour.

Wolf Kampmann: Larry Grenadier war ja auch einmal in deinem Trio. Hattet ihr das Gefühl, diesen Bassisten zu teilen?

Pat Metheny: Ich wurde auf Larry aufmerksam, als er in Brads Gruppe spielte. Ich kannte ihn zwar schon aus der Gruppe von Gary Burton, aber erst in Brads Band wurde mir bewusst, dass er wirklich auch zu mir passen würde. Die Band mit Larry und Bill Stewart war eine der besten Gruppen, die ich je hatte. Es war damals schon ganz leicht für mich, mit Larry im Studio zu arbeiten. Seit einiger Zeit sind ja die Drummer immer substantieller für mich. Aus irgendeinem Grund hatte ich noch nie mit Jeff Ballard gespielt. Ich war sehr gespannt, wie es funktionieren würde, aber auch mit ihm konnte ich auf Anhieb kommunizieren. Eine unserer Herausforderungen wird darin bestehen, dass sie ganz weich spielen und ich sehr laut. Wir werden uns irgendwo in der Mitte treffen müssen.

Wolf Kampmann: Gab es nicht technische Probleme mit akustischem Piano und elektrischer Gitarre bei den Aufnahmen?

Pat Metheny: Das ist immer die Herausforderung. Akustisches Piano und elektrische Gitarre können gut miteinander harmonieren, aber meistens funktioniert es nicht. Es geht nur gut, wenn die beiden Musiker ihre Instrumente nicht so sehr als Instrumente, sondern eher im orchestralen Sinne sehen. Meine Beziehung zu Lyle Mays funktioniert seit mehr als 20 Jahren so gut, weil es stets genau um diese Frage ging. Brad ist wirklich der einzige andere Pianist, mit dem ich auf diese orchestrale Weise spielen kann. Ich habe auch mit anderen Pianisten gespielt, aber dafür musste ich andere Wege suchen. Wenn man in diesem orchestralen Sinne denkt, kann man mit jedem Instrument kommunizieren, denn dann geht es viel mehr um Stimmführungen und Schichtungen. Es funktioniert mehr wie Kammermusik als wie Bebop, auch wenn die Sprache des Bebop diese Fragen ebenfalls berührt.


Aktuelle CD:
Pat Metheny & Brad Mehldau: Metheny Mehldau (Nonesuch / Warner)