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Bei Dreadlocks, Augenbrauen-Piercing und HipHopper-Jeans mit Schritt auf Kniehöhe möchte man nicht so recht an einen Jazzpianisten glauben, der sein Fundament in der Geschichte des Jazzpianos hat. Doch Robert Glasper, erst 27-jähriger Pianist aus Houston/Texas, steht tatsächlich mit einem Bein fest in der Tradition des Jazzpianos. Mit dem anderen jedoch auch fest im HipHop.

Von Angela Ballhorn

Lupenreinen Bebop beim Soundcheck am diesjährigen JazzBaltica-Festivals war allerdings das Letzte, was ich mit dem optischen Eindruck verbunden hätte. Schließlich ist Robert Glasper auch ein begehrter Begleiter in HipHop-Kreisen. Q-Tip (Ex-A-Tribe-Called-Quest) sowie Mos Def verlassen sich auf den Pianisten, der auch ein ebenso guter Rhodes-Spieler ist. Einen Eindruck des musikalischen Prismas kann man sich auf Glaspers Blue-Note-Debüt Canvas (2006) verschaffen. Expect the unexpected!

Der Amerikaner spielte beim diesjährigen JazzBaltica in Salzau in bester Gesellschaft. Motto des Festivals war »On Piano«, und Glasper spielte mit Koryphäen wie George Gruntz oder Don Friedman in der grauen Eminenzklasse; und mit Carsten Daerr, Michael Wollny, Marcin Wasileswki oder Tord Gustavson in der eigenen Altersklasse. »Canvas ist nicht mein Debüt, meine erste CD hieß Moods und ist 2002 auf dem Freshsounds-Label herausgekommen. Auf einem so renommierten Jazzlabel wie Blue Note zu erscheinen, ist natürlich super!«

Fragt man den Musiker, ob die lange Tradition des Jazzpianos eine Inspiration oder Fluch für jeden Pianisten ist, weil doch jeder, der sich in diesem Kontext bewegt, daran gemessen wird, lacht der Pianist: »Beides. Manchmal hat man das Gefühl, dass man so verflixt gut sein muss, weil die Geschichte des Klaviertrios so hochkarätig ist. It just cramps you up ... Gleichzeitig ist es sehr cool, ich wechsle zwischen diesen beiden Sichtweisen, normalerweise befinde ich mich aber auf der coolen Seite.« Robert Glasper weiß durch seinen Sound, seine Voicings, Kompositionen und originellen Arrangements zu faszinieren, die im modernen Kontext des Jazzpianos stehen.

Über Einflüsse schweigt er sich lieber aus. Aus gutem Grund, wie er findet. »Ich habe eine Menge Einflüsse, aber ich habe vor ein paar Monaten aufgehört, sie in Interviews aufzuzählen. Ich frage die Leute lieber, wen sie denn in meinem Spiel hören? Oft ist es so, dass die Leute in einem Interview meine Einflüsse lesen und zu einem Konzert kommen. Egal, wen ich als Einfluss nennen würde, dessen Spiel würden sie in meiner Art Klavier zu spielen entdecken. Dann heißt es: ›Herbie Hancock, ich wusste es!‹ Meine Zuhörer und eigentlich jeder Konzertbesucher sollte unvoreingenommen und mit offener Geisteshaltung zu einem Konzert kommen. Ich meine, welcher Pianist liebt nicht Hancock? Aber das heißt noch lange nicht, dass du Hancock in dessen Spiel hören kannst. Unvoreingenommen sind mir die Zuhörer am liebsten, weil sie dann offen sind, etwas Neues zu entdecken.«

Doch eine versteckte Verehrung für Hancock lässt sich auf Canvas schnell ausmachen – schließlich spielt er dessen Komposition »Riot« in einem atemberaubenden Arrangement. Für Jazzpuristen schwer zu verstehen ist die Tatsache, dass Robert Glasper auch oft Fender Rhodes in HipHop-Formationen spielt. »Ich spiele oft mit dem Sänger Bilal, einem HipHop-Sänger, oder Mos Def oder Q-Tip. Ich mische das alles musikalisch, all die verschiedenen Genres finden sich irgendwie in meinem Sound wieder. Ich mag den Sound mit Klavier und Fender Rhodes zur selben Zeit. Bei ›Riot‹ habe ich beide simultan eingespielt, bei den anderen Aufnahmen wurde ein bisschen getrickst.«

2006 war das erste Jahr, in dem Robert Glasper mit seiner Band auf deutschen Bühnen zu hören war. In Salzau war er mit seinem festen Trio mit Bassist Vicente Archer und Schlagzeuger Damion Reid zu hören. Gast seines Trios war nicht wie auf der CD der Tenorist Mark Turner, sondern Marcus Strickland, mit dem Glasper eine lange Wegstrecke verbindet. »Den Saxofonisten Marcus Strickland habe ich im College getroffen, eigentlich schon zu Highschool-Zeiten, obwohl wir auf verschiedenen Highschools waren. Da bin ich in Marcus’ Band gekommen. Er war einer der ersten, mit denen ich zusammengespielt habe. Marcus kenne ich länger als meine anderen Mitmusiker.«

Das ergibt ein bemerkenswertes Blending und blindes Verständnis, was schon im kurzen Soundcheck auf der Salzauer Probenscheunen-Bühne unterstrichen wurde. Knifflige Stücke mit fiesen Unisono-Passagen wurden noch »eben schnell« ohne Noten einstudiert. Das endgültige Finish an Glaspers Kompositionen entsteht im Trio. »Ich bringe die Stücke oder nur ein paar Ideen mit und arbeite sie mit meinem Trio aus. Meistens bringe ich das Stück mit und fange einfach an, zu spielen - und bin gespannt, mit was für Ideen Bass und Schlagzeug aufwarten. Oft sind Sachen dabei, an die ich nicht gedacht hätte.«

Die Musikalität wurde Robert Glasper in die Wiege gelegt, seine Mutter, die auch in einer alten Aufnahme auf Canvas zu hören ist, spielte und sang mit Jazz- und R’n’B-Bands. Auf die Art und Weise kam Robert mit vielen Musikstilen in Berührung. Mit 12 Jahren spielte er zum ersten Mal in der Kirche Gospel-Musik. Texas selber sei, so Glasper, nicht so berühmt für seine aktuelle Jazzszene. Der Pianist lacht: »Was für eine Jazzszene gibt es in Houston/Texas? Da gibt es keine, was schon komisch ist. Es gibt eine Highschool, die Jazzklassen anbietet. Die meisten Musiker, die hier studiert haben wie der Pianist Jason Moran, haben, sobald sie ihr Diplom in der Tasche hatten, Houston verlassen. Ich selbst lebe jetzt in Brooklyn.«

Pläne und Projekte hat der 27-Jährige zuhauf. »Ich plane einige neue Sachen. Meine neue Band heißt ›Experiment‹. Wir spielen keinen traditionellen Jazz, mehr HipHop, Fusion und Jazz. Ein bisschen wie Herbie Hancocks Headhunters, aber natürlich moderner. Im Ganzen mehr NOW-HipHop-Style. Das läuft neben meinem neuen Trio-Projekt. Da spiele ich dann die meiste Zeit Fender Rhodes und ein bisschen Klavier. Es gibt aber keine Laptop-Sachen. Mein Saxofonist verwendet viel Elektronik wie Vocoder, da brauche ich nicht noch Laptop-Sounds dazu. Es ist schön, die Mischung von elektronischen Sounds und ganz akustischen Instrumenten zu haben.«

Canvas ist in puncto Klang sicher ein Mainstream-Jazzalbum, doch zugleich schimmert immer wieder durch, dass Glasper aus der Generation kommt, die mit HipHop aufgewachsen ist. Der Bass zum Beispiel ist oftmals wärmer, fetter und dominanter als auf den meisten aktuellen Jazzproduktionen. »Ich versuche immer, mich ganz einzubringen. Ich muss das so machen, weil ich’s nun mal so fühle. Ich versuche nicht, absichtlich HipHop zu spielen - es kommt vielmehr wie selbstverständlich durch. So kannst du durch meine Musik hören, wer ich bin.«

Aktuelle CD:
Robert Glasper Canvas (Blue Note / EMI)

www.robertglasper.com