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In Großbritannien hat der Saxofonist Tony Kofi einen unvergleichlichen Karrierestart hingelegt. Gleich sein erstes Album All Is Know erhielt den renommierten BBC Jazz Award als »Album des Jahres«. Mit dem Nachfolger Future Passed geht Kofi dennoch in eine ganz andere Richtung.

Von Rolf Thomas

Selten erlebt man Interviewpartner, die gleich so drauflossprudeln. Auf die ganz allgemein gehaltene Eingangsfrage, wie Kofi denn zum Jazz und zu seinem Instrument gefunden habe, erzählt der Mann mit Begeisterung eine längere Geschichte, die wegen ihrer Originalität hier einmal in voller Länge zitiert werden soll: »Ich habe Zimmermann gelernt«, erzählt Tony Kofi. »Mit sechzehn fiel ich beim Arbeiten vom Dach, und zwar vom dritten Stock. Ich dachte noch: Das war’s, jetzt wirst du wohl sterben. Dann zogen unglaubliche Bilder und Vorstellungen vor meinem inneren Auge vorbei. Ich sah Bilder aus der ganzen Welt, von meiner Familie, meinen Freunden, von Kindern, die ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht hatte und dann ein Bild von mir, wie ich Saxofon spiele. In dem Moment dachte ich, wenn ich überlebe, werde ich mein Leben ändern und zwar radikal. Ich will ein professioneller Saxofonist werden. Meine Eltern und meine Freunde konnten das natürlich nicht verstehen.«

Tony Kofi überlebt, beendet sein Zimmermannsdasein und besorgt sich ein Altsaxofon. »Normalerweise hat man immer nur eine Chance im Leben«, meint er, »und ich hatte zwei. Nimm einmal die Fruchtfliege. Sie wird geboren und hat nur einen Tag zu leben. Alles, was sie tun möchte, muss sie an diesem einen Tag erledigen. Deshalb mache ich alles im Leben so, als ob es mein letzter Tag auf Erden sei.«

Im Gegensatz zu vielen seiner aktiven Kollegen ist Tony Kofi Autodidakt. »Ich konnte mir keinen Unterricht leisten«, sagt er. »Aber ich habe schon frühzeitig die Jazzplatten meiner Eltern gehört. Sie kommen aus Ghana und waren begeisterte Jazzfans. Da war alles dabei: Dizzy Gillespie, Louis Armstrong, Fats Waller. Ich habe einfach mit den Platten mitgespielt und war dabei sehr ehrgeizig, weil ich genau wusste, dass ich das Leben nicht mehr einfach an mir vorüberziehen lassen wollte.«

Das musikalische Interesse, das im kleinen Kofi wohl immer schon vorhanden gewesen sein muss, ist in der Schule nicht gerade gefördert worden. »Aus der Musikklasse wurde ich hinausgeworfen«, lacht er. »Sie steckten mich stattdessen in den Holzarbeitskurs. So kam es dann auch, dass ich mich zur Zimmermannsausbildung entschloss.«

Nach ein paar Monaten intensiven Übens erhält Tony Kofi dann schließlich professionelle Bestätigung für den eingeschlagenen Kurs. »David Murray hat bei uns in der Gegend gespielt, und ich bin natürlich hingegangen«, berichtet er. »Nach dem Konzert bin ich hinter die Bühne, um Murray zu sagen, dass ich eines Tages mit ihm spielen werde. Im Nachhinein kann ich mich über mein Selbstbewusstsein nur wundern: Da stand ich, ein siebzehnjähriger Knirps mit einem kleinen Plastiksaxofon und erzählte dem großen David Murray, was ich eines Tages für ein toller Musiker sein würde. Aber Murray war klasse, er sagte: ›Mein Sohn, wenn du hart genug übst, gibt es nichts, was dich aufhalten könnte.‹«

Mittlerweile hat Tony Kofi übrigens oft genug mit David Murray auf der Bühne gestanden. »Es dauerte dann aber zehn Jahre, bis ich mich als professionellen Musiker empfunden habe«, meint Tony Kofi. Das war ungefähr Mitte der neunziger Jahre und zu diesem Zeitpunkt wurde bei Tony Kofi auch schon der Keim zur aktuellen Produktion Future Passed gelegt. Zusammen mit der US-Band Us 3 spielte Kofi beim Fuji Jazz Festival, wo er auch einen Auftritt von Lou Donaldson mit Dr. Lonnie Smith sah. »Der Sound der Hammond-Orgel hat mich damals schon umgehauen«, erzählt der Saxofonist. »Später haben Us 3 dann auch zusammen mit Dr. Lonnie Smith aufgenommen, das war natürlich klasse.«

Doch zunächst geht Tony Kofi andere Wege. »Thelonious Monk war immer jemand, dessen musikalischer Kosmos mich sehr beeindruckt hat«, sagt er. »Deshalb habe ich immer mehr Monk-Nummern im Programm gehabt, bis ich kaum noch etwas anderes gespielt habe. Irgendwann vor drei Jahren hat mich dann jemand von Specific Jazz bei einem Jazzfestival mit diesem Monk-Programm gehört. Hinterher sagten sie mir: ›Wir haben nie jemanden Monk auf die Art, wie du ihn spielst, spielen gehört.‹ Und sie boten mir einen Plattenvertrag an.«

Die CD All Is Know, Kofis Debüt als Leader, hat die Katalognummer 001 und schlägt ein wie eine Bombe. Bei den BBC Jazz Awards erhält sie den Preis für das Album des Jahres 2005 sowie den »Jazz Parliamentary Award for Best Ensemble«. Auf letzteren ist Tony Kofi sogar noch eine Ecke stolzer. »Dazu muss man nämlich vom britischen Parlament eingeladen werden«, erzählt er, »und das war natürlich toll.«

Seine Plattenfirma ist natürlich ebenfalls begeistert und gibt ihm freie Hand für seine zweite Produktion. »Sie haben mir vertraut und mir das Geld gegeben«, grinst Tony Kofi. »Obwohl ihnen meine Idee, eigene Musik für Hammondorgel zu schreiben, nicht unbedingt eingeleuchtet hat. Aber bei Future Passed geht’s nicht darum, irgendeinen Hammondvirtuosen mit tollen Tricks zu präsentieren, sondern um die Musik. Sie sollte melodiös sein und zum Zuhören einladen. Larry Youngs Unity war dabei mein Haupteinfluss, aber es sollte natürlich meine eigene Musik sein.«

Über den Einwand, dass es für einen Saxofonisten doch recht schwierig sein muss, Musik für Hammondorgel zu schreiben, lacht er schallend. »Nichts ist leicht - das einzige, was ich leicht finde, ist, Liebe zu machen.«

Das Ergebnis ist eine Hammond-Trioplatte, die natürlich Erinnerungen an die große Zeit dieser Musik in den sechziger und siebziger Jahren hervorruft, aber dennoch zeitgenössisch klingt. Der Organist Anders Olinder und Schlagzeuger Robert Fordjour sind Kofis Mitstreiter, aber es sind noch mehr Musiker beteiligt, denn auf der Hälfte der Tracks bricht Kofi aus dem Trioformat aus. »Der Trompeter Byron Wallen ist einfach Teil meiner Reise. Er spielt schon so lange mit mir zusammen, dass er einfach auf dem Stück ›The Journey‹ auftauchen musste«, meint Tony Kofi. »Ohne den Gitarristen Cameron Pierre hätte ich niemals all die Musiker getroffen, die ich mittlerweile kenne, denn er hat sie mir vorgestellt - deshalb musste er einfach dabei sein. Und zwei Titel konnten zusätzliche Percussion vertragen, deshalb habe ich Donald Gamble an Bord geholt.«

Mit dem Organisten Anders Olinder hat Tony Kofi noch eine weitere Gemeinsamkeit, die die beiden erst feststellten, als sie sich musikalisch bereits gut verstanden. »Anders war ursprünglich Zugführer in Schweden«, lacht Tony Kofi. »Doch eines Tages fand er das so langweilig, dass er sich sagte: Es muss doch noch etwas anderes im Leben geben. So ist er zu einem der besten Hammond-Organisten geworden.«


Aktuelle CD:
Tony Kofi: Future Passed (Specific / Rough Trade)