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Auch wer sich gar nicht für Musik interessiert, hat zwangsläufig mitgekriegt, dass in diesem Jahr Mozart gefeiert wird. Der ganze mediale Overkill, der mit einem Mozartjahr einhergeht, kann einem auch auf die Nerven gehen - und doch haben Christian Mühlbacher und Christoph Cech mit ihrer Big Band Nouvelle Cuisine mitgemacht. Ihre CD Mozart Revisited stellt dieses »unverdiente Geschenk an die Menschheit« (Wolfgang Hildesheimer) aber in einen ganz neuen musikalischen Zusammenhang.

Von Rolf Thomas

»Mozart groovt nicht so wie einige ältere barocke Komponisten«, brummt Christian Mühlbacher und stellt damit erst einmal nur fest, dass man sich schon etwas einfallen lassen muss, wenn man den Komponisten nicht einfach nur schlicht »verjazzen« will. Die Initiative ihres Labels Quinton stieß aber bei den beiden Machern von Nouvelle Cuisine - eine Big Band, die die beiden Österreicher vor über zwanzig Jahren ins Leben gerufen haben - grundsätzlich auf ein positives Echo. Und schnell wurde man in der reichhaltigen Musik Mozarts fündig. »Ich habe Stücke oder Passagen ausgewählt, die mir etwas bedeuten«, erklärt Mühlbacher den Beginn des Entstehungsprozesses, der schließlich zum fertigen Album geführt hat. »Der Marsch der Priester aus der Zauberflöte ist für mich ein wunderschöner Popsong, so was wie ein potentieller Standard. Der Anfang der Don Giovanni-Ouvertüre fiel mir auf, weil er meinen Sinn für Dramatik bedient. Da ist so eine unglaubliche Menge an Aufregung und Spannung allein in den ersten dreißig Takten!«

Das Duett zwischen Papageno und Papagena aus der Zauberflöte wiederum verwandelt sich in eine quirlige Mixtur aus ausgelassen miteinander parlierenden Bläserstimmen - in der Sprache von Nouvelle Cuisine heißt es dann »Papagenesis«, und es kann auch ruhig einmal ein Motiv aus Carmen zitiert werden. »Es ging uns eigentlich vor allem um die Frage: Wie können wir uns selbst einbringen?«, schildert Christian Mühlbacher das Leitmotiv ihrer Vorgehensweise. »Dazu mussten wir uns Mozart-Versatzstücke zu eigen machen, und zwar Versatzstücke, die eine Jazzberührung möglich machen - zum Beispiel ein paar Takte aus der Figaro-Ouvertüre.«

Dass die von Mozart geschaffenen Klangflächen mit denen einer Big Band nichts zu tun haben, war Cech und Mühlbacher durchaus klar. »Eine Big Band kann Mozarts Klangflächen überhaupt nicht transportieren«, stellt Christoph Cech fest. »Aber nicht die Klangflächen sind wichtig, sondern die Themen und der außergewöhnliche Fluss von Mozarts Melodien - da ist alles so fein gesponnen.«

»Searching For Don« heißt das Stück, in dem sich Teile der oben erwähnten Don Giovanni-Ouvertüre wiederfinden und den Humus abgeben, aus dem sich ein prickelndes Saxofon-Solo über einer beschwörenden Bassfigur entwickelt. »Die Dramatik dieser Ouvertüre ist sehr gut modalisierbar«, schwärmt Christian Mühlbacher, und in der Tat befällt einen nicht dieses merkwürdige Crossover-Gefühl von zwei miteinander verbundenen Welten, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben - »Searching For Don« hat einfach Swing, Klasse und Dramatik.

Big Band ist übrigens eher untertrieben, wenn man sieht, was Nouvelle Cuisine hier aufgefahren haben. Mit sechsundzwanzig Musikern ist die Band mehr als stark besetzt. »Einige Hörner haben wir noch dazugenommen«, meint Christian Mühlbacher, »einfach, weil die für Mozarts Musik notwendig sind.« Und trotzdem schmettert nicht ununterbrochen das Blech - das Thema von Mozarts Klaviersonate in A-Dur verwandelt sich, unterlegt von sanft pluckernder Perkussion, in ein »Lullaby«.

Die Herausforderung, die Mozart Revisited bedeutet, redet Christian Mühlbacher gekonnt klein. »Wir fischen schon lange zwischen E und U«, erzählt er, »insofern war das für uns so etwas Besonderes nun auch wieder nicht.« Kennen gelernt haben sich Christian Mühlbacher und Christoph Cech schon als Kinder. »Teilweise haben wir auch zusammen studiert«, erinnert Christian Mühlbacher sich. »Wir sind einfach alte Kumpels.« Beide komponieren und arrangieren und haben sich mit Nouvelle Cuisine ein Forum geschaffen, das ihre Vorstellungen umsetzen kann. Dabei greifen sie auch selbst ins Geschehen ein: Christian Mühlbacher ist Perkussionist und Christoph Cech sitzt am Klavier.

Der ließ sich von Osmins Arie aus der Entführung aus dem Serail zu einer saftigen Funk-Nummer inklusive Schlagzeug-Solo inspirieren. Wenn da ein tiefer Bläsersatz komplette Gesangspassagen in atemberaubender Geschwindigkeit brummt - das hat schon was.

Einen fast schon beängstigenden Breitwand-Sound fährt Nouvelle Cuisine gegen Schluss des Albums auf, wo Christian Mühlbacher das »Confutatis« und »Lacrimosa« aus dem Requiem in eine Heavy-Metal-ähnliche Hölle überführt. »Das Requiem ist eins der intensivsten Musikstücke, die ich kenne«, findet Christoph Cech, »weshalb ich es mir auch nur sehr selten anhören kann.« Christian Mühlbacher fasst sich, auf die massiven Klangballungen angesprochen, kürzer: »Beim Requiem muss es abgehen!«

Wer nach so viel Musik etwas vom Menschen Mozart hören will, der sollte unbedingt in die Lesung, oder besser: Aufführung, der berüchtigten »Bäsle-Briefe« des österreichischen Comedy-Duos Dirk Stermann & Christoph Grissemann, die von der Deutschen Grammophon unter dem deutlichen Titel Leck mich im Arsch herausgegeben wurden, hineinhören - ein deftiges Vergnügen. Kurze Kostprobe: »Wo ich hingehe, so stinckt es. Endlich sagt meine Mama zu mir: was wette ich, du hast einen gehen lassen? - ich glaube nicht Mama. ja ja, es ist gewiss so. Ich mache die Probe, thue den ersten finger im arsch und dann zur Nase, und -- Ecce Provatum est, die Mama hatte recht. Nun leben sie recht wohl, ich küsse sie 10000mahl und bin wie allzeit der alte junge Sauschwanz Wolfgang Amadé Rosenkranz.« War halt ein Experte, der Mozart.


Aktuelle CD:
Nouvelle Cuisine: Mozart Revisited (Quinton / Soulfood)

Zum Weiterhören:
Dirk Stermann & Christoph Grissemann: Leck mich im Arsch (Deutsche Grammophon / Universal)