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Wynton MarsalisWenn Wynton Marsalis eine neue Platte macht, ist das längst nicht mehr zwangsläufig eine wichtige kulturelle Markierung. Seine neue CD From the Plantation To the Penitentiary kommt aber schon mit dem Gestus eines außerordentlichen Statements daher. Grund genug, beim ersten Verwalter der klassischen amerikanischen Kunstform - Jazz, genau - einmal genauer nachzufragen.
Von Rolf ThomasWynton Marsalis

200 Jahre und ganz schön weise

»Alle zehn Jahre versuche ich, eine Platte zu machen, die eine Verbindung zur schwarzen Kultur und zum Underground hat«, bestätigt Wynton Marsalis am Telefon meine Vermutung. »In den neunziger Jahren war das Blood on the Fields und jetzt eben From the Plantation To the Penitentiary

Erkennbar ist das Anliegen, um das es Marsalis geht, schon daran, dass er diesmal für die meisten der Stücke auf der CD einen Text geschrieben hat. Gesungen werden sie meist von der jungen Sängerin Jennifer Sanon, einmal (»Where Y’all At?«) erhebt er gar selbst die Stimme. Da muss ihm der Inhalt - ein Nachsinnen über die Frage, wo all die wichtigen schwarzen Führer geblieben sind - doch wichtig gewesen sein. »Dass war eigentlich mehr eine intuitive Entscheidung«, rechtfertigt Marsalis den Einsatz seiner Stimme. »Wie man in die Küche geht und sich ein Hühnchensandwich macht.«

Doch die Platte beginnt mit dem elegischen und majestätischen Titelstück, einem langsam groovenden Klagegesang, in den neben Sanon Marsalis’ Trompete und das Saxofon von Walter Blanding einstimmen. »Stellen wir uns einmal vor, du könntest 200 Jahre alt werden«, holt Wynton Marsalis aus, um die Bedeutung des Tracks klarzumachen. »Du wirst 1800 geboren - da musst du schon 165 Jahre alt werden, um legal eine Menge grundlegende Dinge tun zu können. Die ersten 65 Jahre dürften echt hart sein - und wenn dir dann klar wird, dass die Situation nach dem Bürgerkrieg für nahezu hundert Jahre anhalten dürfte, dann fühlst du dich wie ein nationaler Witz. Erst arbeitest du umsonst auf den Plantagen und die Leute lassen dich tanzen, und dann beginnst du, für deine Freiheit zu kämpfen - aber dabei stellst du fest, dass du keine Hilfe hast. Jobs sind auch keine da. Du musst erst 158 Jahre alt werden, um einen Job zu kriegen, und dann stellst du fest, es gibt keine. Und dann kommst du in den Knast, weil du ein bisschen Gras in der Tasche hast. Der Knast wiederum ist Teil einer Industrie - das heißt, du machst Geld für irgendwelche Leute. Und dann fragen mich die Leute: ›Marsalis, warum bist du so wütend?‹ - darum geht es in dem Stück.«

Und er fasst noch einmal sarkastisch zusammen: »Beide Institutionen - the plantation and the penitentiary - haben eine Menge Gemeinsamkeiten: ein sehr niedriges Einkommen; es reduziert die Menschen auf weniger, als sie eigentlich sind. Über eine Menge dieser Dinge haben Jazzmusiker schon immer gesprochen.«

Als eine Geschichte von Niederlagen möchte Marsalis die Geschichte der amerikanischen Schwarzen trotzdem nicht aufgefasst sehen. Es ist ihm wichtig, einen Ablauf klarzumachen und einen Standpunkt einzunehmen. »Consciousness, das schwarze Selbstbewusstsein, war immer sehr wichtig für mich«, betont Wynton Marsalis. »Als ich noch jünger war, bin ich oft dafür kritisiert worden, dass ich so viel davon gesprochen habe, aber ich habe weitergemacht. Dabei ging es mir nie um Segregation - ich bin schließlich in Louisiana aufgewachsen und hatte immer viel mit Ignoranz und Rassismus zu kämpfen -, sondern um den Bullshit, der Rassismus nun einmal ist. Es ist wichtig, diesen Unterschied zu verstehen, denn sonst wird man in den Medien - es sei denn, man ist sowieso ruhig und küsst allen den Arsch - als Staatsfeind angesehen. Und das hindert einen dann daran, effektiv mit den Leuten zu kommunizieren, die an einer Veränderung der Gesellschaft Interesse haben. Jazz ist eine Musik der Veränderung, es ist eine Musik des Engagements und eine intellektuelle Musik, es ist aber auch Soulful Music - all das muss in der Musik sein.«

Wynton wütend!

Dass all dies in Marsalis’ Musik zu finden ist, ist nicht nur der geradezu verschwenderischen Musikalität des Trompeters zu verdanken, sondern auch seiner Fähigkeit, immer wieder junge Musiker ausfindig zu machen, die seine Visionen mit Leben füllen können. Auf der neuen Platte ist das Rhythmus-Team aus dem Bassisten Carlos Henriquez - »den hab ich getroffen, als er fünfzehn war«, erinnert Marsalis sich - und dem Schlagzeuger Ali Jackson Junior besonders frappierend. Dem geradezu enzyklopädischen Ansatz Marsalis’ - er baut eine Menge Stilistiken von Country-Groove bis Cha-Cha-Cha sehr organisch in eine Stunde Musik ein - folgen sie in äußerst einfallsreicher und kompetenter Weise. »Ali Jackson ist aus Detroit, ich begegnete ihm dort, als er zwölf Jahre alt war, in einem Workshop«, macht Marsalis ganz nebenbei klar, wie wichtig seine Lehrtätigkeit auch für die Entwicklung seiner eigenen Musik ist. Den Rest der Band hat Wynton Marsalis verstreut über die ganzen USA eingesammelt. »Jennifer Sanon ist aus Florida, sie hat an einem Hochschulwettbewerb im Lincoln Center teilgenommen«, erzählt Marsalis, der bekanntlich der künstlerische Leiter dieser wichtigen Institution in New York ist. »Unser Pianist Dan Nimmer ist 23 und stammt aus Milwaukee.«

Der Text von »From the Plantation To the Penitentiary« fasst die Geschichte der Afroamerikaner in sehr bittere Zweizeiler. »From the ›no book‹ rules, to the raggly public schools«, heißt es da an einer Stelle. »Während der Sklaverei gab es keine Bücher, geschweige denn, dass man lesen lernen durfte«, erklärt Wynton Marsalis. »Jetzt bist du auf einer staatlichen Schule und auch noch stolz darauf, dass du nicht lesen kannst. Die Schule ist so ärmlich ausgestattet, da braucht man sich ums Lesenlernen keine Gedanken zu machen. Das ist wie eine Feier der Ignoranz - viele Schwarze sagen: ›Hey, ich lese nicht, das ist nicht meine Identität.‹ Das öffnet einem doch die Augen.«

Wynton Marsalis hat nichts dagegen, als Aufklärer bezeichnet zu werden. »In der amerikanischen Gesellschaft gibt es eine Menge Probleme«, regt er sich auf. »Was tun wir mit den Schwarzen? Was tun wir mit den Frauen? Was tun wir mit puritanischen, repressiven Moralkonzepten? Was tun wir mit Sex zwischen den Rassen? Und global betrachtet: Was tun wir als Supermacht mit einer Atombombe angesichts von anderen Mächten, die auch Atombomben haben? Wenn wir unsere Verantwortung für all diese Fragen abchecken, dann verstehen wir auch allmählich, warum wir in der Position sind, in der wir sind. Gleichzeitig bin ich auch sehr optimistisch über unser Land, was sicher daran liegt, dass ich soviel reise. Ich bin also keiner dieser Anti-Amerikaner. Ich spreche und kritisiere von innen.«

Dass Wynton Marsalis der Rolle der Schwarzen im Musikbusiness wenig abgewinnen kann, insbesondere den Exzessen der HipHop-Vermarktung, dürfte allgemein bekannt sein. From the Plantation To the Penitentiary zieht auch da eine augenfällige Parallele. »Der Text knüpft natürlich an die Minstrel Shows an«, bestätigt Marsalis. »Das Fundament eines wichtigen Teils unserer Musikindustrie ist es, sich über den Neger lustig zu machen. Das führt schließlich dazu, dass er sich über sich selbst lustig macht - so what? Warum machen weiße Leute so etwas nicht? Im Namen der Freiheit führe ich dich aus deiner Existenz als Wilder und lasse dich zu einem Teil meiner Einrichtung werden - das ist doch die Einstellung, mit der wir immer noch zu tun haben. Im HipHop ist es doch nicht anders: Heute sitzen viele im Knast, weil sie vielleicht ein paar Leute erschossen haben - wenn du mir demonstrieren kannst, dass du über alle Pathologien verfügst, für die ich bezahle, um sie zu sehen, kannst du damit heutzutage eine Menge Geld machen. Es wird Zeit, dass das aufhört.«

Feier des Lebens

Dass das nicht immer so war, weiß auch Marsalis. Im abschließenden »Where Y’all At?« findet sich die bemerkenswerte Textzeile »Even the rap game started out critiquin’, now it’s all about killing and freakin‹«, die belegt, dass Wynton Marsalis, der im Interview schon einmal zu pauschalen Rundumschlägen neigt, in seiner Kunst durchaus zu differenzieren weiß.

Ein anderer polemisch hoch aufgeladener Track ist das schnelle, hektische »Supercapitalism«, in dem Marsalis den Müntefering macht. »I got to have now, a lot of stuff, expensive fluff, wow«, singt Jennifer Sanon da in atemberaubender Geschwindigkeit, während sich die Band in überdrehtem Stakkato ergeht. »Superkapitalismus erlaubt es, den Dollar so wichtig werden zu lassen, dass alles Menschliche, was ihn umgibt, von keiner Bedeutung mehr ist«, meint er, der sich damit aber nicht als Antikapitalist verstanden wissen will. »Damit will ich nicht sagen, dass es falsch ist, Geld zu machen. Es ist auch nicht falsch, einen Kuchen zu essen - aber fünfzig davon? Es geht mir um eine gewisse Balance.«

Doch es gibt auch Entwicklungen, die den Trompeter hoffnungsfroh stimmen. Die vielen Hilfsaktionen nach dem Wirbelsturm in New Orleans zum Beispiel. »Wir sind doch mit Katrina gut umgegangen«, meint Wynton Marsalis. »Es gab jede Menge Hilfe, jede Menge Liebe - wir sind nur Leute, die sehr schlecht geführt werden. Weil wir eben vom Wunsch, Geld zu machen, geführt werden und wir Religion als ein Werkzeug der Politik benutzen. Und wir haben immer noch mit einer rassistischen Geschichte zu tun, mit der unsere Führung nicht konfrontiert werden möchte.«

Dass es auch darum geht, die guten Momente im Leben zu feiern, ist Wynton Marsalis sogar auf From the Plantation To the Penitentiary ein Anliegen. Und so findet sich dort auch die rührende Ballade »These Are Those Soulful Days«, bei der Wynton Marsalis sich von seinen und Walter Blandings Kindern inspirieren ließ, die er beim Spielen beobachtet hat. »Man kann wütend sein und trotzdem eine gute Zeit haben«, sagt er. »So ist das eben: An einem Ort scheint die Sonne und an einem anderen ist es tiefe Nacht. Uns lieben und Kinder machen wir trotzdem, das ist es eben, was menschliche Wesen tun. Aber unsere Führung spielt mit der Ignoranz der Leute. Als eine Nation waren wir erfolgreich: im Abschaffen der Sklaverei, in der Bürgerrechtsbewegung, wir hatten auch Erfolge in der öffentlichen Ausbildung. Ich kritisiere nicht, um zu kritisieren. Ich glaube vielmehr und denke, dass die Geschichte längst gezeigt hat: Unzufrieden mit Zuständen zu sein, ist ein Weg, Fortschritte zu machen.«


Aktuelle CD:
Wynton Marsalis: From the Plantation To the Penitentiary (Blue Note / EMI)