Diese Website verwendet Cookies, um ihre Dienste bereitzustellen. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass sie Cookies verwendet.

The LeadersMit dem Begriff Supergruppe sollte man vorsichtig umgehen, aber wenn sich Chico Freeman, Bobby Watson, Eddie Henderson, Billy Hart, Cecil McBee und Fred Harris unter dem Namen The Leaders formieren, ist er vielleicht doch mal angebracht. Auf der Kurz-Deutschland-Tour (Burghausen und Gütersloh) spielte das Sextett jedenfalls ekstatisch vor einem begeisterten Publikum.
Von Rolf ThomasThe leaders

Diese erfahrenen Veteranen kann nichts mehr erschüttern. Nach neunstündiger Busfahrt treffen The Leaders mit einer gehörigen Verspätung aus Burghausen kommend in Gütersloh ein, aber Körperpflege (Bobby Watson benutzt Ralph Lauren) und Abendessen (es gibt Fisch und Reis, Baby) gehen definitiv vor - der Soundcheck fällt aus. »Pass auf«, sagt Chico Freeman zum jungen Gütersloher Soundtechniker, »achte einfach während des ersten Stückes auf mich. Ich gebe dir Zeichen, ob die Monitore zu laut oder zu leise sind.«

Und da das erste Stück »Evolution« - auf der hervorragenden CD Spirits Alike ist es fünf Minuten lang - in der Live-Version zwanzig Minuten dauert (und zwar nicht etwa mit einem langsamen Eingrooven, sondern durchgehendem Powerplay und High Energy), hat der Mixer genügend Zeit, sich auf die Herren Musiker einzustellen.

Chico Freeman ist eindeutig der Kopf der Band - The Leader of The Leaders gewissermaßen. Aus dieser Tatsache macht auch niemand in der Band ein Hehl, und so wiederholt sich bei den Interviews ein Satz zum Amüsement der Beteiligten immer wieder: »Chico hat mich angerufen.«

Und Herr Freeman selber verteilt die Lorbeeren ebenfalls ganz gerecht auf seine Schultern: »Es war meine Idee, die Leaders wieder ins Leben zu rufen«, stellt er selbstbewusst klar. Denn die Band - Jazzliebhaber werden eifrig nicken - gab es vor fünfundzwanzig Jahren schon einmal. Neben Chico Freeman ist Bassist Cecil McBee das einzige Mitglied aus der Originalbesetzung. »Cecil war einverstanden mit der Idee«, erzählt Chico Freeman weiter, »und dann ging es darum, die passenden Musiker zu finden. Lester Bowie ist tot, Arthur Blythe geht es gesundheitlich leider nicht so gut, und so mussten wir uns nach neuen Namen umsehen. Eddie Henderson an der Trompete und Bobby Watson als zweiter Saxofonist neben mir waren da natürlich erste Wahl und Billy Hart am Schlagzeug - Mann, das ist doch ein Traum! Der einzige Newcomer in der Band ist eigentlich unser Pianist Fred Harris. John Coltrane wurde in der Band von Miles Davis bekannt, und etwas Ähnliches würden wir mit Fred auch gerne erreichen: eine Band zu haben, die neue Talente in einem exzellenten Umfeld präsentiert. Wie Art Blakey oder Roy Haynes möchten wir gerne neue Musiker präsentieren - das passende Alter haben wir ja mittlerweile (hysterischer Lachanfall). Und Fred ist nicht nur ein guter Musiker, sondern auch ein prima Arrangeur und vor allem ein netter Kerl!«

Chico Freeman kam als Sohn des Jazz-Saxofonisten Von Freeman in Chicago zur Welt und lernte zunächst Trompete - »Das habe ich Eddie auch erzählt, aber das Trompetespielen überlasse ich doch lieber ihm (der nächste hysterische Lachanfall).« 1976 geht er, mittlerweile längst ein versierter Saxofonist, nach New York und wird im Umfeld der Loft-Szene von Sam Rivers bekannt, wo er auch Cecil McBee kennen lernt. Auch mit Billy Hart ist er damals schon öfter zu hören. 1983 schlägt dann die Stunde der Gründung von The Leaders. Mit Arthur Blythe, Don Cherry, Don Pullen und Don Moye verfügt die Band über damals schon längst etablierte Jazzstars. Für Don Cherry kommt später Lester Bowie in die Band, und am Piano ersetzt Kirk Lightsey Don Pullen. Nach zwei LPs und diversen Tourneen war dann leider Schluss. Chico Freeman war in den frühen Neunzigern außerdem im Saxofonsatz der Gruppe Roots zu hören - zusammen mit Arthur Blythe, Nathan Davis und Benny Golson - und beteiligte sich 1998 an Von Freeman’s 75th Birthday Celebration.

»Anfang der Achtziger, als wir die Leaders zum ersten Mal starteten«, erinnert Chico Freeman sich, »stellten Promoter gerne All Stars zusammen, die aber meist wenig gemeinsam hatten. Daraus ergab sich dann so eine Art Blowing-Session - das war genau das, was wir nicht wollten. Wir wollten eine richtige Gruppe, die kontinuierlich arbeitet. Genau das haben wir auch jetzt vor - und mit Eddie Henderson, Bobby Watson und Billy Hart haben wir auch genau die richtigen Leute dafür. Jeder von ihnen ist selbst Bandleader und steuert außerdem eigene Kompositionen zu den Leaders bei.«

Billy Hart, der 1940 in Washington geboren wurde, wurde als Schlagzeuger in der Band von Herbie Hancock (Sextant) und Miles Davis (On the Corner) berühmt. Bei Hancock spielte er zusammen mit Eddie Henderson, den er aber schon Anfang der sechziger Jahre kennen gelernt hat. In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre gehörte Hart der Band von Stan Getz an und ging 1980/81 wiederum mit Chico Freeman auf Tournee. In den achtziger Jahren spielte er bei der Mingus Dynasty, im Percussion-Ensemble Colloquium III und in der Band Quest mit David Liebman, Richie Beirach und Ron McClure. Später war er bei Jane Bunnett, Jane Ira Bloom oder Charles Lloyd zu hören.

Eddie Henderson, der 1940 in New York zur Welt kam, wurde 1968 als Partner von John Handy bekannt. Nach seiner Zeit bei Herbie Hancock war er kurz Mitglied bei Art Blakey’s Jazz Messengers und leitete danach vorwiegend eigene Gruppen. Er ist außerdem Psychiater (!) und immer wieder in diversen Projekten von Herbie Hancock zu hören. »Bei Herbie zu spielen, war mein erster wichtiger Gig, mit dem ich mir einen gewissen Namen machen konnte«, erzählt er. »Mit Bobby Watson habe ich zusammen bei Art Blakey gespielt. Fred Harris habe ich erst durch die Leaders kennen gelernt - und ich muss sagen, es ist ein Vergnügen, mit ihm zu spielen. Chico hat wirklich tolle Arbeit bei der Zusammenstellung dieser Gruppe geleistet. Die Chemie muss einfach stimmen, wenn man so etwas macht - sonst fliegt einem die Band um die Ohren. Man muss aufeinander hören, und das tun diese Jungs einfach!«

Cecil McBee ist mit 71 Jahren der Senior der Band. In den sechziger Jahren war der Bassist maßgeblich am Aufbruch des Free Jazz beteiligt. McBee begann 1959 in der Band von Dinah Washington und spielte danach mit Kirk Lightsey und bei Paul Winter. Es folgten Engagements bei Grachan Moncur III, Jackie McLean, Wayne Shorter, Miles Davis, Charles Lloyd, Yusef Lateef, Pharoah Sanders und Alice Coltrane. 1974 gründete er das Sextett Mutima und arbeitete danach häufig mit Chico Freeman oder Dollar Brand zusammen. Nach der ersten Ausgabe der Leaders war er öfter mit Yosuke Yamashita und Sonny Fortune zu hören. Besonders empfohlen sei seine Sextett-Aufnahme Music from the Source (Enja 1977), unter anderem mit Chico Freeman und Steve McCall. (Lieber Matthias Winckelmann, wie wär’s mit einer Neu-Ausgabe zum 30-jährigen Jubiläum, expanded & remastered?)

Bobby Watson kam 1953 in Kansas zur Welt. Der Altsaxofonist ging 1976, genau wie Chico Freeman, nach New York, wo er zunächst in den Bands von Curtis Fuller spielte. Von 1976 bis 1981 gehörte er Art Blakey’s Jazz Messengers an und war seit 1977 deren musikalischer Leiter. 1982 war er Gründungsmitglied des 29th Street Saxophone Quartets. Zehn Jahre später gründete er mit dem Schlagzeuger Victor Lewis die Gruppe Horizon, die vor zwei Jahren auch eine bemerkenswerte Reunion-Platte für Palmetto einspielte. »Chico Freeman war mein Nachbar in New York«, erinnert Watson sich. »Walter Bishop, John Hicks und Dexter Gordon haben auch da gewohnt, es war eine richtig gute Community.«

Über die Leaders ist er selbstverständlich des Lobes voll. »Die Leaders bestehen aus so guten und erfahrenen Musikern, die können gar nicht schlecht klingen«, meint er lachend, als ich auf den ausgefallenen Soundcheck hinweise. Dann fällt mir noch etwas ein, was kaum jemand weiß: Bobby Watson hat die Soundtrack-Musik für Robert de Niros Regiedebüt geschrieben - eine Mafia-Geschichte, die in der Bronx spielt. »Zu der Zeit war ich bei Columbia Records unter Vertrag, und mein Manager hat das eingefädelt«, grinst er. »Es waren aber nur 43 Sekunden Musik, wenn Robert de Niro Bus fährt - die einzige Originalmusik im ganzen Film übrigens.« An de Niros neuestem Streifen The Good Shepherd war Watson bedauerlicherweise nicht beteiligt. »Ich wünschte, ich wäre es«, meint er lachend, »dann wäre ich finanziell saniert!«

The Leaders haben mit Spirits Alike ein saftiges und übersprudelnd vitales Jazz-Album hingelegt, wie es in derartiger Qualität und Dichte nur noch selten entsteht. Mit Bobby Watsons »Deep Pockets« verfügt die CD außerdem über einen eminent funky Opener, der auch zufällige Hörer begeistern dürfte. Wollen wir hoffen, dass dieses Sextett uns als eine echte Working Band noch eine Weile erhalten bleibt!


Aktuelle CD:
The Leaders: Spirits Alike (Double Moon / Sunny Moon)