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Sie galten immer wieder als Indikatoren für den Zustand des Jazz: Klaviertrios von Teddy Wilson über Hank Jones, Oscar Peterson bis zu Bill Evans. Seit die 1960er das demokratisierte Interplay als Messlatte eingeführt hatten, schien die klassische Form gefunden – bis eine junge Generation mit Brad Mehldau, dem Esbjörn Svensson Trio oder das Genre aus seinem Dornröschenschlaf weckte.


Von Tobias Richtsteig

Bild von Steve Haberland

In Hamburg meldet sich jetzt ein Schwede mit seinem Trio zu Wort und fesselt mit einem Mix aus lyrischen Melodien und einer ausdrucksstarken Dynamik ein stetig wachsendes Publikum. Diese Fangemeinde - abseits der etablierten Jazzclubs im Durchschnitt etwa 25 Jahre alt – überzeugte Bernd Skibbe von Skip Records dann auch, Skagerrak, das Debüt-Album des Tingvall Trio zu produzieren. »Wir spielten im Bucchaneer Country Club unten am Hafen, und die Leute gingen richtig ab. Eben nicht nur das normale Jazzpublikum«, erzählt Martin Tingvall. Und erklärt auch gleich, woher die mitreißende Energie seiner Musik stammt. »Ich komme eigentlich aus dem Rock«, erzählt der Pianist »Meine erste Band, das war so AC/DC-Zeug, Whitesnake, da habe ich ein paar Töne Orgel gespielt. Ein guter Freund, der Gitarrist Anders Nilsson, gab mir dann The Real McCoy, das war der entscheidende Punkt. Das ist ja unfassbar: pure Energie, jeder Ton. Dadurch bin ich auf Joe Henderson gekommen, der spielt da mit; und dann Coltrane A Love Supreme – und von da an gab es keinen Weg zurück.«

Energie ist ein wichtiger Parameter für Martin Tingvall. Wie ein Sturm treibt er oft die Melodien vor sich her, lässt dann und wann eine spielerische Böe aufwirbeln, auf dem Weg zum Gipfel einer Steigerung, die eben noch ganz balladesk begann. »Sjörup«, der Opener des Albums, ist so ein Titel: eine kleine Melodie, zunächst auf dem Klavier ausprobiert, dann auch von Bass und Drums aufgenommen; und nach rund fünf Minuten scheint das Klavier an den Grenzen seiner Ausdrucksmittel angelangt, bevor es noch 40 Sekunden lang ausklingt.

Skagerrak hat Martin Tingvall das Album genannt, nach der Meerenge zwischen Jütland und Norwegen, in der Nord- und Ostsee aufeinanderstoßen. »Ich liebe das Meer, in Malmö habe ich fast am Strand gelebt. Den Skagerrak stelle ich mir imposant vor: Zwei Meere treffen sich, und ihre Strömungen werfen Wellen in der Mitte des Meeres auf. Drumherum ist große Ruhe, aber es gibt auch große Stürme.« Die Weite skandinavischer Landschaften ist ein gutes Bild für die Arbeit im Trio. Jeder Mitspieler erhält möglichst viel Raum, um Eigenes beizutragen, und doch folgt alles einem Pfad – und den gibt Martin Tingvall vor. »Ich genieße es, die erste Stimme zu sein, mir Zeit zu lassen. Im Trio spiele ich ein paar Klänge, und das geht raus, es entsteht eine Weite, mehr muss ich nicht spielen.« Martin Tingvall kann sich auf seine zwei Partner verlassen, die Chemie im Tingvall Trio ist eine ganz besondere: Den Schlagzeuger Jürgen Spiegel lernte Martin Ende der 1990er in Groningen kennen, und als Tingvall zu Besuch nach Hamburg reiste, war es die einladende Wohngemeinschaft mit dem Trommler und Freund, die ihn zum Bleiben bewegte. Spiegel war nicht nur in der Band von Audrey Moutaung, sondern auch als Studiomusiker beim Pop-Major Universal gut beschäftigt, und so ergaben sich auch für Martin Tingvall zunächst zahlreiche Jobs in Top-40-Bands: immer wieder beliebte Arbeitsplätze für Jazzmusiker.

Als Netzwerker konnte Martin Tingvall zum Beispiel auch den kubanischen Bassisten Omar Rodriguez Calvo in der Begleitband des Soul-Duos Orange Blue unterbringen. Gemeinsam spielten sie dann auf Tournee vor 70.000 Zuschauern und an freien Tagen zum Spaß im Trio. Martin Tingvall wählte eine Hand voll griffiger Melodien aus seinen Notizbüchern, und gemeinsam entwickelten die drei unterschiedlichen Musiker den Sound des Tingvall Trio: ein Fundament aus modernen Popgrooves, darüber ein smooth singender Latin-Bass (der auch uptempo bewundernswert präzise intoniert) und Melodien, die gleichzeitig popkompatibel einfach scheinen und auch jederzeit offen für romantischen Überschwang sind.

Kein Wunder, dass sich Zuhörer zum Fantasieren über Urlaub in schwedischen Blockhütten eingeladen fühlen: Blonde Kinder buddeln am Strand oder hecken Streiche aus, Mama ist gebannt vom Thrill eines bizarren Kriminalromans und Papa genießt: kein Stau, keine Termine. Martin Tingvall sieht seine Musik nicht im Widerspruch zu solchen Postkartenbildern. »Die Klischees von der schwedischen Idylle sind da, und oft steckt ja auch was dahinter. Eine Ingredienz, die wir vergessen haben beim Reden über den skandinavischen Sound, das ist die schwedische Volksmusik. Sie prägt die gesamte schwedische Musik, nicht nur den Jazz, auch Pop, Rock - alles.« Man singt gerne in Schweden, und diese ungebrochene Tradition inspiriert wohl auch den Melodienreichtum, der die 14 Titel auf Skagerrak zusammen mit ihrem unwiderstehlichen Drive zu regelrechten Ohrwürmern werden lässt.

Natürlich zielt Martin Tingvall mit seinem Debüt-Album ganz bewusst auf ein größeres Publikum. »Wir hoffen, dass es ein Erfolg wird. Das macht mir auch total viel Spaß, diese Stücke wie ›Norland Guld‹ zu spielen. Aber ich würde auch gerne eine Balladen-Platte machen, oder nur frei, mit Klängen, da gibt es genug Songs von mir. Aber dann wird es schwieriger. Irgendwann kann man das machen. Zum Beispiel, wenn man es vergleicht mit dem Bobo Stenson Trio: Was die machen, das ist ja fantastisch, aber das ist auch für den kleineren Kreis. Das würde zum Beispiel meinen Bruder nicht ansprechen.«

Den jungen Schweden als One-Hit-Wonder anzusehen, würde das musikalische Potenzial des Martin Tingvall (und seines Trios) grob unterschätzen. In Schweden hat er sich im Quartett KAIL mit dem bekannten Saxofonisten Joakim Milder als Pianist bekannt gemacht. Eine CD-Veröffentlichung scheiterte nur an der Finanzierung, aber das Quartett gewann den Pulsslag-Preis des Svenska Jazzriksförbundet: eine gut gebuchte Clubtour mit bereitgestelltem Tourbus, festen Gagen, Presseberichten und einer Stunde Konzert im öffentlichen Rundfunk.

Und dass Martin Tingvall Skagerrak eher als gelungenen Ausschnitt der »Work in Progress« mit seinem Trio ansieht - anstatt als Hitproduktion, die jetzt nur noch promotet werden muss -, macht er im Interview ausgerechnet am D&B-Groove von »Movie« deutlich: »Das Stück ist zum Beispiel ganz anders als gedacht, wir hatten da große Probleme. Wir dachten: ›Das ist einfach, One Take, das war’s. Und wir machen’s ganz anders. Omar, mach Pause, wir machen das. Jürgen, eins, zwei, drei, vier.‹ So haben wir den Anfang als Duo aufgenommen – und das war der Take. Diese Spontaneität wollten wir auch auf der Platte haben, reinspringen ins Meer, mal sehn, wohin die Musik führt.«

Aktuelle CD:
Tingvall Trio: Skagerrak (Skip Records / Soulfood)

Website:

www.tingvall-trio.de
www.skiprecords.com